14.02.2013 11:47
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Rekord: Vier Monate vom Börsengang zur Pleite

Das ist ein neuer Rekord am deutschen Aktienmarkt: In weniger als vier Monaten vom Börsengang in die Pleite.
Der Leuchtenhersteller Hess hat es geschafft. Am 25 Oktober 2012 war die Erstnotiz. 36 Millionen Euro flossen in die Kassen des Unternehmens. Ende Januar gab es die ersten Berichte über Bilanzmanipulationen. Am 13. Februar 2013 ging das Management zum Amtsgericht, um den Insolvenzantrag zu stellen.

Der Fall macht deswegen sprachlos, weil eigentlich alle Indizien dagegen sprachen, dass man es hier mit einer echten Anleger-Abzocke zu tun hat. Ein mittelständisches Unternehmen aus dem Schwarzwald mit Familienaktionären, solide finanziert, kein Start-Up, sondern 65 Jahre alt. Dazu ein Listing im Prime Standard, dem höchsten Börsensegment in Deutschland, mit den höchsten Anforderungen an Publizität und Anlegerschutz. Die Börsenpolizei schaut dem Vorstand also vermeintlich täglich auf die Finger, sollte man meinen. Weit entfernt also vom windigen Freiverkehr.

Das sind zwar nicht unbedingt die Voraussetzungen für eine echte Börsenrakete. Aber zumindest die Zutaten für eine solide Beteiligung – sollte man meinen. Was im beschaulichen Villingen-Schwenningen allerdings passiert ist, klingt nach einer Räuberpistole übelster Art. Finanzvorstand Peter Ziegler, schreibt das Handelsblatt, soll über Jahre hinweg systematisch Zahlen manipuliert haben. Unter anderem soll er Scheinumsätze über Briefkastenfirmen produziert haben. Kosten verursachten diese Scheinumsätze keine, deswegen wurde auch der Gewinn der Hess AG deutlich zu hoch ausgewiesen. Wer die Telefonnummer einer dieser Firmen anruft, landet auf dem privaten Anschluss des Finanzvorstands. Das ist Wild-West, wie wir es seit den Zeiten des Neuen Markts eigentlich überwunden geglaubt hatten.

Privatanleger haben sich trotz der steigenden Kurse zuletzt tendenziell bei der Aktienanlage zurückgehalten. Das gilt insbesondere für viele Nebenwerte, von denen etliche bis hoch in den SDAX mittlerweile ein trauriges Mauerblümchendasein bei äußerst dünnen Umsätzen fristen. Das mag man beklagen. Man kann aber auch angesichts des Falles Hess sagen: Alles richtig gemacht, liebe Privatanleger!

Eine besonders pikante Note bekommt der Skandal in Villingen-Schwenningen durch die federführende Bank beim Börsengang. Es ist die LBBW, die Landesbank Baden-Württemberg. Eine Staatsbank, gerade erst mit Mühe und Not von den Belastungen Finanzkrise erholt, arrangiert also den größten Flop am deutschen Aktienmarkt seit vielen Jahren. Bisher war bei Betrugsfällen an der Börse für die Aktionäre wenig in Sachen Schadenersatz zu holen. Das könnte diesmal anders sein.

Die Tatsache, dass der Fall Hess so kurz nach dem Börsengang passiert, wird den Bankern noch eine Menge unangenehme Fragen bescheren. Und sie spricht dafür, dass die Anleger möglicherweise auf dem Klageweg bessere Chancen haben könnten als in der Vergangenheit. Nicht bei Hess, dort werden sich in erster Linie die Gläubiger schadlos halten. Aber beim Konsortialführer in Stuttgart.

Roland Klaus arbeitet als freier Autor in Frankfurt/Main und ist aktiver Investor. Für den amerikanischen Finanzsender CNBC und den deutschen Nachrichtenkanal N24 berichtete er von 2004 bis 2009 von der Frankfurter Börse. Bekannt wurde er durch seine fast zehnjährige Tätigkeit als Moderator und Börsenreporter für die Telebörse auf n-tv. In seinem Buch „Wirtschaftliche Selbstverteidigung“ entwirft er eine Analyse der Schuldenkrise und liefert Ratschläge, wie man sich auf die entstehenden Risiken einstellen kann. Sie erreichen Ihn unter www.wirtschaftliche-selbstverteidigung.de

Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.

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