20.07.2012 03:00
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Neuer RWE-Chef - Hartnäckig im Hintergrund

RWE auf dem Prüfstand
Sein Vorgänger machte gern auf Rambo. Der neue RWE-Chef Peter Terium bevorzugt dagegen diplomatische Töne, bleibt in der Sache aber hart. Das kommt an, auch an der Börse.
€uro am Sonntag

von Klaus Schachinger, Euro am Sonntag

Anleger sollten sich den 14. August vormerken. Peter Terium (48), seit Anfang des Monats Chef des zweitgrößten deutschen Energieversorgers RWE, wird dann zusammen mit der Quartalsbilanz Details zu den geplanten und dringend benötigen Einsparungen und Beteiligungsverkäufen bekannt geben. Sieben Milliarden Euro sollen dadurch in die Konzernkasse gespült werden.

Die erste große Transaktion könnte der Verkauf der tschechischen Pipelinetochter Net4Gas werden. Bis zum 22. Juli sollen vorläufige Angebote eingeholt werden. Der Verkaufspreis wird auf 1,4 Milliarden Euro geschätzt. Bisher soll es drei Interessenten für das Gasnetz geben.

Gut läuft es auch beim Verkauf der Anteile an den Berliner Wasserbetrieben. Mitgesellschafter Veolia, mit dem RWE die Hälfte der Wasserbetriebe besitzt und der den Ausstieg des Partners zunächst verhindern wollte, will seine Anteile jetzt ebenfalls loswerden. Offen ist, wie Berlin den 1,3-Milliarden Euro schweren Rückkauf finanzieren will.

Das Geld aus den Beteiligungsverkäufen braucht RWE dringend. Im vergangenen Jahr ist der operative Gewinn (Ebita) um 18 Prozent auf 8,5  Milliarden Euro geschrumpft. So musste zum Beispiel der Atommeiler Biblis als Folge der Reaktorkatastrophe in Fukushima vom Netz genommen werden. Die Nettoverschuldung stieg im Gegenzug auf 29,9 Milliarden Euro — viel zu viel.

Alles auf dem Prüfstand
Terium, der im September 2011 zum Stellvertreter seines Vorgängers Jürgen Großmann aufgerückt war, hatte im Februar betont, dass er alle Gesellschaften auf den Prüfstand stellen werde. Er wolle, „dass die Mitarbeiter nicht nur die richtigen Dinge tun, sondern die Dinge auch richtig tun“.

Dabei ist für den Renditetrimmer längst klar: RWE wird sein Geschäft künftig mit weniger Mitarbeitern betreiben. Einschließlich der Beteiligungsverkäufe sollen 8000 von insgesamt 72 000 Arbeitsplätzen im Konzern zur Disposition stehen. Terium selbst nennt bisher keine Zahlen für den Stellenabbau. Er betont nur, dass alles sozialverträglich ablaufen werde.

Um Kosten zu sparen, setzt Terium auch bei einigen Investitionsvorhaben an. Weitere Großkraftwerke, etwa Kohle- oder Gaskraftwerke, sollen bis auf Weiteres nicht gebaut werden. Ältere, unrentable Anlagen will Terium abschalten.

Diplomat löst Raubein ab
Im Dialog mit der Politik ist der gelernte Wirtschaftsprüfer ein exakter Gegenentwurf zu seinem Vorgänger. Jürgen Großmann, vor seinem Topjob bei RWE bereits ein erfolgreicher Unternehmer, polterte gern. Unvergessen ist, wie er als Befürworter der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke die üppige Solarförderung in Deutschland geißelte und sie mit dem Anbau von Ananas in Alaska verglich.

Großmanns Nachfolger Terium bevorzugt dagegen eher leise Töne. Er akzeptiert die politischen Rahmenbedingungen und sieht RWE bei der Energiewende, anders als sein Vorgänger, als „Teil der Lösung“. Die Folgen dieses neuen Ansatzes sind enorm. Denn plötzlich will RWE bei Solarstrom aktiv mitmischen. Weil die Technik inzwischen viel billiger ist als vor Jahren gedacht, werde man sich mehr mit diesem Thema beschäftigen, kündigte das Management an. Zusammen mit Stadtwerken will der Konzern künftig in Solarparks investieren.

Im Gegenzug steigt RWE nach und nach komplett aus dem Geschäft mit der Kernenergie aus. Nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland. So wurden die Pläne, zusammen mit Eon über das britische Joint Venture Horizon bis 2025 rund 18 Milliarden Euro in Atomkraftwerke zu investieren, aus Kostengründen aufgegeben.

Vermutlich zum Jahresende werden chinesische Konzerne in Allianzen mit westlichen Partnern das Kernenergieprojekt der deutschen Versorger in Großbritannien übernehmen. Während RWE komplett auf den Bau neuer Atomkraftwerke verzichtet, will Eon in Finnland weitermachen.

Trotz all der neuen Ideen und Beschlüsse: Im Vergleich zu seinem Rivalen Eon hinkt RWE bei der Restrukturierung noch hinterher. Den Aktienkurs hat das zuletzt dennoch nicht belastet. Im Gegenteil. Was von Teriums Plänen bisher durchsickerte, reichte aus, um die Aktie seit Jahresbeginn an die Spitze des DAX zu befördern. Trotzdem sind die Papiere im Vergleich zu Eon und zur Branche günstig bewertet.

Gazprom bleibt im Fokus
Die wahrscheinlich härteste Nuss, die der neue RWE-Chef zu knacken hat, sind die Verhandlungen mit Gazprom über marktkonforme Gaspreise. Bislang bleibt Terium hartnäckig. Gazproms Vorschläge blieben „noch weit hinter dem zurück, was wir mit anderen erreicht haben“, kommentierte ein Sprecher, als die Russen eine Einigung mit den deutschen Versorgern für Anfang Juli in Aussicht stellten.

Sowohl Eon als auch RWE schreiben im Gashandel hohe Verluste. Denn: Der Gaspreis ist in den alten Gazprom-Verträgen an die Entwicklung des Ölpreises gebunden. Doch durch das Überangebot und zusätzliche Energieressourcen wie Flüssiggas (LNG) ist der eigentliche Gaspreis viel günstiger. RWE muss also Gas überteuert einkaufen und günstiger weiterverkaufen, weil die Kunden, zum Beispiel Stadtwerke, die hohen Preise nicht akzeptieren.

Da sich die deutschen Versorger mit Gazprom nicht auf neue Verträge einigen konnten, haben sie deshalb vor Schiedsgerichten Verfahren gegen ihren russischen Gaslieferanten eröffnet. Um seine Position als Europas größter Gaslieferant zu verteidigen, scheint Gazprom inzwischen zu Kompromissen bereit.

Hoffen auf neue Gastarife
Wie sich eine Einigung auswirken kann, war erst kürzlich zu sehen. Als sich Eon und Gazprom endlich auf neue Tarife verständigten, feierte das der deutsche Versorger, indem er seine Wachstumsprognosen für das laufende Jahr anhob. Gut möglich, dass dies auch bei RWE passiert. Ein Abschluss zu Eon-Konditionen würde RWE nach Schätzungen der US-Bank Morgan Stanley bis zu 1,5 Milliarden Euro bescheren. Vielleicht überrascht Peter Terium seine Aktionäre damit ja am 14. August.

Investor-Info

RWE
Günstig und stabil
Einsparungen und Beteiligungsverkäufe bieten Überraschungspotenzial und Kursfantasie. Zudem könnten die Ergebnisse der Preisverhandlungen mit den Gaslieferanten Statoil, Shell, GasTerra und vor allem mit Gazprom den Kurs beflügeln. Der hohe Kohleanteil an der Stromerzeugung wirkt sich derzeit günstig auf die Gewinnsituation aus. Grund sind niedrige Preise für CO2-Zertifikate, sagt die US-Bank Morgan Stanley. Deren Analysten erwarten 2012 und in den folgenden drei Jahren jeweils rund sechs Prozent Gewinnwachstum. Da steckt Energie drin.

Eon
Weniger Fantasie Eon hat zum großen Teil schon geliefert, was RWE noch vor sich hat: Kostensenkungen, Beteiligungsverkäufe, die Einigung mit Gaslieferanten. Nach dem Gazprom-Deal erhöhte der Konzern die Prognose für 2012 um fast zwei Milliarden auf 4,1 bis 4,7 Milliarden Euro Gewinn. Im Kurs ist das schon enthalten.

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