von Julia Gross, Euro am Sonntag
Unauffällig, sportlich, sagenhaft reich — und jetzt fast am Ziel seiner Wünsche: Ivan Glasenberg, Chef des Rohstoffhandelsgiganten Glencore, soll bereits seit fünf Jahren auf den Zusammenschluss mit dem Minenkonzern Xstrata hingearbeitet haben. Fast acht Monate nach dem öffentlichen Übernahmeangebot scheint nun der Weg zu einem der mächtigsten Rohstoffunternehmen der Welt frei.
Denn obwohl Glasenberg und Xstrata-Boss Mick Davis alte College-Kumpel aus Johannesburg sind, erwies sich die Fusion als zähes Unterfangen. Manchen Aktionären war der Preis zu niedrig — Glasenberg bot zunächst 2,8 und dann 3,05 Glencore-Papiere pro Xstrata-Aktie. Anderen, beispielsweise der Investmentbank BlackRock, stößt ein Bonuspaket von bis zu 175 Millionen Euro, das die Xstrata-Manager bei der Stange halten soll, übel auf.
Mit einer Aufsplittung der Abstimmung wollen Glasenberg und Davis den Knoten jetzt zerschlagen. Aktionäre können sich entweder für die Übernahme und das Bonuspaket, nur für die Übernahme oder aber gegen den Zusammenschluss aussprechen.
Londoner Broker beziffern die Wahrscheinlichkeit, dass die Fusion stattfindet, mittlerweile auf 80 Prozent. Entstehen würde der viertgrößte Bergbaukonzern der Welt mit einem kombinierten Börsenwert von rund 62 Milliarden Euro: ein Gigant, der riesige Kohle- und Industriemetallvorkommen sowie ein Handelshaus mit einzigartigem Wissen und Kontakten unter einem Dach vereint.
Kontrolle über den Markt
Glencore/Xstrata wären damit Vorreiter der Branche. Denn der fusionierte Konzern kann die gesamte Wertschöpfungskette von der Produktion bis zum Endkunden abbilden. Das bedeutet mehr Kontrolle, mehr Macht und mehr Profit auf den weltweiten Rohstoffmärkten. Ein Ziel, das sowohl Rohstoffhändler als auch -produzenten immer häufiger verfolgen.
Mit weitreichenden Folgen — die auch Chancen für Anleger bieten. „Wir werden in Zukunft mehr Übernahmen, mehr Börsengänge, mehr Anleiheemissionen und ähnliche Transaktionen in diesem Sektor sehen. Der Rohstoffhandel steht vor der größten Veränderung seit 30 Jahren“, sagt Graham Sharp, Mitbegründer des Metall- und Ölhandelshauses Trafigura und Referent der Managementberatung Oliver Wyman.
Der Grund: Die Bedingungen auf dem Rohstoffmarkt ändern sich. Der Erfolg der Handelshäuser basierte jahrzehntelang vor allem auf dem Zugang zu sonst kaum verfügbaren Informationen über Angebot, Nachfrage und logistische Möglichkeiten auf der ganzen Welt. Heute kann sich diese Informationen jeder beschaffen. Der Wettbewerb nimmt zu, auch die Größe eines Unternehmens spielt eine Rolle. Deshalb wird es immer wichtiger, mehr Teile der Produktions- und Handelskette zu kontrollieren.
„Viele Händler kaufen Rohstoffproduzenten, um ihren eigenen Nachschub zu sichern, sodass sie Lieferungen wirklich garantieren können“, erklärt George Cheveley, Portfoliomanager im Rohstoffteam von Investec Asset Management. „Außerdem ist Rohstoffhandel extrem kapitalintensiv. Wer physische Güter als Sicherheit bietet, bekommt günstigere Kredite als jemand, der nur über Handelsverträge verfügt.“
So kaufen die Händler Speicherflächen, Hafenterminals oder Raffinerien, um sich selbst einen größeren Spielraum zu verschaffen. Zum Beispiel übernahmen die beiden nicht börsennotierten Energie- und Metallhandelshäuser Vitol und Gunvor in diesem Jahr drei Raffinierien, Glencore kaufte vor Xstrata bereits für 4,6 Milliarden Euro den kanadischen Agrarkonzern Viterra.
Die Noble Group in Hongkong, die vor allem mit Öl, Kohle und Zucker handelt, versucht gerade, sich den australischen Eisenerzproduzenten Arrium einzuverleiben. Außerdem sucht Noble-Chef Yusuf Alireza nach Agrarproduzenten und -händlern in den USA. „Es ist schwierig, Chinas Getreide- und Maisimportpartner der Wahl zu sein, ohne selbst in einem der wichtigsten Produzentenländer, den USA, den Fuß in der Tür zu haben“, so Alireza.
China im Wandel
China spielt auch eine wichtige Rolle bei den Überlegungen von Rohstoffproduzenten, die sich weiter diversifizieren wollen. Das Land ist seit vielen Jahren Hauptabnehmer von Stahl und Industriemetallen. Der Konjunkturrückgang hat die Nachfrage aber stark gedämpft. Selbst wenn sich die Wirtschaft den Prognosen zufolge 2013 erholt: Die Regierung propagiert im neuen Fünfjahresplan eine weniger ressourcenintensive konsum- und serviceorientierte Wirtschaft.
Deswegen wird Chinas Rohstoffhunger nicht von heute auf morgen vergehen. Die Urbanisierung ist erst zu etwa 50 Prozent abgeschlossen. Es bleibt also genug Bedarf, um der Minenbranche mittelfristig ein angemessenes Wachstum zu ermöglichen. Nur die Rückkehr zu zweistelligen Zuwachsraten ist zweifelhaft. Rohstoffprognosen von Morgan Stanley etwa besagen, dass für die durchschnittliche Nachfrage in den kommenden fünf Jahren mit einstelligen Wachstumsraten im mittleren Bereich zu rechnen ist.
Angepasste Strategie
Trotzdem müssen die Bergbaukonzerne auf die Veränderungen reagieren. Sie verzichten beispielsweise auf die Erschließung wenig rentabler Standorte und suchen nach anderen Gewinnquellen. „Gerade die Entstehung eines so großen Unternehmens wie Glencore/Xstrata zwingt alle anderen Wettbewerber, die eigene Strategie und Struktur zu überprüfen“, sagt George Cheveley von Investec. „BHP Billiton etwa verlagert sein Interesse auf Rohstoffe, die in der Mitte oder am Ende des Superzyklus an Bedeutung gewinnen — wie Kali, Kupfer oder Energie —, um sich Chinas Bedürfnissen anzupassen.“
Das Rennen um die attraktivsten Übernahmeziele läuft. Glencore-Boss Ivan Glasenberg hat sich durch den Xstrata-Deal einen Vorsprung erkämpft. Doch die Konkurrenz wird ihn nicht zu weit davonziehen lassen.