Ein neues Zigaretten-Urteil in den USA treibt Tabakaktien auf Rekordniveau. Analysten glauben, daß die Perspektiven für die Branche so gut sind wie seit zehn Jahren nicht mehr. Für welche
Aktien Börsianer Feuer und Flamme sind .
Der Sieger schweigt und genießt. "Wir sind erfreut, werden aber keinen weiteren Kommentar
abgeben", erklärte ein Sprecher des amerikanischen TabakRiesen Philip Morris. Ob er sich
danach eine Zigarette ansteckte, ist nicht überliefert. Sicher aber ist: Der weltgrößte
Zigarettenhersteller hat einen der wichtigsten Siege seiner Geschichte errungen.
Der Oberste Gerichtshof des US-Bundesstaats Illinois kippte am Donnerstag ein Urteil, daß
Philip Morris zu zehn Milliarden Dollar Schadensersatz verdonnert hatte. Eine Summe, mit der
man jedem US-Bürger locker eine Stange Marlboro, die Top-Marke des Konzerns, spendieren
könnte. Das Urteil ist mit großer Wahrscheinlichkeit endgültig.
Börsianer reagierten mit einem Freudenfeuer auf den Richterspruch, der großen Einfluß auf ein
Dutzend ähnlicher Verfahren haben wird. Die Aktie der Altria Group, des Mutterkonzerns von
Philip Morris, legte mehr als fünf Prozent zu und heizte die Lust auf Tabak-Titel weiter an.
Die meisten Experten sind längst glühende Verehrer der Kippenkonzerne: "Die Perspektiven sind
so gut wie seit zehn Jahren nicht mehr", sagt etwa Michael Smith von der Investmentbank JP
Morgan.
Auch wenn Gesundheitsorganisationen unermüdlich vor den Risiken des Tabak-Konsums
warnen, die Branche erfreut sich bester Gesundheit. In diesem Jahr werden die yx größten
börsennotierten Tabak-Konzerne der Welt einen Nettogewinn von etwa yx Milliarden Euro
erzielen.
Allein Marktführer Altria Group, wird 2005 mehr als zehn Milliarden Dollar Überschuß verbuchen.
Und das ist noch nicht das Ende, prophezeien Analysten. Jonathan Fell von der Investmentbank
Morgan Stanley sieht sogar ein neues Zeitalter: Tabak-Aktien seien inzwischen attraktive
Wachstumswerte. Was viele Anleger noch nicht registriert haben: Die Erträge der Konzerne
steigen im Rekordtempo. Zweistellige Zuwachsraten beim Gewinn sind keine Seltenheit.
Die Entwicklung ist erstaunlich angesichts der Erfolge, die die Nichtraucher-Lobby in den
vergangenen Jahren erzielt hat. In vielen Bundesstaaten der USA und in Irland herrscht in
öffentlichen Gebäuden, Kneipen und Restaurants absolutes Rauchverbot. Auch in Italien und
Spanien wurden strikte Gesetze erlassen, die Nichtraucher vor dem blauen Dunst schützen
sollen.
Doch nur wenige Kippenkonsumenten lassen sich bekehren: JP Morgan taxiert den
Umsatzrückgang der Industrie durch Rauchverbote auf maximal fünf Prozent. "Die Einbußen sind
deutlich niedriger als befürchtet", sagt Analyst Smith. "Die Leute rauchen zuhause oder gehen
kurz auf die Straße."
Auch höhere Tabak-Steuern und drastische Warnungen auf den Packungen ("Rauchen kann
tödlich sein") können die Freude am Glimmstengel nicht ersticken. Philip Morris wird in den USA
in der kommenden Woche sogar zum zweiten Mal in diesem Jahr die Preise anheben.
Konsumenten müssen in den Staaten für eine Packung Marlboro durchschnittlich 3,31 Dollar
bezahlen – zehn Prozent mehr als vor einem Jahr. "Philip Morris signalisiert ungebrochenes
Vertrauen in den Aufwärtstrend", kommentiert Citigroup-Analystin Bonnie Herzog die
Preiserhöhung, mit der der Konzern rückläufige Verkaufszahlen im Heimatmarkt auffangen will.
Die Märkte der Zukunft liegen für Tabak-Industrie in den aufstrebenden Schwellenländern. In
China beispielsweise raucht laut Weltgesundheitsorganisation jeder dritte Erwachsene – das
entspricht einer potentiellen Kundengruppe von gut 300 Millionen Personen. Auch in Osteuropa
versprechen sich die Konzerne stattliche Zuwächse. In Rußland rauchen über 35 Prozent.
Passend zur TabakIndustrie empfiehlt JP Morgan "Aktien von Unternehmen mit einer starken
Stellung in Schwellenländern und starken internationalen Marken".
Selbst die unberechenbaren Gerichte in den USA haben viel von ihrem Schrecken verloren. Die
letzte und bislang einzige schwere Niederlage der Industrie liegt bald ein Jahrzehnt zurück. 1998
stimmten die amerikanischen Zigarettenhersteller einem Vergleich zu: Sie verpflichteten sich,
246 Milliarden Dollar an die Bundesstaaten zu zahlen – als Ausgleich für Kosten, die dem
Gesundheitssystem durch erkrankte Raucher entstehen.
Klagen von Privatpersonen fechten die Konzerne bis zur letzten Instanz durch. In Illinois hatte
Sharon Price, eine an Krebs erkrankte Raucherin, Philip Morris vorgeworfen, sie über die wahren
Risiken sogenannter Light-Zigaretten getäuscht zu haben. Ein Gericht verhängte daraufhin eine
Strafe von 10,1 Milliarden Dollar – als Sühne für die Täuschung von geschätzten 1,1 Millionen
Light-Raucher in Illinois.
Der Oberste Gerichtshof verwarf jetzt diese Entscheidung, weil die Behörden die Verwendung des
Begriffs Light damals ausdrücklich genehmigt hatten. Damit hat sich ein weiterer spektakulärer
Schuldspruch in den Berufungsverfahren in Rauch aufgelöst. Laut Statistik enden die meisten
Prozesse wie der Fall in Illinois. Seit 1996 haben die Konzerne drei Viertel aller Verfahren, die es
bis in die Gerichtssäle geschafft haben, gewonnen. Die Masse der übrigen Fälle ist noch nicht
entschieden.
Wenn die Industrie doch einmal zahlen mußte, sind die Summen verhältnismäßig niedrig, wie
jene 1,1 Millionen Dollar, die Brown & Williamson an den 71jährigen Lucky-Strike-Raucher Grady
Carter aus Florida überweisen mußte.
Ermutigend für die Branche: Rechtsanwälte in den USA verlieren zunehmend die Freude an der
Zigarettenindustrie, da sie nur im Erfolgsfall hohe Honorare kassieren. In Illinois etwa hätten sie
1,8 Milliarden aus der Schadensersatzsumme einbehalten dürfen.
Seit Ende der 90er Jahre ist die Zahl der neueingereichten Klagen gegen die Konzerne um 80
Prozent gesunken. Auch weil der Gesetzgeber, der die Möglichkeiten für Sammelklagen
erheblich einschränkte, die Rechtsposition der Industrie erheblich gestärkt hat. Offenbar rechnen
sich die Anwaltskanzleien inzwischen in anderen Branchen bessere Erfolgs-Chancen aus. So
laufen derzeit 6400 Verfahren gegen den Pharmariesen Pfizer und dessen Medikament Vioxx.
Die Klagen gegen die Tabak-Branche hingegen sind seit dem Höhepunkt Ende der 90er Jahre um
80 Prozent zurückgegangen.
Ganz verraucht ist die Gefahr für Aktionäre allerdings nicht. Altria muß sich noch in rund 300
Verfahren verteidigen – die meisten werden von der Gegenpartei nicht mehr aktiv vorangetrieben.
In Florida etwa kämpfen die fünf größten Tabak-Konzerne der USA gegen ein Urteil, in dem es
um 145 Milliarden Dollar geht. Ein wahrscheinlich endgültiger Richterspruch könnte noch in
diesem Jahr erfolgen. Ein Sieg der Konzerne gilt als wahrscheinlich. "Die Last der Prozeßrisiken
auf den Aktienkursen nimmt ab", sagt US-Fondsmanager Thomas Russo.
Die Pessimisten sind an der Börse inzwischen deutlich in der Minderheit, wie sich an der
Bewertung der Tabak-Aktien ablesen läßt. Der Abschlag, mit dem die Aktien lange gehandelt
wurden, ist inzwischen abgebaut. Damit allerdings steigt für investierte Anleger die Verlockung,
Gewinne mitzunehmen. Allerdings gibt es gute Gründe, bei der Stange zu bleiben.
Ein starkes Argument ist die hohe Dividendenrendite. Sie liegt bei durchschnittlich vier Prozent
und dürfte weiter steigen. Das schmeckt Börsianern, die an die 70er Jahre denken, als die Börse
der Tabak-Branche einen Aufschlag von 25 Prozent und mehr zugestand. Analyst Jonathan Fell:
"Die Tabak-Konzerne machen exakt das, was sie versprochen haben, Quartal für Quartal. Das
mag für manche langweilig klingen, ist aber erfolgreich."