23.01.2013 18:13
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Siemens-Chef stellt 100-Milliarden-Umsatzziel zurück

Scharfe Aktionärskritik
Nach heftiger Kritik am Management und seinem 100-Milliarden-Umsatzziel hat Siemens-Chef Peter Löscher dieses ehrgeizige Vorhaben erst einmal hintangestellt.
Eindampfen will er das Ziel aber nicht: Den Anspruch, mittelfristig dreistellige Milliardenerlöse zu schaffen, hat der gebürtige Österreicher auch weiterhin. Allerdings sieht er dies nurmehr als "nachgelagertes Ziel" an, wie er vor rund 8.100 Aktionären bei der Hauptversammlung in München betonte. Führende Vertreter hatten zuvor moniert, Siemens wolle auf Teufel komm raus wachsen, zu Lasten der Rendite.

   Auch abseits des seit Langem heftig umstrittenen Erlösziels warfen führende Fondsmanager und Aktionärsvertreter dem Führungsteam um Löscher wegen der schwachen Marge und einer ganzen Reihe negativer Überraschungen im vergangenen Jahr Managementfehler vor.

   Der Start ins neue Geschäftsjahr, der etwas besser ausfiel als erwartet, konnte die Aktionäre dabei nicht einlullen: Zwar zeichnet sich nach dem ersten Quartal ein leichter Silberstreif am Horizont ab, Deutschlands größter Industriekonzern hat im laufenden Geschäftsjahr bis Ende September aber noch einige Herausforderungen vor sich.

   So wurden in den drei Monaten von Oktober bis Dezember 3 Prozent weniger Aufträge gebucht als noch im Vorjahreszeitraum. Der Zahl kommt besondere Bedeutung zu, gibt sie doch eine Indikation für die künftige Umsatzentwicklung. Immerhin, bei den neuen Aufträgen schneidet Siemens etwas besser ab als von den Analysten erwartet. Zudem lag der Auftragseingang erstmals seit drei Quartalen wieder über dem Umsatz.

   Dieser stieg um 2 Prozent auf 18,13 Milliarden Euro. Der Nettogewinn ging auf 1,2 nach zuletzt 1,4 Milliarden Euro zurück. Auch hier war am Markt weniger erwartet worden. Die Marge im operativen Geschäft stieg von 9,0 auf 9,3 Prozent. Um 2014 eine Marge von 12 Prozent zu erreichen, hat der Industriekonzern im vergangenen Jahr ein 6 Milliarden Euro schweres Sparprogramm aufgelegt.

   An seinem Ausblick für das Geschäftsjahr hält Siemens fest: Bei einem "moderaten" Auftragswachstum soll sich der Umsatz weiter dem Niveau des vergangenen Geschäftsjahres von 78,3 Milliarden Euro annähern. Der Gewinn aus fortgeführten Aktivitäten soll 4,5 bis 5 Milliarden Euro betragen.

   Den Aktionären reicht das nicht: Die Ziele für das laufende Geschäftsjahr seien "nicht gerade ambitioniert", kritisierte Daniela Bergdolt von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Hans-Martin Buhlmann von der Vereinigung Institutioneller Privatinvestoren bemängelte auch die Entwicklung des Aktienkurses. "Wem der Börsenkurs gefällt, der möge jetzt aufstehen", forderte er in seiner Rede. Dass kein Vorstand seiner Aufforderung Folge leistete, wertete er als Zeichen, dass selbst die Führungsriege nicht glücklich sei.

   Seit Löschers Amtsantritt als Vorstandschef im Juli 2007 bis Ende 2012 sei der Siemens-Kurs um 10,7 Prozent "deutlich stärker" gefallen als der DAX, rechnete Union-Investment-Fondsmanager Ingo Speich vor. Der Grund liege maßgeblich in der Profitabilität von Siemens begründet. Während Wettbewerber wie General Electric ihre Marge auf 15,5 Prozent gesteigert hätten, habe sich bei den Münchenern die operative Marge im abgelaufenen Geschäftsjahr von 12,3 Prozent auf 9,5 Prozent verschlechtert. "In der Champions League, Herr Löscher, hätte Siemens mit den zuletzt gezeigten Leistungen nicht einmal die Gruppenphase überstanden. Das kann nicht Ihr Anspruch sein!", so Speich.

   Ein anderer Aktionär drückte die Malaise deftiger aus: Löscher solle "einfach mal zugeben: ich hab's verbockt", rief er dem Vorstandsvorsitzenden zu. Dieser sei zwar "ganz groß im Vorpreschen", verkorkste und in der Folge viel teurere Projekte wie die Anbindung der Offshore-Windparks in der Nordsee oder das nach immensen Verlusten beendete Solar-Abenteuer sprächen jedoch eine andere Sprache.

   Jens Meyer vom Anlagefonds Deka Investment machte sogar schon "leise Alarmtöne" mit Blick auf die von Siemens vielbeschworene Technologieführerschaft aus, SdK-Vertreter Markus Kienle einen "regelrechten Eiertanz" bei der strategischen Ausrichtung des Unternehmens.

   Die Vorwürfe will das Management nicht auf sich sitzen lassen. Finanzvorstand Joe Kaeser betonte, Siemens habe die Aktionäre und Ausschüttung - geplant ist aktuell eine Dividende von 3 Euro pro Aktie - "ganz fest im Blick". Löscher räumte zwar vereinzelte Probleme bei der Abwicklung von Projekten ein, insgesamt sei die Projektkompetenz des Konzerns aber "exzellent". Auch die Managementkultur will Löscher nicht ändern. Um den Unternehmenswert nachhaltig zu steigern und Margen auf dem Niveau der besten Wettbewerber über den gesamten Konjunkturzyklus zu erzielen, werde Siemens vielmehr weiterhin eine aktive Portfoliopolitik betreiben und diese stetig und konsequent überprüfen.

   Siemens-Boss Löscher war im Juli 2007 angetreten und kam zuletzt immer mehr unter Druck. Der Großkonzern wurde quasi zur Dauerbaustelle: Das Portfolio wird in vielen Bereichen neu geordnet, es wird zu- und verkauft. Seit dem vergangenen Jahr setzt Löscher auf die Stärkung des Kerngeschäfts und der Veräußerung weniger rentabler Bereiche. Seinen Ruf als erfolgreicher Erneuerer droht Löscher bei vielen Beobachtern aber zu verspielen.

   Zudem gibt es immer wieder Spekulationen, dass Finanzchef Kaeser als "Schattenmann" insgeheim das Kommando bei dem DAX-Riesen übernommen hat beziehungsweise als Nachfolger Löschers in den Startlöchern steht. Mutmaßungen, von denen Kaeser nichts wissen will: Auch wenn Löscher und er im Fußball unterschiedlicher Meinung seien, "wenn es um Siemens geht, halten wir zusammen, und da lassen wir keinen dazwischen". Außerdem "ergänzen sich Licht und Schatten in idealer Weise".

   Der neben Siemens auch bei ThyssenKrupp in der Kritik stehende Aufsichtratschef Gerhard Cromme konterte auf Fragen, wie lange er eigentlich sein Mandat noch ausüben wolle, mit Ironie: Er sei "sehr berührt" über die Fragen nach seinem Gesundheitszustand und Alter, frotzelte der 69-Jährige, der in einem Monat 70 Jahre alt wird. Eigens für ihn hatte Siemens die Altersgrenze für Aufsichtsräte heraufgesetzt. Daran, vor Ende seiner angestrebten neuerlichen fünfjährigen Amtszeit - die Aktionäre müssen seiner Wiederwahl erst noch zustimmen - abzudanken, denkt Cromme jedenfalls nicht. Vielmehr versprach er, sich "mit aller Kraft und Erfahrung" weiter für das Unternehmen einsetzen zu wollen.

   Kontakt zur Autorin: ursula.quass@dowjones.com

   DJG/uqu/mgo Dow Jones Newswires Von Ursula Quass

Bildquellen: Siemens AG, Siemens-Pressebild

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