aktualisiert: 23.10.2012 07:52
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Russische Aktien: Putins Schnäppchen

Russische Aktien: Putins Schnäppchen
Russland
Von Investoren wird das größte Land der Welt links liegen gelassen. Russische Aktien zählen deshalb zu den günstigsten Titeln weltweit. Wo die Chancen und Risiken liegen.
€uro am Sonntag

von Emmeran Eder, Euro am Sonntag

Hochsprung, Abfahrt, Eishockey, Fußball — in den kommenden Jahren wird in Russland der Sport regieren. Nach der Leichtathletik-WM in Moskau im Sommer 2013 folgen nur sechs Monate später die Olympischen Winterspiele in Sotchi, dann 2016 die Eishockey-WM. Die Fußball-WM setzt 2018 den Schlusspunkt. Die Aufmerksamkeit wird sich auf ein Land richten, das wirtschaftlich so gut dasteht wie selten zuvor. Die Arbeitslosigkeit ist mit 5,7 Prozent auf einem Rekordtief, die Einkommen steigen. Dazu trägt neben dem hohen Ölpreis auch der Bau- und Infrastruktursektor bei, der wegen der Großveranstaltungen boomt. Weil auch die Inflation für russische Verhältnisse mit 4,2 Prozent sehr gering ist, konsumiert die Mittelschicht so kräftig wie zuletzt im Boom 2007.

Von einer Wirtschaftskrise wie in Europa und den USA ist im früheren ­Sowjetreich momentan nichts zu spüren. Fast schon paradiesisch muten die volkswirtschaftlichen Kennzahlen an. Neben der geringen Preissteigerungsrate und Arbeitslosenquote liegt auch die Staatsverschuldung mit 13 Prozent bei einem Wert, von dem andere Länder nur träumen können. Hinzu kommen die dritthöchsten globalen Währungsreserven nach China und Japan, ein ausgeglichener Haushalt und eine Wachstumsrate von 3,8 Prozent.

Trotzdem leidet das Riesenreich unter einem massiven Kapital­abfluss. 138,4 Milliarden US-Dollar gingen seit Anfang 2011 ins Ausland, wohin es vorwiegend die Russen selbst brachten. Verstärkt hat sich diese Bewegung vor den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen. Offenbar haben die monatelangen Demonstra­tionen von Regierungsgegnern gegen Putin reiche Russen verschreckt.

Inzwischen sitzt der Kremlchef wieder fest im Sattel. Mit drakonischen Maßnahmen hat Putin die Presse- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt sowie die Finanzmittel von Nichtregierungsorganisationen beschnitten. Gipfel dieser Politik war der Schauprozess gegen die Punkband Pussy Riot.

„Vor allem angelsächsische Investoren hat das abgeschreckt“, sagt Andreas Männicke, Geschäftsführer des Aktieninformationsdiensts East Stock Information. Schon bisher scheuten nicht wenige Ausländer die Moskauer Börse wegen Rechtsunsicherheit und Korruption. Das führt dazu, dass russische Aktien mit hohem Abschlag gehandelt werden und global zu den billigsten zählen. Das 2013er-KGV des Leitindex Micex liegt bei 5,3, das Kurs-Buch-Verhältnis bei 0,7. Trotz Top-Fundamentaldaten hinkt der Micex 2012 mit mageren 3,1 Prozent Plus anderen Märkten weit hinterher.

Verzerrte Wahrnehmung
Verglichen mit Konkurrenzfirmen aus China, Indien oder Brasilien liegen die Abschläge bei 40 bis 50 Prozent. „So festgefahren die Politik unter Putin auch ist, angesichts solcher Kennzahlen kann durchaus von verzerrter Wahrnehmung der internationalen Käufer gesprochen werden. Ohne die Risiken schönreden zu wollen, solche Bewertungen deuten für mich eine klare Einstiegschance an“, rät Emerging-Markets-Experte Florian Schulz mittel- und langfristig orientierten Value-Investoren.

Ähnlich sieht das Richard Malzer, Aktienanalyst bei Raiffeisenbank International. Er verweist darauf, dass die russische Regierung das Pro­blem offenbar erkannt hat. Schon aus Eigeninteresse wollen Putin und Medwedew fremdes Geld und Know-how ins Land locken, um die Wirtschaft zu diversifizieren. Nur eine brummende Wirtschaft garantiert ihre Macht. Sie sorgt für höheren Lebensstandard und ermöglicht die Zahlung der zuletzt aufgestockten Renten sowie die Fortsetzung der üppigen Sozialprogramme.

Steigende Dividenden
Um russische Aktien für Ausländer attraktiver zu machen, hat die Regierung verschiedene Maßnahmen ergriffen. Staatsnahe Firmen müssen zum Beispiel viel mehr ausschütten als früher. Folge: Die Dividendenrendite hat sich sowohl bei den staatlichen als auch bei den gezwungenermaßen mitziehenden privaten Großkonzernen verdoppelt. Lag sie noch vor wenigen Jahren im Schnitt bei 1,7 Prozent, sind es nun rund 3,4 — mit steigender Tendenz.

Zudem müssen alle börsennotierten Firmen ab 2015 ihre Berichte nach dem internationalen Rechnungs­legungsstandard IFRS erstellen. Das sorgt für Transparenz und soll Vertrauen bei Investoren schaffen. „Auch im Bereich Corporate Governance tut sich einiges“, hebt Malzer hervor. Um die Liquidität an Russlands Kapitalmärkten zu fördern, wird internationalen Käufern der Zugang zu Rubelbonds erleichtert. Auch eine bis 2016 geplante Privatisierungswelle von vorrangig staatlich kontrollierten Firmen spült Geld in Russlands Staatskasse. Den Anfang machte vor Kurzem die Sberbank. Noch 2012 soll der drittgrößte Mobilfunkbetreiber, Megafon, folgen.

Und auch auf volkswirtschaft­licher Ebene ist die Regierung Medwedew bereit einzugreifen. Vier Prozent des Haushalts für 2013 unterliegen keiner Zweckbindung und sind für Krisenbekämpfung vorgesehen. Weitere 15 Prozent der Finanzen, die für Projekte eingeplant sind, können notfalls rasch eingefroren werden, bis sich die Einnahmenseite des Staates wieder verbessert.

Diese scheinbar übertriebene Vorsicht hat ihren Grund. Die Weltkonjunktur kühlt sich ab, und die Russen haben noch gut in Erinnerung, wie stark und schnell ihr Land nach einem jahrelangen Boom bis zum Jahr 2007 in den Strudel der Finanzkrise hineingezogen wurde. Grund ist die nach wie vor sehr hohe Abhängigkeit der russischen Wirtschaft und der Staatseinnahmen von Rohstoffexporten — vor allem von Öl und Gas. Vizepremier Igor Schuwalow sieht sein Land aber diesmal in einer besseren Verfassung als 2008. Die Verschuldung des Staates und der Unternehmen sei erheblich niedriger, die Banken in einem stabileren Zustand, betonte er in einem Interview mit dem „Wall Street Journal“.

Dem stimmt Gebhard Stadler, Osteuropa-Analyst der BayernLB, nur bedingt zu. „Die Verschuldung ist zwar gering, aber der nationale Reservefonds hat sich seit 2008 halbiert und die Abhängigkeit der Staatseinnahmen vom Öl sogar noch erhöht“, warnt er. Putin habe es verpasst, die Wirtschaft breiter auf­zustellen. „Der jahrelang versprochene Aufbau einer mittelständischen Firmenstruktur und einer global konkurrenzfähigen Industrie ist kaum vorangekommen“, kritisiert er.

Der Beitritt zur WTO Anfang August könnte das bald ändern. Das Riesenreich hofft, durch die Marktöffnung vom Wissen westlicher Firmen zu profitieren. Doch die Regierung bremst schon wieder. Um die heimische Fahrzeugindustrie zu schützen, müssen ausländische Importeure von Lkw und Pkw eine Abwrackprämie bezahlen. Das macht den Vorteil gesenkter Zölle zum Teil wieder zunichte. Trotzdem sieht Andreas Männicke einen Hoffnungsschimmer: „Im Software- und IT-Bereich, in der Chemie, im Rüstungs- und Telekomsektor ist Russland inzwischen international wettbewerbsfähig“, sagt der Experte für osteuropäische Aktien.

Trotz aller Maßnahmen müssen Anleger wissen: Russlands Börse hängt weiterhin am Öl- und Gastropf. Die Branche dominiert Wirtschaft und Aktienmarkt. Bricht die Weltkonjunktur ein, stürzen auch Russlands Aktien ab. Umgekehrt stehen die Chancen für eine Hausse gut, wenn sich Weltkonjunktur und Ölpreis nach oben entwickeln.

Das Nachholpotenzial des Aktienmarkts ist groß. Vom 2008er-Hoch ist der Micex noch gut 30 Prozent entfernt. Die günstig bewerteten Rohstoff- , Minen- und Telekomtitel bieten die größten Chancen, während die gut gelaufenen Konsum- und IT-Titel mit KGVs von 20 und höher keine Schnäppchen mehr sind.
Vielleicht blickt die Welt schon bald gebannt auf die Börse statt auf die Sportereignisse in Russland.

Investor-Info

ETF
Viele Aktien, geringeres Risiko

Breit diversifiziert ist der aus 27 russischen Aktien bestehende DAXglobal-Russia-Index, auf den RBS Market Access einen ETF anbietet. Denn kein Wert darf mit mehr als zehn Prozent Anteil im Index enthalten sein. Größte Position ist Rosneft mit zehn Prozent Gewicht. Der Staatskonzern will mit dem Segen Putins TNK-BP übernehmen und damit zum größten globalen Ölförderer aufsteigen. Stark vertreten im Index sind auch Gazprom, Sberbank, Lukoil und Norilsk Nickel. Der Öl- und Gassektor besitzt 52 Prozent Gewicht. Der Rest sind Banken (15), Metallproduzenten (16), Konsum- (5) und Telekomaktien (9) sowie Versorger- und Industrie­titel. Die Dividenden in Höhe von 2,14 Prozent werden nicht ausgeschüttet, sondern thesauriert.

ETF
Energiefirmen dominieren

Stark energielastig ist das ETF-Portfolio von db  X-trackers auf den MSCI-Russia-Capped-Index. Öl- und Gasfirmen haben derzeit einen Anteil von 56 Prozent am Index. Dahinter folgen Banken (16 Prozent), Rohstoffe (11), Telekom (8,1), Konsum und Versorger (je 4,4 Prozent). Capped heißt in diesem Fall, dass keiner der 26 enthaltenen Einzelwerte mehr als 20 Prozent Gewicht haben darf. Die Dividenden in Höhe von 3,6 Prozent werden ausgeschüttet. Größte Position ist Gazprom mit fast 20 Prozent Anteil vor Lukoil (15) und Sberbank (12).

Zertifikat
Minen für Antizykliker

Der Rückgang der Metallpreise hat die Kurse russischer Stahlhersteller und Minengesellschaften stark unter Druck gebracht. Um 25 Prozent gab das Metals-&-Mining-Zertifikat der RBS seit Februar nach. Es enthält elf der größten Rohstoffproduzenten weltweit. Dazu zählen die beiden Stahlriesen Novolipetsk Stahl und Severstal, der bedeutendste Nickelproduzent der Erde, Norilsk Nickel, Vsmpo-Avisma, der größte Titanhersteller der Erde, und Rusal, Weltmarktführer bei Aluminium. Diese fünf Titel dominieren das Zertifikat mit 80 Prozent Anteil. Anleger erhalten keine Dividenden. Sollten die Metallpreise wieder anziehen, besteht hohes Erholungspotenzial. Allerdings sind die Titel sehr volatil und nur für risikobewusste Käufer geeignet. Der Spread zwischen An- und Verkaufskurs beträgt zwei Prozent.

Bildquellen: Vasily Smirnov / Shutterstock.com
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