von Carl Batisweiler, €uro am Sonntag
Scharf und eiskalt bläst der Wind von der Ostsee über das Werftgelände in Danzig. 1980 kletterte hier der spätere Solidarność-Gewerkschaftsführer Lech Wałęsa über den Zaun, um mit den anderen Arbeitern zu streiken. Das sei der Anfang vom Ende der kommunistischen Diktaturen und die Wende zur Demokratie gewesen, sagen die Danziger.
Auf diesem historischen Boden wird derzeit wieder an einer Wende gearbeitet: Im Trockendock schweißen und schrauben die Arbeiter an dem Schiff „Innovation“, das zur Energierevolution in Deutschland beitragen soll. Der Spezialkahn ist notwendig, um die riesigen Windräder in der Nordsee aufzustellen, mit denen der fehlende Atomstrom nach dem Ausstieg aus der Nuklearenergie ersetzt werden soll.
200 Millionen Euro kostet das 150 Meter lange Hubschiff, dessen vier Gitterbeine sich bis zu 50 Meter ausstrecken und auf dem Meeresboden die Plattform für den Bau der Windräder verankern. Für das Bewegen der Teile baut Liebherr in Rostock derzeit einen Spezialkran, der mit 200 Metern Höhe und einer Tragfähigkeit von 1.500 Tonnen das aktuelle Nonplusultra solcher Hebetechnik darstellt. Auftraggeber sind der Baukonzern Hochtief und die belgische Deme-Gruppe, eine Tochter des börsennotierten Ackermans-&-van Haaren-Konzerns.
100 Milliarden Euro Investitionen
Dabei ist das Errichterschiff „Innovation“ trotz aller Superlative nur ein Rädchen in der gigantischen Windkraftmaschinerie, die in Nord- und Ostsee weitab der Küsten aufgebaut werden soll. Laut einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos könnten im Jahr 2040 bis
zu 31.000 Offshoreanlagen in EU-Gewässern stehen. Die Nordseeanrainer Großbritannien, Dänemark, Niederlande, Belgien und Deutschland erreichen laut Prognos im Jahr 2035 ihren Höchststand von 13.000 Kraftwerken auf hoher See. Und allein in der deutschen Nordsee würden sich dann mehr als 4.500 Windräder drehen. Die ambitionierten Ziele der Bundesregierung, bis zum Jahr 2030 rund 25.000 Megawatt Offshoreleistung zu installieren, bedingen laut Hauptverband der deutschen Bauindustrie 25 bis 30 Milliarden Euro Investitionen in die Errichtung.
Damit ist die Windkraft auf hoher See eines der größten Investitionsprogramme der Nachkriegszeit in Europa: Zwischen Sizilien und Skandinavien ist in den nächsten zehn Jahren ein Investitionsvolumen von über 100 Milliarden Euro für den Aufbau regenerativer Energieerzeugung auf dem Meer geplant.
Der große Unterschied zu früheren Großprojekten aufgrund politischer Entscheidungen: Diesmal soll das Geld dafür hauptsächlich aus den Schatullen privater Investoren stammen — schließlich sind die Staatskassen leer. Aber: Als Anschubfinanzierung stellt beispielsweise die Kreditanstalt für Wiederaufbau fünf Milliarden Euro für zehn deutsche Offshorewindparks zur Verfügung. Gleichzeitig wurde mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eine Mindestvergütung für den Strom aus Meeresproduktion festgelegt. Damit dürften sich — zumindest nach bisherigen Kalkulationen — die Anlagen für Investoren rechnen und über die Jahre einen stabilen Cashflow generieren. Nach dem Wunsch der Bundesregierung sollen Offshorewindparks schon 2020 rund
15 Prozent des deutschen Stromverbrauchs decken. Die Zeche zahlt auf jeden Fall der Verbraucher: über höhere Strompreise.
Geldgeber stehen Schlange
Der Bau einer Offshore-Windkraftanlage ist wesentlich aufwendiger und kostenintensiver als der Bau einer Anlage an Land. Wegen des rauen Seeklimas müssen die Anlagen gesondert gegen Korrosion geschützt werden, außerdem stellen Wassertiefen von bis zu 40 Meter besondere Anforderungen an die Ingenieurskunst. Je nach Standort können die Anlagen doppelt so hohe Baukosten verursachen wie an Land. Pro installiertem Megawatt wird aktuell mit bis zu 2,5 Millionen Euro gerechnet. 45 Prozent davon entfallen allein auf den Bau des Fundaments und die Verlegung der Kabel.
Die Liste der Unternehmen, die entweder Komponenten für die Windkraftanlagen liefern, sich bei Planung, Bau und Betrieb engagieren oder zumindest als Investoren auftreten, liest sich wie eine noble Auslese aus den Indizes von DAX bis TecDAX — und auch etliche Euro-Stoxx-Titel finden sich darunter. Allein der Energiekonzern Eon will rund eine Milliarde Euro in den Windpark Amrumbank West, gut 36 Kilometer südwestlich der Insel Amrum, stecken. Die 80 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 288 Megawatt sollen ab 2015 Strom für etwa 300.000 Haushalte liefern. Insgesamt will der Konzern in den kommenden fünf Jahren europaweit sieben Milliarden Euro in den Ausbau regenerativer Energien investieren, darunter Windparks vor der schwedischen und britischen Küste. „Insbesondere Offshorewind ist eines unserer Wachstumsfelder“, sagt Eon-Chef Johannes Theyssen, „und unser klares Bekenntnis zur Energiewende.“
Auch Wettbewerber RWE steigt groß ins Windkraftgeschäft ein. Aktuell betreibt RWE europaweit insgesamt 1.507 Megawatt Windkraft, davon schon 150 Megawatt offshore. In den kommenden Jahren werden große Windparks in der Nordsee hinzukommen. Dazu hat der Konzern in Korea eigens zwei Errichterschiffe, ähnlich der „Innovation“ von Hochtief, bauen lassen. Munich Re will innerhalb der nächsten Jahre bis zu 2,5 Milliarden Euro in erneuerbare Energien und neue Umwelttechnologien investieren. Nachdem schon 40 Windmühlen an Land zum Portfolio der Münchner gehören, sollen nun auch Offshoreanlagen langfristig Rendite für die Rücklagen der Versicherer erwirtschaften.
Auch der Versicherungskonzern Allianz setzt auf regenerative Energien und hat über seine Beteiligungssparte Allianz Capital Partners seit 2006 bereits rund eine Milliarde Euro in Wind- oder Solarparks gesteckt. Die Allianz verwaltet derzeit 30 Wind- und Solaranlagen in Deutschland, Frankreich und Italien mit einer Gesamtleistung von 600 Megawatt — das entspricht der Leistung eines halben Atomkraftwerks.
Zur Investorenriege gehört neben Pensionsfonds oder Private-Equity-Unternehmen zum Beispiel auch Audi. Der Automobilhersteller beteiligt sich an vier Windrädern in der Nordsee, die ab 2013 jährlich 53 Gigawattstunden Strom erzeugen sollen. Nur etwa 20 Gigawattstunden sollen ins Stromnetz eingespeist, mit der restlichen Energie Wasserstoff und Methangas erzeugt werden. „Beides Energieträger, die sich gut für den Fahrzeugantrieb eignen“, heißt es bei den Ingolstädtern, die mit dem Windprojekt „CO2-neutrale Mobilität“ ermöglichen wollen.
Wie bei allen großen Infrastrukturprojekten sind also zuerst institutionelle Investoren am Zug. Dennoch arbeiten Banken und Fondshäuser bereits an Vehikeln, mit denen auch Privatanleger künftig an den Windmühlen im Meer teilhaben können. Bis dahin bleibt ihnen nur, auf Aktien von Unternehmen zu setzen, die von Aufträgen der Windmüller profitieren.
Der französische Atomkonzern Areva etwa hat sich mit seiner Windsparte in Bremerhaven angesiedelt. Auf eigens aufgeschütteten Flächen lagern derzeit etliche der Generatorkabinen, groß wie Einfamilienhäuser. Gegenüber baut Powerblades, ein Gemeinschaftsunternehmen des Windenergieanlagenherstellers Repower und einer Tochter von SGL Carbon, Rotorblätter. Die neue Siemens-Sparte Wind Power hat ihren Sitz im Oktober nach Hamburg verlegt, die Beschäftigtenzahl soll bis 2013 von 170 auf über 500 steigen. Weltweit beschäftigt Siemens Wind bereits 7800 Mitarbeiter. Aber auch andere Siemens-Bereiche profitieren von der Windkraft: So bauen die Münchner eine 130 Kilometer lange Hochspannungs-Gleichstromverbindung in Schleswig-Holstein. Kosten: rund 700 Millionen Euro.
Norddeutschland profitiert
„Offshorewindkraft ist das Boomthema für den Norden schlechthin“, sagt Bremens Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen Martin Günthner, der die Hansestadt schon als „Offshorehauptstadt Deutschlands, wenn nicht Europas“ sieht. Günthner rechnet mit mindestens 10.000 Arbeitsplätzen, die im weiteren Sinne um das Windgeschäft neu entstehen: „Wir haben hier sowohl Stahlbau- als auch maritime Kompetenz und dazu die wissenschaftliche Begleitung wie das Alfred-Wegener-Institut.“
Rund 120 Millionen Euro hat Bremen seit dem Jahr 2.000 in Projekte rund um die Windkraft gesteckt — und bereits das Doppelte an privaten Investitionen damit angezogen. Allein die Bremer Lagerhaus Gesellschaft (BLG) hat 20 Millionen Euro in Maßnahmen wie den Umbau ihrer Hafenstruktur in Bremerhaven oder in einen Schwerlastponton investiert. Zudem wird eifrig an neuen Transportkonzepten geforscht. Andreas Wellbrock, Geschäftsführer der BLG-Tochter Windenergie Logistics: „Bei der Offshorewindkraft ist alles Superschwergut, da gibt es keine Vorbilder.“
Neben Bremerhaven rüsten auch Cuxhaven, Wilhelmshaven und Emden für die Windkraft ihre Häfen auf und machen sich für Investoren attraktiv. Konkurrenz sieht Senator Günthner darin nicht: „Bei den vielen Projekten ist genug für alle da.“
So groß der Optimismus bei allen Unternehmen der Offshorewindkraft auch ist — die Risiken sind es ebenso. Denn bisher trotzen in der deutschen Nordsee erst zwei Kraftwerkparks den Wellen: Alpha Ventus, das als Testfeld errichtet wurde, sowie Bard Offshore 1. Dass Windkraftanlagen auf hoher See kein Selbstläufer sind, hat die in Emden ansässige Bard-Gruppe erfahren müssen. Seit sich ihr Gründer Arngolt Bekker Ende 2010 zurückzog, sind die Emdener auf Investorensuche. Das größte Hindernis auf dem Weg zur Energiewende per Windkraft aber ist ausgerechnet die Bundesregierung: Sie hat es versäumt, die Anschlüsse und Netze für den Strom vom Meer für die Verteilung auf dem Festland voranzutreiben. So fürchtet RWE, dass die nächstes Jahr fertiggestellten Turbinen mangels Verbindung zum Festland nutzlos vor sich hin rotieren — und droht bereits mit Schadenersatzklagen. Das Schlimmste, was dem deutschen Norden nun passieren kann, ist, dass die Windparkbetreiber auf Länder wie Dänemark ausweichen.
Investor-Info
Seltene Erden
Wichtig für Windturbinen
Keine schöne Bescherung: Kurz vor Weihnachten hat Chinas Regierung bekannt gegeben, dass Baotou Steel, derzeit fast für die Hälfte der Seltene-Erden-Produktion weltweit verantwortlich, wegen „umwelttechnischer Bedenken“ nichts mehr exportieren darf. Ein Schock für die Unternehmen, die im Bereich der alternativen Energien arbeiten, denn die Rohstoffe sind beispielsweise in leistungsfähigen und gleichzeitig leichten Magneten enthalten, die in Windturbinen eingebaut werden. In einer großen Anlage für den Offshore-Einsatz können 260 Kilogramm Neodym enthalten sein. Aber auch in Batterien für Elektroautos oder Solaranlagen sind Seltene Erden unverzichtbare Bestandteile.
Förderländer
Chinas Beinahe-Monopol
Im Jahr 2015 wird die Industrie weltweit rund 185.000 Tonnen Seltene Erden verbrauchen, 50 Prozent mehr als 2010. Derzeit fördert China mehr als 95 Prozent der raren Metalle. Durch dessen Exportbeschränkungen dürften in Ländern wie Russland, Kanada oder den USA stillgelegte Minen wieder eröffnet oder neue Lagerstätten erschlossen werden.
Minenunternehmen und ETFs
Nur für mutige Anleger
Der Bloomberg-Index, der die Unternehmen der Seltene-Erden-Konzerne zusammenfasst, ist seit dem Hoch im Frühjahr über 50 Prozent eingebrochen. Nun wird es spannend, wie sich die jüngsten Entwicklungen in China auf die Notierungen der Rohstoffe und der Förderer auswirken. Direktinvestments in Neodym und Co sind für Privatanleger nur bei wenigen Anbietern möglich und mangels Markttransparenz sehr riskant. Investments auf Einzelwerte wie Molycorp (ISIN: US 608 753 109 0) oder die viel kleineren Minenbetreiber wie Ormonde Mining (IE 000 662 789 1) oder Formation Metals (CA 346 37V 101 3) sind angesichts der Kursschwankungen recht riskant. Vor Kurzem hat die UBS den ETF Stoxx Global Rare Earth als ersten börsennotierten Indexfonds in Europa auf den Markt gebracht (LU 067 149 289 9). Er umfasst Unternehmen, die mindestens 30 Prozent ihres Umsatzes mit Förderung und Verarbeitung Seltener Erden erwirtschaften. Als Depotbeimischung geeignet.
Bildquellen: Siemens Pressebild