BERLIN (dpa-AFX) - Die deutsche Versicherungswirtschaft warnt davor, die Niedrigzinspolitik in Europa noch lange fortzusetzen. Dieser Aspekt der Finanzkrise sei für die Versicherer "weit schlimmer als jede Abschreibung auf griechische Staatsanleihen", sagte der Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Rolf-Peter Hoenen, am Donnerstag in Berlin.
Unterdessen hat die nachlassende Nachfrage nach Lebensversicherungen gegen Einmalbeitrag der Branche in diesem Jahr voraussichtlich einen Prämienrückgang eingebrockt. Nach dem Rekordjahr 2010 dürften die Beitragseinnahmen der deutschen Versicherer nun um 1,2 Prozent auf 176,7 Milliarden Euro sinken, schätzt der GDV. Die Schaden- und Unfallversicherung sowie die Krankenversicherung legten allerdings erneut zu, in der Lebensversicherung gegen laufende Beiträge dürften die Prämieneinnahmen stabil bleiben.
Für 2012 zeigte sich GDV-Präsident Rolf-Peter Hoenen vorsichtig optimistisch: Bei aller Unsicherheit der Prognosen erscheine eine Verbesserung der Beitragsentwicklung möglich.
Angesichts des Dauertiefs an der Zinsfront sorgen sich die Versicherer jedoch um die Attraktivität ihrer Produkte. Die derzeitige Zinspolitik führe nicht nur zu niedrigen Zinsen etwa für Tagesgeld deutlich unter der Inflationsrate. Derselbe negative Effekt treffe auch diejenigen, die fürs Alter sparten. "Deren Bezüge werden im Ruhestand geringer ausfallen als ohne Niedrigzinsstrategie", sagte Hoenen. Die Lebensversicherungskunden seien "die Leidtragenden dieser Politik des billigen Geldes".
Es gebe sicherlich gute Gründe, die Zinsen künstlich niedrig zu halten, sagte Hoenen. Dies helfe den überschuldeten Staaten und den Banken. "Was mich aber stört, ist, dass wir überhaupt keine Debatte mehr über diese Strategie haben", fügte Hoenen hinzu. Aus Sicht der Versicherer müssten die Politik und die Europäische Zentralbank das Signal geben, "dass es nicht dauerhaft Geld zum Fast-Null-Tarif geben wird. Wir brauchen ein Exit-Szenario aus der aktuellen Zinspolitik."
Ein Zahlungsausfall Griechenlands dagegen hätte kaum Auswirkungen auf die Versicherer und ihre Kunden, sagte Hoenen. "Dafür ist unser Engagement in Griechenland einfach viel zu gering." Selbst wenn noch andere Staaten in Zahlungsschwierigkeiten gerieten, wären die Versicherer in der Reihe der Betroffenen "ziemlich weit hinten". Für Panik gebe es keinen Grund.
Im Streit um die künftigen Aufsichts- und Eigenkapitalregeln für Versicherer forderte Hoenen von der EU-Kommission, den Unternehmen zu ermöglichen, Kunden auch weiterhin "Garantien für eine lebenslange Rentenhöhe morgen zu geben". Die unter dem Namen "Solvency II" bekannten Regeln dürften auch nicht dazu führen, dass kleinere, mittelständische Versicherungen von Großkonzernen verdrängt würden. Im Zuge von "Solvency II" müssen Versicherer langfristige Garantieversprechen an ihre Kunden mit mehr Kapital unterlegen als bislang.
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte, für die Bundesregierung stehe fest, dass die Reform nicht zur Marktbereinigung führen dürfe, sondern dass "Solvency II" wettbewerbsneutral bleiben müsse. Die große Vielfalt und der starke Wettbewerb auf dem deutschen Versicherungsmarkt hätten sich bewährt.
Mit Blick auf die Finanzmarktkrise sei das Kerngeschäft der Versicherungen - mit Prämien und Zahlungen im Versicherungsfall - unproblematisch, sagte Schäuble. Das Beispiel des US-Versicherungsriesen American International Group (AIG) habe aber gezeigt, dass es auch systemrelevante Versicherungen geben könne, die der Staat retten müsse. Versicherungen seien in starkem Maße eben auch Finanzinstitute.
Schäuble zeigte sich überzeugt, dass die europäischen Versicherer mit Solvceny II einen "neuen Qualitätsstandard" setzen. Er fügte hinzu: "Und sie werden sich damit langfristig Wettbewerbsvorteile sichern."/brd/stw/DP/wiz