von T. Schmidtutz und W. Ehrensberger, Euro am Sonntag
„Mit der Wahl in Griechenland ist nichts gewonnen“, mahnte etwa der Konjunkturchef der Münchner ifo-Instituts, Prof. Kai Carstensen. Der Bedarf an strukturellen Reformen in Griechenland sei hoch. Zudem bleibe es fraglich, ob es gelinge, eine „stabile und reformbereite Regierung zu bilden“.
Der Chef-Volkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, sieht die Lage nach der Wahl ähnlich: „Das griechische Drama geht weiter.“ Die Mehrheit der Griechen habe für Parteien gestimmt, die Sparen und Reformen ablehnten. Deshalb dürfte Griechenland selbst gelockerte Reform-und Sparauflagen nicht erfüllen.
Auch eine nachhaltige Entspannung an den Finanzmärkten ist nach Auffassung der Experten nicht in Sicht. Einer kurzfristigen Beruhigung werde wohl „schon bald die nächste Verspannung folgen“, warnte ifo-Konjunkturexperte Carstensen. Das wirkliche Problem liege in Spanien und Italien. Sollte sich die Lage dort weiter zuspitzen, stehe „Europa vor viel schwierigeren Entscheidungen“, warnte er.
Die konservative griechische Partei Neue Demokratie (ND) ist bei den Parlamentswahlen am Sonntag als Sieger hervorgegangen. ND-Chef Antonis Samaras hatte sich im Vorfeld der Wahl grundsätzlich zu den Sparverpflichtungen bekannt, die das hoch verschuldete Griechenland im Gegenzug für internationale Hilfen gegeben hat. Allerdings hofft Samaras auf Erleichterungen, wie längere Fristen für das Erreichen der vereinbarten Spar-Ziele. Hier hatte die EU im Vorfeld der Wahlen bereits Gesprächsbereitschaft signalisiert.
Ökonomen halten dies für sinnvoll. Der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther sagte, bei der Haushaltskonsolidierung schaue man "ökonomisch sinnvollerweise auf das konjunkturbereinigte, also das strukturelle Defizit. Darauf bezogen ist angesichts der deutlich schlechteren Konjunktur eine zeitliche Streckung der Sparziele möglich und begründbar. Es muss aber klar sein, dass an den Spartnotwendigkeiten kein Zweifel entstehen darf“, sagte Hüther.
Auf unterschiedliche Reaktionen treffen unterdessen Forderungen nach einem Konjunkturpaket für Griechenland und die Eurozone. „Konjunkturpakte sind das letzte, was Griechenland und der Euroraum brauchen“, erklärte etwa Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer. Man habe es in Europa nicht mit einer „bloßen Konjunkturschwäche zu tun, sondern mit einer tiefgreifenden Vertrauenskrise.“ Das Vertrauen kehre nur zurück, wenn die Peripherieländer „die notwendigen schmerzhaften Reformen“ durchführten. Konjunkturprogramme auf Pump seien hierbei „kontraproduktiv“.
Auch der Wirtschaftsweise und Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Christoph M. Schmidt, lehnt Konjunkturprogramme auf Pump ab. Es wäre widersinnig, das Geld, das man auf der einen Seite einspare, auf der anderen Seite für Projekte mit ungewissem Ausgang wieder auszugeben, erklärte das Sachverständigenratsmitglied in einem Interview gegenüber Euro am Sonntag Online. Zudem „könnten Ländern wie Griechenland es selbst nicht finanzieren“. Also müssten sich andere in der EU dafür verschulden, sagte er.
Demgegenüber plädierte der Chef des Münchner Vermögensverwaltung Fiduka, Gottfried Heller, für ein EU-Hilfspaket. Mit einem entsprechenden Programm ließen sich die Märkte beruhigen und die Konjunktur in den nächsten „ein, zwei Jahren antreiben“. Zudem könne man die Ratingagenturen so von weiteren Herunterstufungen abhalten.
Privat-Anlegern riet Heller, ihre Aktienquote zu erhöhen. Der Leitzins in der Euro-Zone werde mittelfristig bei „ein bis zwei Prozent“ bleiben. Ziehe die Konjunktur in Deutschland wieder an, werde die „Inflation Richtung drei bis vier Prozent steigen“. Angesichts dessen sollten Anleger möglichst schnell in Sachwerte wie Aktien und Immobilien umschichten. Interessant seien dabei internationale Marktführer, die auch in Wachstumsmärkten stark vertreten seien wie Nestle, McDonald’s, Coca Cola, Procter & Gamble und Unilever. In Deutschland seien Bayer, BASF oder Linde aussichtsreich, sagte Heller. Für Anleihen hat der Finanzprofi jedoch nichts übrig. „Anleihen zählen zu den Geldwerten. Deshalb sollte man aus dieser Anlageklasse so schnell wie möglich raus.“
Bildquellen: Mast/Fotolia