27.08.2012 05:30
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Dudenhöffer: Bei zwei Euro pro Liter wird genauso gefahren

Spritpreis 
Neue Rekordstände entzweien die Autoexperten. Der ADAC fordert Steuerentlastungen für Pendler. Dudenhöffer sieht dagegen die ­Autofahrer in der Pflicht: Sie könnten selbst sparen, wollen aber nicht.
€uro am Sonntag

von Wolfgang Ehrensberger, Euro am Sonntag

Der Spritpreis in Deutschland erreicht immer neue Rekorde. Laut ADAC kostete Super E10 Ende der Woche im Schnitt 1,694 Euro pro Liter, Diesel liegt bei 1,541 Euro — jeweils neues Allzeithoch. Als Ursachen für den rasanten Preisanstieg werden von den Mineralölfirmen der steigende Ölpreis und die Euroschwäche genannt, die hohe Nachfrage während der Urlaubszeit sorgt zusätzlich für Auftrieb.

Über zwei Euro in der Toskana
Aussicht auf Entspannung besteht nicht — im Gegenteil: Wenn es so weitergeht, steuert der Treibstoffpreis auf jene Zwei-Euro-Marke zu, die er beispielsweise in einigen Regionen Italiens in der vergangenen Woche schon überschritten hat. Am teuersten ist der Sprit zurzeit in der Toskana: Dort müssen Autofahrer an einigen Tankstellen inzwischen 2,008 Euro für einen Liter berappen.

In Deutschland wird derweil gestritten, welche Konsequenzen das mittlerweile erreichte Niveau fordert. Auch wenn es noch ein Stück entfernt ist von jenen fünf D-Mark pro Liter, die die Grünen im Bundestagswahlkampf 1998 forderten — mit Verweis auf gleichzeitig immer niedrigere Verbrauchswerte der Autos, sodass der Autofahrer am Ende ungeschoren davonkäme.

Doch 2012 sieht der Autofahrer-­Interessenverband ADAC wegen des Benzinpreisanstiegs vor allem Pendler immer stärker belastet durch „dramatisch und überproportional erhöhte Arbeitswegekosten“. Die Autofahrerlobbyisten fordern deshalb, die 2004 auf 15 Cent je Fahrtkilo­meter gekappte steuerliche Entfernungspauschale für den Arbeitsweg wieder anzuheben. Schließlich würden rund zwei Drittel aller Fahrten zur Arbeit mit dem „motorisierten Individualverkehr“ zurückgelegt. Und mit 15 Cent je Kilometer lasse sich kein Auto realistisch betreiben. ADAC-Präsident Peter Meyer fordert deshalb: „Die Politik darf nicht un­tätig zusehen, wie für Millionen von Menschen der Arbeitsweg immer unbezahlbarer wird.“

„Gehirn ausschalten“
Einer, der solche Sätze nicht mehr hören kann, ist der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen. Für seine Bemerkung, es sei Pendlern ja nicht ver­boten, näher an den Arbeitsplatz zu ziehen, musste er schon Prügel einstecken.

Der Autoforscher gibt jetzt auch der Ökopartei recht: „Wenn die deutschen Autofahrer wirklich wollten, könnten sie schon längst überwiegend mit Ein-, Zwei- oder Drei-Liter-Modellen unterwegs sein, so wie sich das die Grünen bereits im Bundestagswahlkampf 1998 vorgestellt haben“, sagte Dudenhöffer der Wirtschaftszeitung Euro am Sonntag.

Aber eines gelte für die Deutschen eben besonders: „Autofahren ist eben nicht nur, von A nach B zu kommen, sondern Autofahren ist Emotion, und das heißt auch: Gehirn ausschalten.“ Dies erkläre auch die immer größere Nachfrage nach höheren PS-Leistungen. Noch nie hätten in Deutschland neue Autos so hohe Motorisierungen. Im Schnitt verfüge ein Neuwagen in diesem Jahr über 138 PS, vor zehn Jahren seien es noch 116 PS gewesen. Auch der Trend zu Geländewagen sei nach wie vor ungebrochen.

Dudenhöffers Fazit: „Selbst wenn der Spritpreis die Zwei-Euro-Schwel- le überschreiten sollte, wird sich wenig ändern: Es werden weiter rund 43 Millionen Autos unvermindert über Deutschlands Straßen rollen, die Autofahrer reagieren so gut wie überhaupt nicht auf Treibstoffpreise. Einige werden vielleicht noch etwas mehr sparen, nur wenige werden das Autofahren ganz einstellen.“

Am Ende versucht es der Auto­experte doch noch mit etwas Trost für manch gequälte Autofahrerseele: „Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, ist der Spritpreis gemessen an der dafür eingesetzten Arbeitszeit seit den 60er- und 70er-Jahren doch deutlich gesunken.“

Bildquellen: Yuri Samsonov / Shutterstock.com
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