ESSEN (dpa-AFX) - Der geplante Verkauf der Stahlwerke in Brasilien und den USA läuft Kreisen zufolge bei
ThyssenKrupp nicht wie erhofft. Der Konzern habe Interessenten aufgefordert, neue Angebote vorzulegen, erfuhr die Nachrichtenagentur Bloomberg am Freitagabend und beruft sich auf informierte Kreise. An der
Börse kam das schlecht an. Am Montagvormittag verloren ThyssenKrupp-Aktien mehr als 4 Prozent. Bislang hatten Gerüchte aus Verhandlungskreisen Mut gemacht, dass der Konzern sein amerikanisches Stahlgeschäft schnell und halbwegs wertschonend los werden könnte.
Doch nun zeigt sich, dass das Interesse an den Werken doch nicht so groß ist, wie viele Anleger offenbar bislang angenommen haben. ThyssenKrupp jedenfalls ist den Informationen zufolge mit den bisherigen Offerten unzufrieden. Die Stahlwerke in Brasilien und im US-Bundesstaat Alabama stehen noch mit rund 7 Milliarden Euro in den Konzernbüchern. Vorstandschef Heinrich Hiesinger hatte dies als Erlösziel ausgegeben. Die bisherigen Gebote belaufen sich zusammen allerdings dem Vernehmen nach lediglich auf 3 bis 4 Milliarden Euro.
Ein Börsenhändler bezeichnete die Konzern-Forderung als "unangemessen". Sollte der Konzern an diesem Preis festhalten, werde die Transaktion scheitern und die Aktie fallen. Ein andere Marktteilnehmer sprach von taktischen Gründen hinter dem Vorgehen von ThyssenKrupp.
Laut bisherigen Medienberichten gingen acht bis neun Angebote ein. Zu den Bietern für einen oder beide Standorte gehören demnach ArcelorMittal , die asiatischen Konzerne Baosteel, Posco (POSCO (Spons ADRS)), Nippon Steel und JFE, Vale und CSN aus Brasilien sowie die US-Stahlkonzerne Nucor und US Steel (United States Steel). Wie ernsthaft die Bekundungen sind, ist unklar. Einige von den Konzernen wie Posco ließen zuletzt indirekt verlauten, dass sie zunächst nur einen Blick in Bücher werfen wollten. Bislang hieß es, dass ThyssenKrupp schon bis zum Jahresende Käufer gefunden haben will.
Ein Konzernsprecher wollte sich zum Verkaufsstand nicht äußern. Er betonte aber, dass das Interesse an beiden Werken "nach wie vor" hoch sei, Werksbesichtigungen hätten dies untermauert. "Wegen der Komplexität des Prozesses und des unterschiedlichen Interesses potenzieller Investoren an einem beziehungsweise beiden Werken können wir zum weiteren Zeitplan aktuell keine Angaben machen", erklärte der Sprecher und wiederholte damit bisherige Aussagen.
Sollte ThyssenKrupp den Buchwert der Werke nicht erzielen, drohen Abschreibungen. Die erst vor Kurzem fertig gestellten Anlagen haben sich für ThyssenKrupp wegen Planungsfehlern und veränderter Rahmenbedingungen wie der Aufwertung der brasilianischen Währung zu einem Milliardengrab entwickelt. Rund 12 Milliarden Euro hat der Konzern inzwischen für die Anlagen ausgegeben. Im operativen Geschäft erzielen die Anlagen hohe Verluste.
Im Mai zog Vorstandschef Hiesinger die Reißleine und stellte die Werke zum Verkauf. Der Manager will den Konzern stärker zu einem Technologieunternehmen umbauen. Dabei behindern ihn die fast 6 Milliarden Euro Schulden, die vor allem durch den Bau der Stahlwerke in Übersee entstanden sind.
Nach einem Verkauf der Werke in Übersee würde der Umsatzanteil von Stahl bei ThyssenKrupp auf rund 30 Prozent sinken. An den dank ihrer Ausrichtung auf den Auto- und Maschinenbau sehr wettbewerbsfähigen Anlagen in Deutschland will der Konzern festhalten. Dagegen soll der Verkauf des Edelstahlgeschäfts an den finnischen Konkurrenten Outokumpu noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Entscheidend ist das Votum der EU-Wettbewerbsschützer, das am 16. November erwartet wird./enl/stb/fbr