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19.12.2005 07:34

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Raucher willkommen: Tabakaktien auf Rekordniveau (EuramS)

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Ein neues Zigaretten-Urteil in den USA treibt Tabakaktien auf Rekordniveau. Analysten glauben, daß die Perspektiven für die Branche so gut sind wie seit zehn Jahren nicht mehr. Für welche Aktien Börsianer Feuer und Flamme sind .

Der Sieger schweigt und genießt. "Wir sind erfreut, werden aber keinen weiteren Kommentar abgeben", erklärte ein Sprecher des amerikanischen TabakRiesen Philip Morris. Ob er sich danach eine Zigarette ansteckte, ist nicht überliefert. Sicher aber ist: Der weltgrößte Zigarettenhersteller hat einen der wichtigsten Siege seiner Geschichte errungen.

Der Oberste Gerichtshof des US-Bundesstaats Illinois kippte am Donnerstag ein Urteil, daß Philip Morris zu zehn Milliarden Dollar Schadensersatz verdonnert hatte. Eine Summe, mit der man jedem US-Bürger locker eine Stange Marlboro, die Top-Marke des Konzerns, spendieren könnte. Das Urteil ist mit großer Wahrscheinlichkeit endgültig. Börsianer reagierten mit einem Freudenfeuer auf den Richterspruch, der großen Einfluß auf ein Dutzend ähnlicher Verfahren haben wird. Die Aktie der Altria Group, des Mutterkonzerns von Philip Morris, legte mehr als fünf Prozent zu und heizte die Lust auf Tabak-Titel weiter an. Die meisten Experten sind längst glühende Verehrer der Kippenkonzerne: "Die Perspektiven sind so gut wie seit zehn Jahren nicht mehr", sagt etwa Michael Smith von der Investmentbank JP Morgan.

Auch wenn Gesundheitsorganisationen unermüdlich vor den Risiken des Tabak-Konsums warnen, die Branche erfreut sich bester Gesundheit. In diesem Jahr werden die yx größten börsennotierten Tabak-Konzerne der Welt einen Nettogewinn von etwa yx Milliarden Euro erzielen.

Allein Marktführer Altria Group, wird 2005 mehr als zehn Milliarden Dollar Überschuß verbuchen. Und das ist noch nicht das Ende, prophezeien Analysten. Jonathan Fell von der Investmentbank Morgan Stanley sieht sogar ein neues Zeitalter: Tabak-Aktien seien inzwischen attraktive Wachstumswerte. Was viele Anleger noch nicht registriert haben: Die Erträge der Konzerne steigen im Rekordtempo. Zweistellige Zuwachsraten beim Gewinn sind keine Seltenheit. Die Entwicklung ist erstaunlich angesichts der Erfolge, die die Nichtraucher-Lobby in den vergangenen Jahren erzielt hat. In vielen Bundesstaaten der USA und in Irland herrscht in öffentlichen Gebäuden, Kneipen und Restaurants absolutes Rauchverbot. Auch in Italien und Spanien wurden strikte Gesetze erlassen, die Nichtraucher vor dem blauen Dunst schützen sollen.

Doch nur wenige Kippenkonsumenten lassen sich bekehren: JP Morgan taxiert den Umsatzrückgang der Industrie durch Rauchverbote auf maximal fünf Prozent. "Die Einbußen sind deutlich niedriger als befürchtet", sagt Analyst Smith. "Die Leute rauchen zuhause oder gehen kurz auf die Straße." Auch höhere Tabak-Steuern und drastische Warnungen auf den Packungen ("Rauchen kann tödlich sein") können die Freude am Glimmstengel nicht ersticken. Philip Morris wird in den USA in der kommenden Woche sogar zum zweiten Mal in diesem Jahr die Preise anheben. Konsumenten müssen in den Staaten für eine Packung Marlboro durchschnittlich 3,31 Dollar bezahlen – zehn Prozent mehr als vor einem Jahr. "Philip Morris signalisiert ungebrochenes Vertrauen in den Aufwärtstrend", kommentiert Citigroup-Analystin Bonnie Herzog die Preiserhöhung, mit der der Konzern rückläufige Verkaufszahlen im Heimatmarkt auffangen will.

Die Märkte der Zukunft liegen für Tabak-Industrie in den aufstrebenden Schwellenländern. In China beispielsweise raucht laut Weltgesundheitsorganisation jeder dritte Erwachsene – das entspricht einer potentiellen Kundengruppe von gut 300 Millionen Personen. Auch in Osteuropa versprechen sich die Konzerne stattliche Zuwächse. In Rußland rauchen über 35 Prozent. Passend zur TabakIndustrie empfiehlt JP Morgan "Aktien von Unternehmen mit einer starken Stellung in Schwellenländern und starken internationalen Marken". Selbst die unberechenbaren Gerichte in den USA haben viel von ihrem Schrecken verloren. Die letzte und bislang einzige schwere Niederlage der Industrie liegt bald ein Jahrzehnt zurück. 1998 stimmten die amerikanischen Zigarettenhersteller einem Vergleich zu: Sie verpflichteten sich, 246 Milliarden Dollar an die Bundesstaaten zu zahlen – als Ausgleich für Kosten, die dem Gesundheitssystem durch erkrankte Raucher entstehen. Klagen von Privatpersonen fechten die Konzerne bis zur letzten Instanz durch. In Illinois hatte Sharon Price, eine an Krebs erkrankte Raucherin, Philip Morris vorgeworfen, sie über die wahren Risiken sogenannter Light-Zigaretten getäuscht zu haben. Ein Gericht verhängte daraufhin eine Strafe von 10,1 Milliarden Dollar – als Sühne für die Täuschung von geschätzten 1,1 Millionen Light-Raucher in Illinois.

Der Oberste Gerichtshof verwarf jetzt diese Entscheidung, weil die Behörden die Verwendung des Begriffs Light damals ausdrücklich genehmigt hatten. Damit hat sich ein weiterer spektakulärer Schuldspruch in den Berufungsverfahren in Rauch aufgelöst. Laut Statistik enden die meisten Prozesse wie der Fall in Illinois. Seit 1996 haben die Konzerne drei Viertel aller Verfahren, die es bis in die Gerichtssäle geschafft haben, gewonnen. Die Masse der übrigen Fälle ist noch nicht entschieden.

Wenn die Industrie doch einmal zahlen mußte, sind die Summen verhältnismäßig niedrig, wie jene 1,1 Millionen Dollar, die Brown & Williamson an den 71jährigen Lucky-Strike-Raucher Grady Carter aus Florida überweisen mußte.

Ermutigend für die Branche: Rechtsanwälte in den USA verlieren zunehmend die Freude an der Zigarettenindustrie, da sie nur im Erfolgsfall hohe Honorare kassieren. In Illinois etwa hätten sie 1,8 Milliarden aus der Schadensersatzsumme einbehalten dürfen. Seit Ende der 90er Jahre ist die Zahl der neueingereichten Klagen gegen die Konzerne um 80 Prozent gesunken. Auch weil der Gesetzgeber, der die Möglichkeiten für Sammelklagen erheblich einschränkte, die Rechtsposition der Industrie erheblich gestärkt hat. Offenbar rechnen sich die Anwaltskanzleien inzwischen in anderen Branchen bessere Erfolgs-Chancen aus. So laufen derzeit 6400 Verfahren gegen den Pharmariesen Pfizer und dessen Medikament Vioxx. Die Klagen gegen die Tabak-Branche hingegen sind seit dem Höhepunkt Ende der 90er Jahre um 80 Prozent zurückgegangen.

Ganz verraucht ist die Gefahr für Aktionäre allerdings nicht. Altria muß sich noch in rund 300 Verfahren verteidigen – die meisten werden von der Gegenpartei nicht mehr aktiv vorangetrieben. In Florida etwa kämpfen die fünf größten Tabak-Konzerne der USA gegen ein Urteil, in dem es um 145 Milliarden Dollar geht. Ein wahrscheinlich endgültiger Richterspruch könnte noch in diesem Jahr erfolgen. Ein Sieg der Konzerne gilt als wahrscheinlich. "Die Last der Prozeßrisiken auf den Aktienkursen nimmt ab", sagt US-Fondsmanager Thomas Russo. Die Pessimisten sind an der Börse inzwischen deutlich in der Minderheit, wie sich an der Bewertung der Tabak-Aktien ablesen läßt. Der Abschlag, mit dem die Aktien lange gehandelt wurden, ist inzwischen abgebaut. Damit allerdings steigt für investierte Anleger die Verlockung, Gewinne mitzunehmen. Allerdings gibt es gute Gründe, bei der Stange zu bleiben.

Ein starkes Argument ist die hohe Dividendenrendite. Sie liegt bei durchschnittlich vier Prozent und dürfte weiter steigen. Das schmeckt Börsianern, die an die 70er Jahre denken, als die Börse der Tabak-Branche einen Aufschlag von 25 Prozent und mehr zugestand. Analyst Jonathan Fell: "Die Tabak-Konzerne machen exakt das, was sie versprochen haben, Quartal für Quartal. Das mag für manche langweilig klingen, ist aber erfolgreich."

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