Siemens statt Bank (EuramS)
von Stephan Bauer
Kreditklemme? Welche Kreditklemme? Glaubt man Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, dann gab es zumindest bis vor wenigen Wochen keine ernst zu nehmenden Engpässe im deutschen Finanzmarkt. Die Branche frage bei der Kreditvergabe nur etwas genauer nach, scherzte der Spitzenbanker. Finanzmarktexperten sehen die Sache anders. "Die Banken verkürzen ihre Bilanzen, weil sie massiven Abschreibungsbedarf haben. Das Kreditangebot wird knapper", sagt Manfred Jäger, Finanzmarktexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Auch Arno Städtler, Experte des Münchner Ifo-Instituts, sieht inzwischen große Probleme auf dem Kreditmarkt. "Die Landesbanken, aber auch viele Großbanken sind dabei, ihr Geschäft zu reduzieren", stellt Städtler fest.
Praktiker warnen vor den Folgen des Liquiditätsengpasses. Industriekapitän Jürgen Hambrecht, Chef des Chemieriesen BASF, fand unlängst deutliche Worte: "Wenn die Banken in ein, zwei Jahren ihre Unterkapitalisierung behoben haben und wieder gute Ergebnisse vorweisen, fragt niemand, wie viele ihrer Kunden auf der Strecke geblieben sind", polterte der Konzernlenker.
Unternehmer jedenfalls sagen klar, dass Kredit knapp ist. Nach einer Umfrage des Bundesverbands der Deutschen Industrie beklagte ein Drittel der Firmen Schwierigkeiten bei der Aufnahme oder Verlängerung von Krediten. Eine Finanzklemme im Unternehmenssektor sei in vielen Fällen bereits Realität, schrieb der Verband im Dezember. Und laut Ifo-Institut haben aktuell nicht nur kleine und mittlere, sondern vor allem auch große Unternehmen Schwierigkeiten. "Die Kredithürde steigt", sagt Experte Städtler.
Doch woher Geld nehmen, wenn der Kreditmarkt versagt? Wie in vielen Krisen zuvor wenden sich Käufer von Investitionsgütern oder teuren Konsumgütern wie Autos entweder an eigenständige Leasinggesellschaften – oder gleich an die Hersteller. "Wir sehen einen deutlichen Trend hin zur Absatzfinanzierung", sagt Experte Städtler.
Wer jetzt als Hersteller Kunden Kredit gibt, kann Marktanteile gewinnen. Beispiel Flugzeugindustrie: Im zwischen Airbus und Boeing heftig umkämpften Markt dürfte das Instrument Absatzfinanzierung künftig noch größere Bedeutung gewinnen, wie Experten bestätigen. Die Finanzierung kann daneben auch ein Mittel sein, schwächelndes Geschäft zu stützen. Etwa beim Nutzfahrzeughersteller MAN: In den vergangenen Monaten ist die Zahl der Neubestellungen bei den Bayern rapide abgestürzt. Dem will Finanzchef Karlheinz Hornung mit einer massiven Ausweitung der Finanzierungsaktivitäten begegnen. Im September beantragten die Münchner für ihre Tochter MAN Finance eine eigene Banklizenz. Ziel für 2008 war es, das Finanzierungsvolumen um 400 Millionen auf 1,8 Milliarden Euro hochzufahren. Der Trend für 2009 ist klar. Das Geschäft mit der Finanzierung von Lkw oder großen Schiffsdieseln will MAN auch im laufenden Jahr ausweiten. In welchem Umfang steht indes noch nicht fest. "Das hängt von der Entwicklung der Absatzlage ab", sagt ein Konzernsprecher. Wegen seiner Finanzkraft und der einst bürokratischen Verwaltung wurde der Industriekonzern Siemens früher oft als "Bank mit angeschlossenem Elektroladen" verspottet. Heute verfügt der Mischkonzern über ein modernes Management – und mit seiner Finanzierungstochter Siemens Financial Services (SFS) über einen schlagkräftigen Finanzarm.
Während viele Banken ihr Kreditvolumen eindampfen, will SFS die Bilanzsumme im Geschäftsjahr um gut zehn Prozent auf 12,5 Milliarden Euro ausweiten. €uro am Sonntag sprach mit SFS-Chef Dominik Asam über die Risiken der Expansion und über neue Ideen, wie künftig auch Lieferanten bedient werden können.
€uro am Sonntag: Die Klagen über Liquiditätsschwierigkeiten mehren sich. Stellen Sie einen wachsenden Kreditbedarf fest?
Dominik Asam: Viele kleinere Unternehmen fragen derzeit aktiv wegen einer Finanzierung an. Wir bekommen aber auch Anfragen von großen Unternehmen, die ihr Geschäft durch eine Absatzfinanzierung von uns unterstützen wollen. Unsere Zusammenarbeit mit SAP etwa hat sich im abgelaufenen vierten Quartal deutlich intensiviert.
€uro am Sonntag: Klingt fast so, als könnten Sie sich Ihre Kunden aussuchen?
Asam: Neues Geschäft ist wirklich kein Problem. Die Frage ist vielmehr, wie viel Kapital wir für die Absatzfinanzierung bereitstellen können.
€uro am Sonntag: Und die Antwort?
Asam: Im laufenden Geschäftsjahr planen wir ein moderates Wachstum. Wir werden das Wachstum zudem stärker in den Absatzfinanzierungsaktivitäten für Siemens suchen. Im Verhältnis zum Wettbewerb ist das eine starke Aussage: Die meisten Banken und Spezialfinanzierer sind immer noch dabei, ihre Bilanzen zu reduzieren.
€uro am Sonntag: Werden Sie auch die Finanzierung des Geschäfts anderer Unternehmen – durch Siemens quasi als Bank – ausbauen?
Asam: Liquidität ist heute ein rares Gut. Auch Siemens hat keine unendlichen Ressourcen und zudem eine sehr konservative Liquiditätsplanung. Wir wollen unsere Mittel gewinnbringend einsetzen und zugleich die Konzernstrategie nach vorn bringen. Die Zeiten der Kreditschwemme, des billigen Geldes, sind vorbei. Deshalb wird der Anteil unseres Geschäfts, das mit Siemens zu tun hat, steigen.
€uro am Sonntag: Wirft das Finanzierungsgeschäft mehr ab?
Asam: Unsere risikoangepasste Zinsmarge steigt seit einigen Quartalen, allerdings auch die Risikovorsorge für Ausfälle. Viele Kunden sind bereit, für das durch die Krise erhöhte Risiko auch gut zu zahlen. Kein Wunder angesichts der Zinsen, die auch Topkunden für eigene Anleihen hinlegen. Es gibt am Kreditmarkt eine Marktverwerfung, die Finanzierern mit intakter Finanzierungsbasis große Chancen bietet.
€uro am Sonntag: Wie begegnen Sie dem wachsenden Risiko?
Asam: Die eigentliche Kreditkrise beginnt jetzt erst. 2009 dürften zunehmend Unternehmen aus der Realwirtschaft ins Schlingern geraten. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns bei langfristigen Geschäften intensive Gedanken um die Bonität der Kunden machen und untermauern dies durch ein entsprechendes Risikomanagement.
€uro am Sonntag: Was heißt das konkret?
Asam: Wir konzentrieren uns auf die Bereiche, in denen Siemens viel Know-how besitzt, etwa in der Energiebranche, der Medizintechnik oder im Industriesektor. Es gibt im Konzern großes Expertenwissen. Den Bau eines Kraftwerkprojekts etwa können wir ganz anders beurteilen als ein herkömmliches Kreditinstitut. Deshalb kommen wir zuweilen zu einer anderen Einschätzung bezüglich der Bonität als die Banken.
€uro am Sonntag: Setzt Siemens die Finanzierung durch die "Hausbank" SFS jetzt gezielt ein, um Marktanteile zu gewinnen?
Asam: Ja, wobei wir uns aber nicht auf eine Subventionierung des Absatzes zu Dumpingpreisen einlassen. Wir sichern dennoch Aufträge. Vor Kurzem hat etwa ein großer US-Versorger wegen der schwierigen Finanzierungslage in Betracht gezogen, einen Auftrag zu stornieren. Wir konnten dies verhindern, weil wir dem Kunden Bedingungen bieten konnten, die besser waren als die der Banken oder des Kapitalmarkts. Wir können mit diesem Kredit sehr gut leben. Dies war ein Fall, in dem spezielle Infrastrukturprojekte, deren Bonität in unseren Augen durch eine Rezession nicht wirklich verschlechtert wird, quasi in Sippenhaft mit kränkelnden Branchen in den USA genommen wurden. Es wird heute oft eine Liquiditätsprämie verlangt, die nichts mit der Bonität des Kunden zu tun hat, sondern einfach mit der Knappheit der Mittel.
€uro am Sonntag: Laufen Sie bei der Finanzierung des Siemens-Geschäfts nicht zwangsläufig Gefahr, zu große Risiken einzugehen?
Asam: Sicher hängt von der Stärke des Konzerns unsere eigene Refinanzierungsbasis und Bonität ab. Insofern profitieren wir davon, wenn es Siemens gut geht. Aber wir sind eine Division, die eigene Renditeziele zu erfüllen hat. Es gibt viele Geschäfte, die man machen kann – aber auch solche, die man nicht machen sollte. Wir wollen den Kunden, den wir verstehen. Im Übrigen bietet das Siemens-Geschäft bereits eine sehr gute Diversifikation nach Branchen, Regionen und Kundengruppen. Diese Diversifikation ergänzen wir weiter durch externes Geschäft in den Feldern mit Siemens-Kompetenz.
€uro am Sonntag: Sehen Sie regionale Wachstumsschwerpunkte?
Asam: Ja, zum einen in den Emerging Markets wie China – unter der Voraussetzung, dass die Wirtschaft dort ein auskömmliches Wachstum erzielen kann und nicht in eine Rezession läuft. In den USA haben wir die vielleicht größte Opportunität, weil die Kreditkrise hier am schlimmsten gewütet hat. Insbesondere in der Medizin- und Energietechnik konsolidiert sich dort gerade der Wettbewerb. Hier wollen wir 2009 zulegen, obwohl der Markt insgesamt kaum wachsen dürfte.
€uro am Sonntag: SFS macht auch Geschäfte mit Lieferanten von Siemens. Was steckt dahinter?
Asam: Es geht hier nicht primär darum, Lieferanten Kredite zu gewähren. Wir stellen eine Plattform zur Verfügung, auf der Lieferanten ihre Forderungen gegen Siemens mit einem bestimmten Zahlungsziel verkaufen können, etwa an Banken. Wir schulden das Geld – dadurch bekommen die Unternehmen rasche Liquidität, und zwar zu besseren Konditionen, als wenn sie selbst einen Kredit aufgenommen hätten. Das liegt daran, dass Siemens eine höhere Bonität hat als die meisten Lieferanten. Diesen Vorteil reichen wir weiter und erhalten im Gegenzug bessere Einkaufskonditionen. Hier haben wir aber bereits weitergehende Pläne.
€uro am Sonntag: Inwiefern?
Asam: Wir wollen das Geschäft auch anderen Konzernen zugänglich machen und Gebühren verlangen.
€uro am Sonntag: Wann soll dies geschehen und welches Volumen trauen Sie dem Geschäft zu?
Asam: Wir sind dabei, die Plattform für die Siemens-Einheiten zu öffnen. Ende 2009 wollen wir auch Drittkunden bedienen. Unser Ziel ist es, ein Volumen im niedrigen einstelligen Milliardenbereich zu realisieren.


