von Cornelia Heins
Die Kunst an den Wänden seines Büros, meist blutige Stierkämpfe, zeigt, dass Carl Icahn Auseinandersetzungen liebt – auch heute, im Alter von 73 Jahren. Carl Icahn benutzt seit Jahrzehnten dasselbe Rezept: Unterbewertete Firmen identifizieren, sich daran beteiligen und ihren Wert durch Umstrukturierung oder Veräusserung von Unternehmensteilen wieder aufmöbeln. So ist beispielsweise die Abspaltung des Internetdienstleisters AOL vom Medienunternehmen Time Warner, die in diesem Monat vollzogen worden ist, sowie die zuvor erfolgte Abtrennung des Kabelnetzgeschäfts auf Icahns Initiativen zurückzuführen. Hin und wieder schlagen solche Transaktionen fehl, meist aber sind sie erfolgreich: Das Vermögen von Icahn beläuft sich laut Schätzung von Forbes auf 8,5 Milliarden Dollar. Icahn erscheint seit den Siebzigerjahren regelmässig in den Schlagzeilen, im Zusammenhang mit Firmen wie RJR Nabisco, TWA, Texaco, Phillips Petroleum, Western Union, Revlon, Imclone oder wie jüngst Yahoo und Motorola.
Der angeschlagene Telekomausrüster Motorola ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Icahn sein Geschäft betreibt. Er liebt nämlich Unternehmen, die ein schlechtes Management haben und miserabel geführt sind und die daher weit unter ihrem wahren Wert gehandelt werden. So fing Icahn 2006 an, Motorola-Aktien zu erwerben. Und wie üblich stellte er dann Forderungen an die Firmenleitung. Zuerst verlangte er den Abgang von CEO Ed Zander, ehemals Nummer 2 bei Sun Microsoft, was im Dezember 2008 auch geschah. Gleichzeitig forderte er zwei Sitze im Verwaltungsrat, um eine Aufspaltung des Konzerns in Form einer Auslagerung seiner Handy-Sparte zu erzwingen.
Icahns Ziel ist immer dasselbe: den Wert für die Aktionäre zu erhöhen. Viele Beobachter bezweifeln allerdings, dass Icahn, der sich heute selbst als Aktionärsaktivist bezeichnet, tatsächlich das Wohl des Anlegers im Sinn hat, wenn er Firmen ins Visier nimmt. Denn unter der Führung von Ed Zander begann Motorola, nicht nur eine eigene Identität zu entwickeln, sondern managte auch eine konservative Bilanz. Aber die Finanzkrise machte Icahn sowieso einen Strich durch die Rechnung, denn der Aktienpreis von Motorola schwankte in den vergangenen zwei Jahren zwischen knapp drei und zehn Dollar. Trotzdem hält Icahn nach wie vor über seine an der New Yorker Börse notierte Firma Icahn Enterprises knapp 120 Millionen Aktien des Telekom-Unternehmens Motorola.
Schlagzeilen machte der umstrittene Investor auch mit seinen Übernahmeversuchen bei Yahoo, nachdem er sich vor 15 Monaten einen Sitz im dortigen Verwaltungsrat sichern konnte und den Gründer der Firma, Jerry Yang, von seinem CEO-Posten stiess. Icahns Ziel war es, Microsoft zu einer Übernahme von Yahoo im Wert von 47,5 Milliarden Dollar oder 33 Cent pro Yahoo-Aktie zu bewegen.
Die Taktik war allerdings nicht erfolgreich. Icahn, der heute einen auf rund fünf Prozent geschätzten Anteil an Yahoo im Wert von rund einer Milliarde Dollar hält, trat Ende Oktober aus dem Verwaltungsrat zurück. Dass er die Firma verliess, liess allerdings keine Rückschlüsse darauf zu, ob er seine Beteiligung aus Frustration verringert hat oder wegen der zunehmenden Konkurrenz, die Yahoo durch Google und andere lukrative Internetdienstleister wie Facebook erhalten hat. Kritiker fragen sich, warum Icahn überhaupt einen Sitz im Verwaltungsrat der Software-Firma erkämpft hatte, wenn er ihn so rasch wieder aufzugeben bereit war.
Vielleicht lag der Grund darin, dass Icahn gleichzeitig auf einem ganz anderen Feld gefordert war – durch die ungenügende Performance seiner Firma Icahn Partners. Dieser Fonds, der 2004 gegründet worden war und drei Jahre lang positive Resultate erwirtschaftete, schrieb seinen ersten Verlust im dritten Quartal 2007 aufgrund schlechter Investments beim Autozulieferer Lear sowie beim Immobilienbauherrn WCI.
Icahn, ein Einzelkind, das während der Grossen Depression der Dreissigerjahre in Queens aufwuchs, gilt als einschüchternd und ist bekannt dafür, sich mit der Hartnäckigkeit eines Terriers einzusetzen. Verwaltungsräte, die mit ihm zu kämpfen hatten, bestätigen denn auch, dass er geradezu obsessiv in seiner Jagd nach «Action» ist. Noch in den Achtzigerjahren zahlten Unternehmen, die von ihm ins Visier genommen wurden, sogenannte «Greenmail»-Gelder, nur damit er sie in Ruhe liess. In Zeiten zunehmender Transparenz ist das ein Gebaren, das nicht mehr zulässig ist.
Icahn hat sein Image vom Raider zum Aktionärsaktivisten gewechselt. Und manchmal, zum Beispiel bei der erzwungenen Übernahme von BEA Systems durch den Wettbewerber Oracle, profitierte der Publikumsaktionär in der Tat. Icahn selbst verdiente angeblich 300 Millionen Dollar mit dieser Transaktion. Er behauptet zwar, er erhalte regelmässig Anrufe von unzufriedenen Aktionären, die darauf hofften, dass mit seinem Eingreifen ihre Aktien steigen und das Management effektiver arbeiten würde, aber der Raider gibt auch zu, dass Aktionäre und ihre Rechte in einem Unternehmen, an dem er sich beteiligt, sekundär seien. «Ich verdiene Geld und daran ist nichts falsch. Das ist, was mir am meisten Freude bereitet.»
Icahn ist eine Spielernatur. Selbst sein Studium an der renommierten Princeton Universität, das er nie abschloss, finanzierte er am Pokertisch. Seine Karriere an der Wall Street schlug nachhaltig ein, als er 1968 Icahn & Co. gründete, eine Firma, die sich auf Risiko-Arbitrage und Optionenhandel spezialisiert hat. Heute arbeitet er an der Seite seines Sohnes Brett und seiner zweiten Frau Gail zusammen mit 40 Mitarbeitern.
Als versierter Pokerspieler geht Icahn allerdings nur kalkulierbare Risiken ein. Seine Strategie, grosse Aktienpositionen an Firmen zu übernehmen, ohne Optionen dafür einzusetzen und so sein Risiko zu minimieren, funktionierte fabelhaft, solange die Börsen gut liefen. Abzuwarten bleibt, ob ihn sein Risikoinstinkt beim krisengeplagten US-Mittelstandsfinanzierer CIT nicht getäuscht hat, wo er Schuldscheine im Wert von zwei Milliarden Dollar übernahm. Als grösster Schuldner setzte er zunächst auf einen Konkurs, unterstützte dann aber den Restrukturierungsplan des CIT-Managements, der einen längeren Anlagehorizont erfordert als die Zerschlagung von CIT im Rahmen eines Konkursverfahrens. Aber auch das gehört zu einem Pokerspieler: Warten können.
Ein anderes Tätigkeitsfeld von Icahn ist die Biotechnologie – er setzt dort darauf, dass die Branche von Fusionen und Übernahmen geprägt sein wird. Daher erhöhte er im Februar 2009 seinen Anteil sowohl bei Amylin Pharmaceuticals als auch bei Enzon. Im Sommer dieses Jahres übernahm Icahn zudem zwei Verwaltungsratssitze bei Biogen Idec. Das Biotech-Unternehmen mit rund vier Milliarden Dollar Umsatz hat sich auf das Bekämpfen von Krebskrankheiten, multipler Sklerose und rheumatischer Arthritis spezialisiert.
Bereits im Oktober 2006 übernahm eine Gruppe von Anlegern unter Icahns Ägide die Mehrheit der von Skandalen gebeutelten Imclone Systems. Zwei Jahre später offerierte Bristol-Myers Squibb, die Firma für 60 Dollar pro Aktie zu übernehmen. Nachdem Bristol-Myers die Offerte um zwei Dollar erhöht hatte, drohte sie Icahn, ihn in seiner Position als Vorsitzender von Imclone zu ersetzen, würde das Angebot nicht angenommen. Aber Icahn liess sich nicht einschüchtern: Vier Wochen später verkaufte er das Unternehmen für 70 Dollar pro Aktie – insgesamt 6,5 Milliarden Dollar – an Eli Lilly.
Den gleichen Coup hofft er mit der erwähnten Biotechfirma Amylin zu landen, deren Hauptprodukt das Diabetesmittel Byette ist. Amylin verzeichnete im vergangenen Jahr über 840 Millionen Dollar Umsatz und sollte im kommenden Jahr einen positiven Cashflow aufweisen. Der neue Vorsitzende von Amylin, der auf Druck von Icahn eingesetzt wurde, ist Paulo Costa, der ehemals die US-Division von Novartis führte.
Eine ganz andere Seite zeigt Icahn ausserhalb seines Berufs. Sein Wohlstand erlaubt ihm, Hobbys wie dem Pferderennsport und der Pferdezucht nachzugehen und seine Stiftung für obdachlose Kinder und Familien aktiv zu unterstützen. Er stellt auch jährlich 160 000 Dollar Schulgelder für je zehn begabte Studenten an der Top-Privatschule Choate zur Verfügung. Angesichts seiner karitativen Seite wird Icahn womöglich überrascht sein, dass von ihm oft als von dem Mann gesprochen wird, der von den meisten gehasst wird.