FRANKFURT (dpa-AFX) - Im europäischen Schuldendrama ist die teilverstaatlichte
Commerzbank tief in die roten Zahlen gestürzt. Im dritten Quartal musste sie erneut hohe Abschreibungen auf ihre griechischen Staatsanleihen vornehmen. Auch das Kerngeschäft lief nicht mehr so gut wie in der ersten Jahreshälfte und konnte das katastrophale Ergebnis der Krisentochter Eurohypo nicht wettmachen. Angesichts der großen Verunsicherung an den Finanzmärkten und der nicht gelösten Schuldenkrise kassierte die zweitgrößte deutsche Bank ihre Gewinnprognosen. Um die Risiken zu verringern, stoppt sie vorübergehend die Kreditvergabe in Randgeschäftsfeldern. Zudem trennt sie sich von Staatsanleihen der Krisenländer.
Im dritten Quartal stand beim operativen Ergebnis ein Minus von 855 Millionen Euro nach einem Plus von 116 Millionen Euro vor einem Jahr. Das war schlechter als von Experten befürchtet. Unter dem Strich stand ein Verlust von 687 Millionen Euro. Vor einem Jahr hatte die Bank in diesem Zeitraum noch 113 Millionen Euro verdient. Die von der Schuldenkrise ausgelösten Marktturbulenzen setzten in den drei Monaten bis Ende September anders als zuvor auch dem Kerngeschäft zu. Vor allem im Investmentbanking musste die Commerzbank Federn lassen, blieb aber im Unterschied zu vielen Konkurrenten noch knapp in den schwarzen Zahlen.
SCHWÄCHSTE Aktie IM DAX
Börsianer reagierten enttäuscht. Die Aktie verlor am Nachmittag fast 4 Prozent auf 1,65 Euro. Sie ist mit einem Abschlag von mehr 60 Prozent in diesem Jahr der schlechteste Wert im Dax (DAX). Equinet-Analyst Philipp Häßler sprach von schwachen Zahlen. Positiv stellte er aber die von Commerzbank-Chef Martin Blessing angekündigten Schritte zur Verbesserung des Kapitalpuffers heraus. Damit werde die Bank eine Kapitalerhöhung oder gar eine neuerliche Staatshilfe wohl vermeiden können.
Nach vorläufigen Berechnungen der europäischen Bankenaufsicht EBA hat die Commerzbank bei einer marktgerechten Bewertung aller Staatsanleihen eine Kapitallücke von 2,9 Milliarden Euro. Das letzte Wort über die Berechnungen ist aber laut Finanzvorstand Eric Strutz noch nicht gesprochen. Bis Sonntag muss er neue Daten zu den Aufsehern nach London schicken.
KEINE NEUEN KREDITE IN RANDGESCHÄFTEN
Um die Kapitallücken zu füllen, will die Commerzbank den Abbau der Risiken vor allem außerhalb des Kerngeschäfts beschleunigen. So werden außerhalb Deutschlands und Polens in den kommenden sieben Monaten keine neuen Kredite ausgegeben. Zudem will die Bank Gewinne einbehalten und die Kosten bei externen Beratungsleistungen prüfen. Auf die Verkaufsliste kommen "nicht-strategische" Finanzbeteiligungen. Auf jeden Fall im Konzern bleiben sollen aber die profitablen Töchter Comdirect (comdirect bank) und die polnische BRE Bank. Ein Stellenabbau ist laut Strutz mit den Einschnitten nicht verbunden.
Die in der Krise bereits mit vielen Steuermilliarden gerettete Bank korrigierte den Wert ihrer griechischen Staatsanleihen um weitere 798 Millionen Euro nach unten. Schon im zweiten Quartal hatte das Institut ein Viertel des Wertes abgeschrieben und dafür eine Belastung von 760 Millionen Euro verbucht. Grund für die neue Abwertung ist die Ankündigung der Finanzbranche beim jüngsten Euro-Gipfel, freiwillig bei einem 50-prozentigen Schuldenschnitt für Griechenland mitzumachen. Wegen der Abschreibungen dürfte die Commerzbank auch in diesem Jahr keine Zinsen für die verbliebenen Staatshilfen zahlen.
ZUKUNFT DER EUROHYPO UNKLAR
Die Commerzbank hat das Engagement in den besonders hoch verschuldeten Staaten deutlich reduziert und will dies weiter tun: Seit Jahresbeginn hat sie ihr Engagement in Staatsanleihen von Griechenland, Italien, Irland, Portugal und Spanien um mehr als 20 Prozent auf 13 Milliarden Euro gesenkt. Die Anleihen liegen vor allem bei der Tochter Eurohypo, die die Bank auf Geheiß der EU im Gegenzug für die erhaltenen Staatshilfen bis 2014 verkaufen muss. Ob das gelingt, ist aber sehr fraglich. Gerüchte, wonach die Eurohypo aufgespalten werden soll, kommentierte die Commerzbank nicht.
Eine konkrete Prognose für 2011 traute sich Bank knapp zwei Monate vor Jahresende angesichts der Schuldenkrise nicht mehr zu. Bereits vor drei Monaten hatte der Vorstand seine Gewinnprognose für den Konzern unter den Vorbehalt "stabiler Märkte" gestellt. Ziel war es bislang, den operativen Gewinn "signifikant" über den Vorjahreswert von 1,4 Milliarden Euro zu steigern. Auch das Ziel, im kommenden Jahr einen operativen Gewinn von 4 Milliarden Euro zu erwirtschaften, gab die Bank auf. Für 2012 erwartet das Management aber zumindest in der Kernbank - dazu gehören das Privatkundengeschäft, die Mittelstandsbank, die Osteuropa-Sparte und das Investmentbanking - noch ein "gutes operatives Ergebnis"./enl/stw/tw
--- Von Erik Nebel, dpa-AFX ---