Schwarze Liste für Anleger (EuramS)
von Carsten Lootze und Peter Gewalt
Steht bei Ihnen im Vorratsschrank vielleicht noch eine Konservendose mit Ananas oder Pfirsichen? Falls diese von Dole sein sollte, könnte sie bald ein begehrtes Sammlerobjekt mit hohem Liebhaberwert sein. Denn der US-Lebensmittelkonzern Dole Foods könnte das Jahr 2009 möglicherweise nicht überleben. Das meinen zumindest die weltweit führenden Ratingagenturen Standard & Poor’s (S & P) und Moody’s.
Nicht nur Dole muss ums Überleben kämpfen. Etwa 500 weitere Unternehmen stehen bei S & P und Moody’s auf den Listen der besonders finanzschwachen Konzerne – so viele wie noch nie. Anleger sollten daher auf der Hut sein: Zwar bedeutet so ein Listenplatz nicht in jedem Fall tatsächliche Zahlungsausfälle bei Anleihen oder gar Insolvenzen, bei denen Aktienanleger meist leer ausgehen. Aber das Risiko realer Verluste ist – nach den schon erlittenen Buchverlusten – bei diesen Unternehmen sehr hoch.
"Todeslisten" heißen die Übersichten ("Weakest Links", auf Deutsch: die schwächsten Glieder) von S & P beziehungsweise "Bottom Rung" (unterste Stufe) von Moody’s in Finanzkreisen. Denn Berechnungen von S & P zeigen: Die Wahrscheinlichkeit von Zahlungsausfällen bei Unternehmen von der hauseigenen Liste ist seit 1999 auf Jahressicht 6,6-mal so hoch gewesen wie bei spekulativen Anleihen insgesamt. Derzeit prophezeien die Ratingagenturen für spekulative Anleihen weltweit Ausfallraten von rund 15 Prozent. Daher ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass fast alle Unternehmen von den aktuellen S & P- und Moody’s-Listen in Zahlungsschwierigkeiten geraten werden.
Auf die Listen kommen nur Unternehmen mit schlechten Schuldnerqualitäten. S & P führt alle Namen seines Ratinguniversums auf, die die Note B- oder niedriger mit negativem Ausblick oder negativem Credit-Watch haben. Moody’s listet alle Unternehmen mit der Note Caa1 oder niedriger sowie Unternehmen mit der Note B3 und negativem Ausblick sowie laufender Überprüfung für eine Herabstufung. Die Moody’s-Liste umfasst generell nur US-Unternehmen und führt derzeit 283 Namen. Zum Vergleich: Vor einem Jahr war die Liste mit 157 Firmen nur etwa halb so lang.
"Die engen Kreditmärkte und der globale Wirtschaftsabschwung lassen die Masse von
US-Unternehmen mit hohen Ausfallrisiken und schwacher Liquidität schnell ansteigen", sagt Moody’s-Chef für Unternehmensfinanzen, David Keisman. Wettbewerber S & P untersucht nicht nur US-Konzerne, sondern Unternehmen weltweit. Auch diese Liste ist in den vergangenen zwölf Monaten immer länger geworden und inzwischen auf 265 Unternehmen angewachsen. Rund 77 Prozent der Pleitekandidaten stammen aus den USA. Diane Vazza, Direktorin für festverzinsliche Papiere, begründet dieses Übergewicht vor allem damit, "dass wir dort unsere meisten Ratingkunden haben". Einen geografischen Schwerpunkt, wo im Verhältnis die meisten Zahlungsprobleme drohen, können die Ratingagenturen daher nicht angeben.
Hinsichtlich der besonders betroffenen Sektoren sind sich Moody’s und S & P aber einig: Den Agenturen zufolge ist es um die Unternehmensfinanzen in den Bereichen Medien und Unterhaltung, Einzelhandel, Automobil und verarbeitendes Gewerbe besonders schlecht bestellt. "Unternehmen aus diesen Bereichen sind von zyklischen Abschwüngen im makroökonomischen Umfeld besonders betroffen", begründet Vazza.
Der Medien- und Unterhaltungssektor leidet unter schrumpfenden Anzeigenbudgets. Den Einzelhandel treffen sinkende Konsumausgaben. Denn die Verbraucher haben durch fallende Vermögenswerte bei Aktien, Anleihen und Immobilien zumindest nach Buchwerten große Teile ihrer Vermögen verloren; zudem fürchten viele um ihre Arbeitsplätze. Dementsprechend halten sie sich beim Einkauf zurück – das gilt vor allem für große Anschaffungen wie Autos, was die Automobilbranche trifft. Das verarbeitende Gewerbe spürt die weltweit abnehmenden Investitionen, was die Nachfrage nach Investitionsgütern belastet.
Vazza: "Zudem hat ein stärkerer heimischer und globaler Wettbewerb bei den Unternehmen zu einer aggressiveren Finanzpolitik geführt." Dabei haben sie verstärkt Fremdkapital eingesetzt, das bis 2007 billig und leicht zu haben war. Im Zuge der Finanzkrise haben die Banken ihre Kreditvergabekriterien allerdings verschärft, und die Kreditzinsen sind gestiegen, sodass der Fremdkapitalhebel heute in der Regel entfällt.
Viele bekannte Markennamen stehen auf den "Todeslisten". Dazu gehört zum Beispiel Chiquita – die Bananen des US-Lebensmittelkonzerns mit dem blauen Etikett liegen in fast jedem deutschen Supermarkt in der Obstabteilung. Die Eastman Kodak Company, auf deren Filmen und Fotopapier auch deutsche Urlauber ihre Schnappschüsse einfangen. Canon Communications, deren Drucker in vielen Büros stehen. Palm zum Beispiel, bekannt für seine elektronischen Terminkalender. Blockbuster gehört dazu, der weltweit größte Verleiher von Filmen auf DVDs und Videospielen. Die Burlington Coat Factory Warehouse, deren Socken mit dem kleinen Metallknopf in jedem großen deutschen Kaufhaus hängen. Jacuzzi – der Name des US-Konzerns ist zum Synonym für Whirlpools geworden. Die Spielwarenkette Toys’R’Us. Oder auch der Bekleidungshersteller Quicksilver, dessen Kapuzensweatshirts und Baggy-Jeans bei Teenagern auch hierzulande Kultstatus genießen.Keine große Überraschung ist, dass die drei großen US-Autobauer General Motors, Chrysler und Ford zu den Pleitekandidaten gehören. Auch die Finanzprobleme der Fluggesellschaften US Airways Group und Jet Blue, an der die Lufthansa beteiligt ist, sind wohl den meisten Anlegern bekannt.
Vier deutsche Vertreter gibt es auf den "Todeslisten". Am bekanntesten ist davon der Edel-Damenbekleidungshersteller Escada. Auch A.T.U. Auto-Teile-Unger ist dabei. Die Aktien der Werkstattkette werden nach der Übernahme durch den Private-Equity-Investor KKR zwar nicht mehr im Freiverkehr gehandelt. Die Anleihen des Unternehmens dürften aber noch bei einigen Anleger im Depot liegen. Ebenfalls auf der Liste: die VAC Holding GmbH. Sie hat gemäß Bloomberg vier Anleihen mit Laufzeitenden zwischen Dezember 2012 und Juni 2014 ausstehen. Das vierte deutsche Unternehmen, die Morgan Advanced Ceramics Sales B.V., hat weder öffentliche Anleihen noch Aktien auf dem Markt.
Die Finanzkraft deutscher Unternehmen war Thema einer Analyse der internationalen Beratungsgesellschaft Accenture. Dafür hat Accenture den Innenfinanzierungsgrad (Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen dividiert durch Umsatz) und den Nettoverschuldungsgrad (Nettoverschuldung dividiert durch Umsatz) im vierten Quartal 2007 mit den entsprechenden Zahlen im vierten Quartal 2008 verglichen. Das Ergebnis: Nur 18 von 178 Unternehmen (darunter alle DAX-, MDAX-und S-DAX-Mitglieder) konnten ihre Margen im Jahresvergleich verbessern und die Verschuldung senken.


