von Andreas Pilmes, €uro am Sonntag
Januar
Zwanzigzwölf. Ein Jahr, das Fragen aufwirft. Darf man noch Witze über die FDP machen oder gilt das als Leichenschändung? Reicht es, Banker verbal zu bashen, oder sollte man den Scheiterhaufen als Instrument öffentlicher Anti-Dämonen-Demonstration wieder einführen? Ist in Griechenland noch jemand zu Hause? Warum sieht Karl-Theodor zu Guttenberg nicht mehr aus wie „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, sondern wie Lothar Matthäus? Eröffnet Christian Wulff nebenberuflich eine Kreditvermittlung? Wer wird „Wetten, dass ..?“ moderieren und warum?
Offene Fragen sind nicht das, was der Börsianer liebt. Überhaupt mag er die Börse per se nicht mehr sonderlich. Woraus sich eine weitere Frage ergibt: Was passiert, wenn der Börse die Anleger ausgehen, wenn nur mehr die Banken unter sich Aktienmarkt spielen? Fällt das auf? Vermutlich nicht. Mitunter beschleicht einen ja doch das Gefühl, dass man sein stupid money ohne großen Aufwand einfach so abgeben könnte. Aber Bangemachen gilt nicht. Commerzbank zu 1,12 Euro, da muss man einfach zugreifen. Der DAX steht bei 6093, da kann eigentlich nicht viel schiefgehen.
Februar
Italien und das Modell Monti, eine Blaupause für künftige Regierungsarbeit? Da sieht man mal, wie daneben wir immer lagen: Politik braucht gar keine Politiker. Womöglich ist das nicht nur die Lösung für die Schuldenkrise, sondern auch für die grassierende Politikverdrossenheit. Weg mit dem dauerwahlkämpfenden Talkshow-Personal und seinen ewig gleichen Phrasen, her mit den Pragmatikern.
Könnte so schön sein. Wenn es nicht Silvio Berlusconi gäbe. Der ruft sich im Dom von Mailand zum Kaiser aus und verkündet komplette Immunität. Die Zinsen italienischer Staatsanleihen schnellen auf 24 Prozent. Noch während der Krönungsmesse wird Berlusconi abgeführt und in die Psychiatrie gebracht. Der Spuk hallt an den Börsen nach: Da die Commerzbank (natürlich) italienische Staatsanleihen in Massen hält, sinkt der Aktienkurs auf 87 Cent. Versuche vergeblich, eine Order für Azzuri-Anleihen zu platzieren.
März
Wladimir Putin gewinnt etwas überraschend die russische Präsidentenwahl. Kurz zuvor hatte er die Oppositionspartei Partija Pirati gegründet, zu Deutsch: Piratenpartei, und für freien Wodka plädiert. Putin präsentiert sich sogleich bei der Robbenjagd am Polarkreis, standesgemäß mit nacktem Oberkörper. Im Hintergrund wartet Gerhard Schröder geduldig, bis er sich wärmend über seinen Zaren werfen darf. Der DAX ist unter 5.000 Punkte gerutscht. Die chinesische Immobilienblase ist offenbar kurz vor dem Platzen, zudem stehen Frankreichs Banken wohl vor dem Bankrott (die Commerzbank hält etliche Aktien). Die Arbeitslosigkeit in den USA steigt auf 14 Prozent, Gold steht über 2.000 Dollar und KT zu Guttenberg schreibt an einer Arbeit über Doktorspiele.
April
Europas Banken erhalten eine Entschädigung für den Schuldenschnitt bei griechischen Staatsanleihen: Griechenland. Die Deutsche Bank übernimmt einige Sahnestückchen aus der Inselwelt, unter anderem Mykonos, Kos und Lesbos. Dazu gibt es den Hafen von Piräus und das Monopol auf die Ouzo-Produktion. BNP Paribas muss sich dagegen mit Gyros, der Schafzucht und Thessaloniki begnügen. Athen geht komplett in den Besitz der Unicredit über, welche die Stadt umgehend gegen US-Immobilienpapiere aus dem Bestand der Hypo Real Estate eintauscht.
In Frankreich wird Nicolas Sarkozy wiedergewählt. Seine Gattin ist schwanger mit Drillingen. Im Berliner Kanzleramt wird fieberhaft überlegt, wie man diese Strategie nutzen könnte. Derweil denkt Angela Merkel über Europa und den Euro nach. Der DAX setzt seine Talfahrt bis auf 4.466 Punkte fort, kurz unterbrochen vom Facebook-Börsengang, der mehrere Milliarden Like-Buttons einbringt. Habe natürlich nichts abbekommen. Gucke den Commerzbank-Kurs nicht mehr an.
Mai
Nachdem sich Oscar Lafontaine von Sahra Wagenknecht getrennt hat, lehnt er ein Angebot von RTL ab, via Castingshow seine nächste Lebensgefährtin zu rekrutieren. Schade, hätte eine schöne Mischung aus „DSDS“ und „Bauer sucht Frau“ werden können.
Sehe überhaupt viel fern. Das ZDF hat ein neues Showformat eingeführt: ein Dschungelcamp für arbeitslose Börsenhändler und Investmentbanker. In Anzug und Schlips müssen sie sich den Amazonas flussaufwärts bis zur Quelle durchkämpfen. Als Belohnung für den Tagessieg winkt eine Nase Koks. Wer verliert, bekommt Commerzbank-Aktien. Moderiert wird das Ganze von Peter Zwegat.
Die SPD versucht, einen Kanzlerkandidaten nach dem Prinzip von „The Voice of Germany“ zu finden. Steinbrück, Steinmeier, Gabriel, Wowereit, Nahles und Co. halten Reden vor Juroren, die ihnen den Rücken zudrehen. Dummerweise dreht sich nie einer um. Verkaufe Commerzbank bei 33 Cent.
Juni
Die deutsche Elf spielt den Rest Europas bei der EM zwar schwindlig, Spanien gewinnt jedoch das Endspiel aufgrund eines Eigentores von Thomas Müller, der dadurch immerhin Torschützenkönig wird. Jogi Löw tritt zurück, Nachfolger wird Lothar Matthäus. „Er kann es“, befindet KT zu Guttenberg in einem „Zeit“-Interview, das Giovanni di Lorenzo kniend mit ihm führt. In Thüringen gehen mehrere Tausend V-Leute auf die Straße und demonstrieren für die ihnen als Staatsdiener zustehenden Beamtenpensionen.
Der DAX dümpelt um die 3.500 Punkte. Die Banken geben nichts, Geld wird knapp. VW verkauft seine Porsche-Anteile an den indischen Autobauer Tata, der künftig ausschließlich in der Heimat produzieren will und einen 911er für 9.999 Euro ankündigt. Ferdinand Piëch zieht sich verbittert ins Privatleben zurück und eröffnet eine Kita am Fuschlsee. Seine Nachfolge soll ein alter Bekannter aus der Autobranche übernehmen, Wolfgang Reitzle. Der erhält diese Nachricht völlig unvorbereitet in einer Schönheitsklinik am Bodensee, was eine unschöne Narbe an der linken Wange hinterlässt.
Juli
Zu den Olympischen Spielen in London bringt die HVB ein neues Produkt auf den Markt: Leerverkäufe auf Sportwetten. Wie genau das funktioniert, wissen angeblich nur die Mathematiker im Keller der Bank, doch auch das ist nicht sicher. Das Zeug verkauft sich wie geschnitten Brot. Josef Ackermann hat von der Deutschen Bank die Insel Zakynthos als Abschiedsgeschenk erhalten, wo er Selbstgetöpfertes verkauft und über das Glück im Verzicht predigt. An der Börse kehrt wieder Leben ein. Nachdem alle anderen Sachwerte abgegrast sind, wenden sich die Investoren wieder Aktien zu. Eon zum Beispiel.
Der Konzern bestätigt erste Erfolge bei dem Projekt, die Methangas-Ausscheidungen von Rindern nutzbar zu machen und so die Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren. Gerhard Schröder tobt im Auftrag Putins. Deutliche Kursgewinne von Eon ziehen den Rest des DAX mit nach oben. Wittere Morgenluft mit Methan. Kaufe Eon zu 14,33 Euro.
August
Schuldenschnitt für Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, Belgien und Luxemburg (Letzterer geschieht versehentlich und wird tags darauf zurückgezogen). Ärgerlich nur, dass ich kurz zuvor einen ordentlichen Packen italienischer Staatsanleihen ins Depot bekommen habe — die Order vor ein paar Monaten muss wohl undatiert gewesen sein. Bin daher gezwungen, Eon zu 14,67 wieder zu verkaufen.

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Tags darauf verkündet der Konzern, ein erstes Biogaskraftwerk in Argentinien zu bauen und das Gas per Pipeline nach Europa zu transportieren. Die Förderung könnte bereits 2021 aufgenommen werden. Kursfeuerwerk! Die Aktie verdoppelt sich. Denke über Lotto nach.
Die Kanzlerin wiederum denke über Europa und den Euro nach, lässt sie das Volk wissen. Ergebnisoffen.
September
Die chinesische Immobilienblase platzt vorerst wohl doch nicht, die USA kündigen ein Wirtschaftswachstum von 4,3 Prozent für 2013 an und Griechenland mausert sich unter Führung der Deutschen Bank zum Wirtschaftsmotor.
Liegt womöglich an der Ouzo-Schwemme in Europa. Jedes EU-Land hat sich verpflichtet, das Zeug massenhaft abzunehmen. Aber wohin damit? Wundersamerweise taugt der Sprit hervorragend als Sprit, BMW kündigt den ersten Ouzo-Dreier an. Warren Buffett und BP bauen gemeinsam eine Ouzo-Raffinerie bei Athen.
Josef Ackermann bunkert im Keller seiner Töpferei Jahrgangs-Ouzo für den eigenen Bedarf, kann aber nicht verhindern, dass Hans-Olaf Henkel bei einem Besuch die Hälfte der Bestände vernichtet. Würde gerne BMW-Aktien kaufen, bekomme aber keinen Kredit mehr.
Oktober
Um seinen Anspruch auf die Kanzlerkandidatur zu unterstreichen, posiert Peer Steinbrück in Kavallerieuniform vor einem Schweizer Grenzposten. Als Leitmedium des hündischem Ergebenheitsjournalismus (für diese Formulierung bedanken wir uns bei Oliver Welke) verkündet der „Spiegel“ das endgültige Aus für deutsches Schwarzgeld. Unerwähnt bleibt, dass Steinbrück vor lauter Enthusiasmus so ungeschickt mit seinem Säbel hantiert, dass er Sigmar Gabriel einen Teil des Ohres abschneidet — zu sehen auf Youtube. Ebenso ein Schweizer Grenzer, der sich vor Lachen in die Hose macht.
Silvio Berlusconi wird als V-Mann des deutschen Verfassungsschutzes enttarnt. Als Folge geht seine Fininvest pleite. Er versucht sich erfolglos als Gigolo auf einem Kreuzfahrtschiff und übernimmt dann den Job des Hausmeisters im d’Annunzio-Museum am Gardasee. Der DAX klettert über 5.000 Punkte.
November
Barack Obama tritt zur zweiten Amtszeit an. Er gewinnt die Wahl etwas überraschend gegen Homer Simpson, auf den sich die Republikaner erst wenige Wochen zuvor geeinigt hatten. Der Wahlkampfslogan des ersten vollfarbigen US-Präsidenten kam wohl doch zu spät. Angela Merkel unterbricht kurz ihr Nachdenken über Europa und den Euro, um per SMS zu gratulieren. Sie vertippt sich jedoch und schickt die Nachricht an Thilo Sarrazin, der daraus ein Buch über die muslimische Bedrohung für moderne Kommunikationsformen macht.
Hans-Olaf Henkel eröffnet eine Ouzo-Trinkhalle an der Frankfurter Börse. Verbittert erzählt er in „Bild“, dass er keinen einzigen Talkshow-Auftritt in diesem Jahr hatte. Der DAX geht über die 6.000.
Dezember
Oscar Lafontaine präsentiert Andrea Nahles als neue Lebensgefährtin, dazu eine Bestätigung seiner Zeugungsfähigkeit. Er schließt eine Kanzlerkandidatur für die SPD nicht mehr aus. Karl-Theodor zu Guttenberg enthüllt in „Bunte“, dass er „Wetten, dass ..?“ moderieren möchte. Am liebsten gemeinsam mit Lothar Matthäus.
Die Kanzlerin beendet überraschend ihr Nachdenken über Europa und den Euro — ergebnisoffen — und bildet die Regierung nach dem Vorbild Italiens um. Peter Zwegat übernimmt das Finanzressort, Verona Pooth Arbeit und Familie sowie —nicht ganz unumstritten — Daniela Katzenberger die Bildung. Viele Firmen zahlen das Weihnachtsgeld in Staatsanleihen, es kommt zu Massenprotesten.
Plündere die Spardosen meiner Kinder und steige in Commerzbank ein. Kurs steht bei 21 Cent, der DAX bei 6.519 Punkten. Da kann doch eigentlich nichts schiefgehen. Am 21.12.2012 endet der Kalender der Maya, die Welt geht unter. Dieter Bohlen singt dazu.
Bildquellen: Bernhard Prinz