BERLIN (dpa-AFX) - Der Vorstandschef des Energiekonzerns
RWE, Jürgen Großmann, rechnet für die Energiewende in Deutschland insgesamt mit Kosten von 250 bis 300 Milliarden Euro. Bei der Umsetzung setzt er auf mehr Wettbewerb. "Statt Interventionismus ist die Verankerung einer Wettbewerbskultur geboten", sagte Großmann am Dienstag bei der "Handelsblatt Jahrestagung Energiewirtschaft" mit Blick auf Förderungen wie etwa durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EGG), bei dem ein Ausufern der Kosten befürchtet wird. Ökonomisch sei der schnelle Ausbau der erneuerbaren Energien nicht. Auch Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) verteidigte seine Überlegungen zum Umbau der Ökoenergie-Förderung.
Die Förderung der Erneuerbaren Energien sei vor über 20 Jahren entstanden, als eine Energieform angestoßen werden sollte, die noch in den Kinderschuhen steckte. "Aber heute müssen wir darüber diskutieren, ob die Erneuerbaren nicht erwachsen geworden sind und sich bewähren müssen am freien Markt", sagte Rösler. Der Minister geht mit seiner Forderung zu einem Umbau des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) auf Konfrontationskurs zu Umweltminister Norbert Röttgen (CDU), erhält aber Zuspruch aus der Wirtschaft.
Das "süße Gift der Subvention" nage an der Wettbewerbsfähigkeit der Branche der Erneuerbaren, sagte Rösler. Die über eine Umlage auf den Strompreis geförderte Ökoenergie belastet deutsche Haushalte in diesem Jahr im Schnitt mit etwa 125 Euro im Jahr. Wegen des starken Zubaus, vor allem bei den Solaranlagen, könnte es noch mehr werden. Rösler sucht daher nach Wegen, die bisherige Förderung mit festen Fördersätzen abzulösen. Das ist seiner Meinung nach vor allem vor dem Hintergrund des Plans nötig, den Ökostromanteil bis 2050 auf 80 Prozent zu bringen.
Der RWE-Chef erwartet höhere Stromkosten für die Verbraucher. "Ich befürchte, es wird teurer, davon gehen alle aus", sagte Großmann bei dem größten Treffen der Branche. "Aber die Frage ist, wer soll es bezahlen", fügte der RWE-Chef an. Für stromintensive Unternehmen wie etwa BASF oder ThyssenKrupp würde der Erhalt ihrer Standorte in Deutschland wegen der hohen Belastungen immer schwieriger. Dass Deutschland die neue Situation mit deutlich weniger eigenem Atomstrom bisher gut gemeistert habe, liege nicht zuletzt am europäischen Binnenmarkt. Vor allem aus dem "Atomland Frankreich" habe Deutschland viel Strom bezogen.
Als eine der großen Baustellen sieht Großmann den Netzausbau und die Blockadehaltung der Bevölkerung. "Die Protestdichte ist mit derzeit etwa einer Bürgerinitiative pro Kilometer Netzausbau in keinem europäischen Land so hoch wie in Deutschland", so der RWE-Chef. Er warnte, das Ausland werde auf Dauer nicht Stromleitungen bauen, über die Energie an die deutschen Kunden fließe, wenn diese ihrerseits "jeden Mast verhindern".
Die Idee von EU-Energiekommissar Günther Oettinger zu einer Fusion des Unternehmens mit dem größten deutschen Energiekonzern Eon nahm Großmann aufs Korn. Früher seien bei dem Branchentreffen Vertreter großer, international bedeutender Konzerne aufgetreten. "Heute bin ich da, der vom Regionalligaclub RWE", sagte der RWE-Chef in Anlehnung an Oettingers Aussage, RWE und Eon seien im Weltmaßstab nur Regionalliga und sollten sich daher zusammentun. Schon allein an kartellrechtlichen Fragen dürfte die Idee seiner Meinung nach scheitern./nmu/wiz