Das milliardenschwere Hilfspaket für die US-Autoindustrie ist am Senat gescheitert. Schnelle Hilfen für die gebeutelte Branche scheinen nun nahezu ausgeschlossen. Experten sehen zwei Szenarien: Die Beantragung von Gläubigerschutz nach "Chapter 11" oder Finanzspritzen aus dem Bankenrettungstopf. Während die Börsen international an Boden verlieren, haben insbesondere Autotitel unter der Entscheidung zu leiden.
Nach einem mehrstündigen Verhandlungsmarathon ist der Rettungsplan für die krisengeschüttelte US-Autobranche im Senat gescheitert. Dieser umfasste Kapitalhilfen in Höhe von rund 15 Milliarden Dollar, um das Überleben des amerikanischen Sektorriesen General Motors sowie von Ford und Chrysler zu sichern. "Wir werden es nicht zum Abschluss bringen", sagte der Mehrheitsführer der Demokraten, Harry Reid, laut einem Bericht der "Washington Post". Die Republikaner ließen den Gesetzesentwurf der Demokraten scheitern, weil er ihnen bei Weitem "nicht hart genug" war, wurde von Presseseite weiter vermeldet. Insbesondere klafften die Meinungen über die staatliche Aufsicht über die Umstrukturierung der Konzerne sowie die Rolle des sogenannten Autozaren zu weit auseinander. So konnten sich der "Washington Post" zufolge Demokraten und Republikaner nicht auf einen Zeitplan für deutliche Lohnkürzungen für die Beschäftigten der Autokonzerne einigen. Zudem wollten die Gewerkschaften dieser Forderung nicht zustimmen. "Nachdem, was heute hier geschieht, wird es sehr bittere Weihnachten für viele Menschen geben", sagte Reid mit Blick auf die Konsequenzen für die Autoindustrie.
Die internationalen Finanzmärkte wurden durch das Scheitern des Hilfspakets in die Tiefe gerissen. Allein der Aktienkurs von General Motors brach im deutsche Handel zeitweise um mehr als 50 Prozent ein. Reid warnte bereits im Anschluss der Entscheidung vor möglichen negativen Auswirkungen auf die Kursentwicklung. "Das wird kein schöner Anblick", schaute er mit Angst auf die Freitagssitzung der Wall Street.
Experten zufolge bestehen für die existenzbedrohten US-Autobauer nun tatsächlich kaum noch Chancen auf rasche Hilfen. So sei eine Verabschiedung des Rettungspakets durch den US-Kongress noch in diesem Jahr äußerst unwahrscheinlich. Die Konzerne General Motors sowie Chrysler benötigen allerdings eigenen Angaben zufolge noch 2008 eine staatliche Kapitalspritze, um nicht Insolvenz anmelden zu müssen. Mit diesem Wissen forderte Reid nun den Noch-Präsidenten George W. Bush auf, den Autobauern Finanzmittel aus dem 700-Milliarden schweren Bankenrettungstopf zu gewähren. Bush hatte diese Möglichkeit jedoch bisher strikt verneint. Laut weiteren Experten berge die Beantragung von Gläubigerschutz nach "Chapter 11" für die Automobilkonzerne eine weitere Option, um zu überleben. Nach einem Bericht des "Wall Street Journal" lasse General Motors Kreisen zufolge einen Antrag auf Gläubigerschutz prüfen.
Bereits am Vorabend hatte die Wall Street starke Kurseinbußen hinnehmen müssen – die für die amerikanische Autoindustrie negativ ausfallende Entscheidung lag bereits in der Luft. Es war im Vorfeld bekannt, dass der Senat dem milliardenschweren Hilfspaket mehrheitlich negativ gegenüber stehen würde. Die Republikaner betrachteten die Eingriffe des Staates kritisch.
Noch am Vortag war das Rettungspaket vom US-Repräsentantenhaus durchgewunken worden. Mit 237 zu 170 Stimmen nahmen die Abgeordneten den Gesetzentwurf an, der Kredite in Höhe von bis zu 15 Milliarden Dollar vorsah. Damit lagen die nun gescheiterten Kredite, die eine Laufzeit von sieben Jahren haben sollten, deutlich unter der von den Autokonzernen geforderten Summe von 34 Milliarden Dollar. Im Gegenzug für seine finanzielle Hilfe sollte der Staat Aktienoptionen der Unternehmen erhalten.
Wie es um die weitere Zukunft der US-Autoindustrie bestellt ist, bleibt nun abzuwarten. Vor dem Hintergrund der schwierigen Gesamtsituation der Autobranche hat der US-Automobilzulieferer BorgWarner indes am Donnerstagabend seine Prognose für das laufende Fiskaljahr nach unten revidiert. Das EPS werde nun zwischen 1,85 und 1,95 Dollar erwartet, statt zuvor bei 2,25 bis 2,35 Dollar.
Am Nachmittag wurde bekannt, dass die "Detroit Three" möglicherweise neue Hoffnung schöpfen können. Das Weiße Haus in Washington hat signalisiert, dass sie zur Rettung der angeschlagenen US-Autobauer erwägen, das staatliche Bankenrettungspaket anzuzapfen. "Angesichts der geschwächten Lage der US-Wirtschaft prüfen wir alle Optionen, wenn nötig auch den Einsatz des Banken-Hilfspakets TARP, um den Kollaps der Autokonzerne zu verhindern", so eine Sprecherin des Weißen Hauses. Bislang hatte die Regierung stets abgelehnt, der Autobranche mit dem 700 Milliarden US-Dollar schweren Banken-Rettungspaket unter die Arme greifen zu wollen.