MOSKAU/KIEW (dpa-AFX) - Nach dem russischen Stopp von Gas-Lieferungen an die Ukraine haben sich die Fronten zwischen Moskau und Kiew am Sonntag weiter verhärtet. Das ukrainische Unternehmen Naftogas forderte den russischen Monopolisten Gazprom zur sofortigen Wiederaufnahme der Lieferungen auf. Anderenfalls könne es zu Problemen beim Transit von russischem Gas nach Westeuropa kommen, sagte ein Sprecher in Kiew. Bereits zwei Tage nach Beginn des Gas- Streits führte der Konflikt am Samstag zu ersten negativen Auswirkungen für Energieversorger in Mitteleuropa. Durch Pipelines aus der Ukraine strömte weniger russisches Gas nach Rumänien, Bulgarien, Polen und Tschechien. Für die Versorgung in Deutschland hat der Streit nach Angaben von E.ON Ruhrgas bisher keine Folgen.
BISLANG KEINE AUSWIRKUNGEN IN DEUTSCHLAND
"Bislang können wir noch keine Auswirkungen feststellen", sagte ein Sprecher des führenden deutschen Erdgas-Importeurs am Samstag. "Wir bekommen das Gas, was wir bestellt haben", betonte der Sprecher des E.ON-Tochterunternehmens. Am Vortag habe es in der Leitung wohl einen leichten Druckabfall gegeben. Etwa 80 Prozent des russischen Gases, das nach Deutschland komme, fließe über die Rohrleitung, die durch die Ukraine führe. E.ON Ruhrgas beliefert eine ganze Reihe von Stadtwerken und Großkunden.
Angesichts der fehlgeschlagenen Verhandlungen will Russland nun die Europäische Kommission als Vermittler gewinnen. Unabhängige Beobachter sollten in der Ukraine prüfen, ob die Führung in Kiew das russische Gas unangetastet an Westeuropa weiterleitet, schlug der Monopolist Gazprom am Sonntag in einem Brief an Brüssel vor. Es gebe Hinweise, dass die Ukraine mindestens 25 Millionen Kubikmeter Gas illegal abgezapft habe, sagte Firmensprecher Sergej Kuprijanow nach Angaben der Agentur Itar-Tass. Die tschechische EU- Ratspräsidentschaft lehnt eine Vermittlung ab.
Der Prager Europaminister Alexandr Vondra kündigte nach einem Treffen mit Gazprom-Vizechef Alexander Medwedew aber für diesen Montag eine Zusammenkunft der EU-Botschafter in Brüssel an. Medwedew hatte der Ukraine bei einem Besuch in Tschechien vorgeworfen, Europa und Russland mit dem illegalen Abzapfen von Gas zu erpressen. Er will in den nächsten Tagen auch nach Berlin reisen, um "ein realistisches Bild von den Schuldigen und den Lösungsvorschlägen" zu vermitteln. Auch Kremlchef Dmitri Medwedew schaltete sich in den Streit ein. Das Staatsoberhaupt stimmte einer Klage gegen die Ukraine vor dem internationalen Schiedsgericht in Stockholm zu.
KONFLIKT IN OSTEUROPA BEREITS SPÜRBAR
In mehreren Ländern machte sich der am Neujahrstag aufgebrochene Konflikt bemerkbar. So erhält Bulgarien, das bei der Energiezufuhr fast ausschließlich auf Moskau angewiesen ist, bis zu 15 Prozent weniger russisches Gas aus der Ukraine. In Rumänien kommen rund 20 Prozent weniger Gas an. Polen meldet ein Minus von etwa elf Prozent, Tschechien von fünf Prozent. Gazprom habe mittlerweile seine Lieferungen durch Pipelines außerhalb der Ukraine Richtung Westen verstärkt, berichtete der russische TV-Sender "Westi". In der Ukraine wird Russland vorgeworfen, mit dem Gas wegen der prowestlichen Haltung des Nachbarlands wirtschaftlichen Druck ausüben zu wollen. In Kiew sagte ein Naftogas-Sprecher, sollte nicht bald ein neuer Vertrag geschlossen werden, werde das Unternehmen den Energieriesen ebenfalls bei der Stockholmer Handelskammer verklagen. Der finanziell angeschlagenen Ukraine ist der von Russland geforderte Preis von 250 Dollar je 1000 Kubikmeter Gas zu hoch. Vor drei Jahren war bei einem ähnlichen Streit zeitweise weniger Gas nach Deutschland geströmt./wo/DP/gr