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28.09.2011 17:00

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SCHULDENKRISE

Europas Banken: Blut, Schweiß und Chancen

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Europas Banken haben einiges zu bieten - Chancen und Risiken
Die Kurse der europäischen Banken sind wegen der Schuldenkrise auf Talfahrt. Wo Risiken lauern – und wo ein Einstieg lohnen könnte.

von W. Ehrensberger, €uro am Sonntag

Keine guten Nachrichten für die bereits seit Monaten am Tropf der Europäischen Zentralbank (EZB) hängenden europäischen Banken: Der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht in seinem Zwischenbericht das Weltfinanz­system so zerbrechlich wie zuletzt 2008 nach der Lehman-Pleite. „In den vergangenen Monaten sind die Risi­ken erheblich gestiegen“, heißt es. Vor allem bei den europäischen Banken seien zusätzliche Risiken von 300 Milliarden Euro aufgetaucht, wovon allein 200 Milliarden auf Staatsanleihen in Krisenländern entfielen.

Dazu Momentaufnahmen aus den vergangenen fünf Tagen: Der Siemens-Konzern zieht Medienberichten zufolge eine halbe Milliarde Euro von der französischen Großbank ­Société Générale ab und überträgt sie über die eigene Bank an die EZB. Der chinesische Bankenriese Bank of China stellt das Devisengeschäft gleich mit mehreren französischen Banken ein. EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia versetzt die Märkte in Unruhe, weil er plötzlich pauschal weiteren Kapitalbedarf bei den europäischen Finanzkonzernen ausmacht.

Derweil setzen die deutschen Großbanken immer größere Fragezeichen hinter ihre Gewinnziele, auch wenn sie nach außen hin noch tapfer daran festhalten. Commerzbank-Chef Martin Blessing warnt vor großer Volatilität in den kommenden Quartalen. Deutsche-Bank-Finanzchef Stefan Krause sieht ein „dramatisch verschlechtertes“ Umfeld. Und bezogen auf das Gewinnziel 2011 von zehn Milliarden Euro vor Steuern: „Wir schwitzen ganz schön ordentlich.“

So geht das seit Wochen. Und von Mal zu Mal tiefgreifender schwindet das Vertrauen in eine ganze Branche. Wie ein düsterer Schleier liegt über allem die Sorge vor einer Pleite Griechenlands und einer Ausweitung der EU-Schuldenkrise auf andere Länder. Seit Monaten belastet dieses Szenario die europäischen Bankaktien, insbesondere französische Titel wie Société Générale und BNP Paribas, die auch in dieser Woche wieder kräf­tig verloren. Viele kommen kaum noch an Dollarkredite amerikanischer Geldmarktfonds. Mehr als andere europäische Institute sind diese Häuser in griechischen Staatsanleihen investiert. Dadurch wiederum verschlechtern sich die Refinanzierungsbedingungen.

Im Schlepptau der Franzosen befinden sich aber auch deutsche Häuser wie Deutsche Bank und Commerzbank. Auch die Commerzbank hat über ihre Tochter Eurohypo ein beachtliches Griechenland-Portfolio. Viele Titel büßten seit Frühjahr etwa die Hälfte ihres Börsenwerts ein, die Aktien der italienischen Unicredit gar zwei Drittel.

Hinzu kommen immer neue und strengere Regulierungsvorstöße, höhere Kapitalquoten und schärfere ­Risikoregeln, auch nach dem jüngsten UBS-Handelsskandal. Der dürfte im Übrigen dazu beitragen, dass den Banken auch vonseiten der Politik in den kommenden Monaten der Wind heftig entgegenbläst – von weiterem Reputationsverlust bei der Bevölkerung ganz abgesehen.

Da hilft es auch wenig, dass die In­stitute für 2010 und zumindest noch im ersten Halbjahr 2011 teilweise sehr ordentliche Gewinnzahlen vorgelegt haben. Und auch nicht, dass die meisten Banken inzwischen weit unter ihrem Buchwert notieren – in normalen Zeiten ein Kaufsignal. So liegt das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) der Deutschen Bank oder der französischen Großbank BNP Paribas derzeit bei etwa 0,5 – beides Häuser, die aufgrund ihres Geschäfts­modells und ihrer Kapitalstruktur eigentlich als solide und vorbildlich gelten.

„Vereinfacht gesagt ist der Buchwert Eigenkapital geteilt durch Anzahl Aktien, zeigt also normalerweise den Wert an, der bei Einstellung des Geschäfts in einem Unternehmen vorhanden ist“, erläutert Konrad Becker vom Bankhaus Merck Finck. „Liegt der Buchwert bei 30, der Aktienkurs jedoch nur bei 25, könnte bei einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 25 : 30 durch ein Investment ­allein schon daraus theoretisch ein Gewinn von fünf erzielt werden.“


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Das allerdings ist eine Rechnung, die schon in normalen Zeiten eher simpel gestrickt ist. „Bezogen auf die aktuell niedrigen Kurse der Bankaktien ist sie noch fragwürdiger. Denn in der Börsenbewertung spiegelt sich die Erwartung wider, dass es bei den Banken etwa infolge einer Griechenland-Insolvenz noch zu massiven Abschreibungen kommt, die zu Verlusten führen und das ­Eigenkapital mindern.“ Will heißen: Sollte es bei den Banken zu massiven Abschreibungen kommen, sinkt natürlich auch der Buchwert. Insofern sind die derzeit niedrigen KBVs durchaus mit Vorsicht zu genießen.

Dieter Hein vom unabhängigen Analyseinstitut Fairesearch glaubt allerdings, dass die Erwartungen an der Börse schon weit über einen Griechenland-Bankrott hinausgehen: „Momentan werden bereits Pleiten anderer Länder wie Irland, Portugal oder gar Spanien durchgespielt, möglicherweise auch ein Auseinanderbrechen des Euroraums, also wesentlich drastischere Szenarien als bei der Finanzkrise 2008.“

Hein verdeutlicht dies an den eben genannten Banken: „BNP Paribas verfügt über ein Eigenkapital von 70 Milliarden Euro, hat aber aktuell nur mehr eine Marktkapitalisierung von gut 30 Milliarden Euro. Der Markt geht also von Verlusten in Höhe von 40 Milliarden Euro aus – das kann nicht allein aus Griechenland kommen.“ Ähnlich sei die Lage bei der Deutschen Bank: „Eigenkapital 50 Milliarden Euro, Marktkapitalisierung 22 Milliarden Euro, also ein von der Börse erwarteter Verlust von fast 30 Milliarden Euro.“

Nun gibt es aber auch Banken, die von der europäischen Schuldenkrise und insbesondere der Situation in Griechenland überhaupt nicht direkt betroffen sind. Ohne Risiko sind sie deshalb jedoch nicht. Wie selbst bislang krisenresistente Institute vom Negativsog erfasst werden könnten, macht Konrad Becker von Merck Finck am Beispiel des Wiesbadener Immobilienfinanzierers Aareal Bank deutlich: „Dieses Institut hat zwar kaum EU-Krisen-Anleihen. Man kann die Bank aber nicht isoliert sehen, weil die Krise zu völlig unvorher­sehbaren Wechselwirkungen führen kann.“ So könnte ein Staatsbankrott Griechenlands wirtschaftliche Folgen haben, die zum Umkippen von Immobilieninvestments führen würden, oder zu veränderten Kredit­bedingungen. „Probleme könnten sich auch aus der Refinanzierung ­ergeben, da Aareal kein Privateinlagengeschäft hat und sich deshalb weitgehend auf dem Kapitalmarkt refinanziert“, so Becker.

Nach einer Umfrage der Bank of America haben professionelle Fondsmanager Bankaktien noch nie so stark wie jetzt in ihren Portfolios untergewichtet. Aus manchen Port­folios, wie etwa dem offensiven €uro-am-Sonntag-Musterdepot, sind sie ganz verschwunden. Wie sollten Privatanleger reagieren? „Je nachdem, welches Szenario un­terlegt wird, sind Banken derzeit entweder viel zu teuer oder eben sehr güns­tig“, sagt Dieter Hein, Fairesearch. „Risiko­orientierte Anleger können darin Chancen sehen, für den normalen Privatanleger halte ich Bankaktien momentan für sehr riskant.“

Auch Konrad Becker rät derzeit von Bankaktien eher ab, will aber den Stab nicht völlig über sie brechen. Die weitere Entwicklung der EU-Schuldenkrise sieht er skeptisch: „Man kommt angesichts der EU-Schuldenkrise immer mehr in eine Situation der Ratlosigkeit. Vor einigen Monaten schien es noch die Wahl zwischen Pest und Cholera, zwischen Inflation oder einer ausgewachsenen Rezession, zu geben. Derzeit drängt sich mir der Eindruck auf, dass wir sowohl Pest als auch Cholera bekommen. Unklar ist lediglich, ob nicht noch etwas Drittes und Viertes hinzukommt.“

Die angespannte Lage bei den Banken bereitet derzeit aber nicht nur Anlegern Kopfzerbrechen, die in Bankaktien investieren wollen oder noch investiert sind. Auch in den Banken selbst liegen die Nerven blank. Die Institute müssen wegen der als Folge der Regulierung deutlich geschmälerten Gewinnerwartungen umfangreiche personelle Maßnahmen einleiten. In vielen angelsächsischen Häusern laufen bereits Programme an, die den Abbau von Zehntausenden von Stellen vorsehen. Auch in Deutschland bereiten sich die Banken auf solche Maßnahmen vor. So hat Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann weitere Stelleneinsparungen in Deutschlands größtem Bankkonzern nicht mehr ausgeschlossen, falls sich der Kursverfall an den Börsen fortsetze. Die HVB hat bereits den Wegfall von 700 Stellen am Standort München angekündigt. Auch bei anderen Banken liegen Abbaupläne in der Schublade.

Und angesichts der kaum noch durchschaubaren neuen Vorschriften und des Regulierungswirrwarrs wachsen Frust und Unmut auch in den Chefetagen der Finanzkonzerne. Nicht zuletzt deshalb, weil teilweise konkurrierende deutsche und europäische Finanzaufsichtsbehörden immer mehr Auflagen beschließen und Berichte in immer kürzeren Zeitabständen für immer neue Kennzahlen von den Banken anfordern. So kommt es, dass in den Reporting-Abteilungen der Banken der Personalstand gegen den Trend ausgeweitet werden muss, nur um den bürokratischen Akt zu bewältigen. Zudem stöhnen Mitarbeiter im Rechnungswesen börsennotierter Konzerne bei der laufenden Anpassung der Ergebnisrechnungen: „Einen Tag sind wir in den schwarzen Zahlen, den nächsten wieder in den roten“, sagt ein Betroffener.

In Finanzkreisen gilt „Zermürbung bei vergleichsweise niedrigem Gehalt“ auch als Grund für den vor Kurzem angekündigten Abgang von Commerzbank-Finanzchef Eric Strutz im Frühjahr nächsten Jahres. Ein anderer Bankmanager formuliert sein eigenes Befinden angesichts des Regulierungsdurcheinanders so: „An manchen Tagen möchte ich am liebsten mit der Pumpgun durch die Gegend laufen.“

Investor-Info

Deutsche Bank
Institut dementiert Kapitalbedarf
Angesichts der ausufernden Schuldenkrise wird inzwischen darüber spekuliert, ob die Bank weiteren Kapitalbedarf hat, um die Risiken abfedern zu können. Das Institut beteuert, dass es auch im schwierigen Umfeld keine Kapitalerhöhung brauche und seine Risiken im Griff habe. An der Gewinnprognose hält die Bank fest – unter der Prämisse, dass das Vertrauen zurückkehrt. Sehr spekulativer Wert. Nur für Risikofreudige.

Commerzbank
Neuer Gegenwind
Institut hat sich zuletzt berappelt. Dennoch: Mit dem Immobilienfinanzierer Eurohypo hat die Commerzbank ­einen Sprengsatz im Portfolio, den sie mit eigener Kraft nur noch schwer entschärfen kann. Zudem droht bei ­einer Konjunktureintrübung auch wieder Gegenwind im zuletzt boomenden Kerngeschäft Mittelstandsfinanzierung. Im Gegensatz zur Bank hat der Markt das Gewinnziel 2011 abgeschrieben. Kein Investment.

Aareal Bank
Margenstarkes Kerngeschäft
Stabiles Geschäftsmodell mit sehr margenstarkem Kerngeschäft Immobilienfinanzierung. Einzige börsennotierte Bank in Deutschland, die ohne Verluste durch die Finanzkrise gekommen ist. Kaum Staatsanleihen aus EU-Krisenländern. Vorzeitige Rückzahlung von Staatshilfen bringt Kostenentlastung. Gefahr: Kein Einlagengeschäft, indirekte Kriseneffekte möglich. Vielversprechend, aber ­warten, bis sich die Aktie gefangen hat.

BNP Paribas
Engagement in EU-Krisenländern
Die französische Großbank ist breit aufgestellt und verfügt über ein umfangreiches Einlagengeschäft. Zählt ­wegen des Engagements in europäischen Krisenländern derzeit zu den besonders gefährdeten Instituten. Zuletzt hat die Bank Berichte dementiert, sie sei auf der Suche nach einem arabischen Großinvestor, um zwei Milliarden Euro frisches Kapital auf­zunehmen. Zu riskant.

Bildquellen: Hans Eder/PantherMedia GmbH

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