
Interessant bei der Betrachtung sind zum aktuellen Zeitpunkt drei Fragestellungen:
1. Wird es zu den erwünschten Maßnahmen kommen, oder anders ausgedrückt, werden die Markteilnehmer in Ihrer Erwartung befriedigt oder enttäuscht werden?
2. Wie werden die Märkte kurzfristig auf das eine oder das andere Szenario reagieren?
3. Wie werden die Märkte sich langfristig weiter entwickeln?
Zunächst lässt sich für mich festhalten, dass die Aussagen Mario Draghis voll in mein Szenario passen. Ich halte es für annähernd ausgeschlossen, dass der Euro in nur wenigen Monaten zerfällt, wie einige Ökonomen erwarten. Zwar sehe auch ich den Euro keineswegs für auf immer und ewig gerettet an, doch zum aktuellen Zeitpunkt wird die Politik dies nicht zulassen, oder man kann es auch einfach ausdrücken: Wird Deutschland es nicht zulassen. Denn es ist – mal abgesehen von Finnland – allein Deutschland, das noch auf die Bremse tritt, doch wer glaubt, dass wir mit unserer Geschichte zum Totengräber der europäischen Währungsunion und Integration werden, wird sich irren. Welcher Politiker will diese Entscheidung auf sich nehmen. Denn es geht nicht, wie von unwissenden Ökonomen fälschlicher Weise behauptet wird – nicht um deutsche Steuergelder, sondern um die Frage, ob die EZB bereit ist, wie ihr amerikanisches, britisches und japanisches Pendant Staatsanleihen aufzukaufen und damit weiteres Inflationspotenzial aufzubauen. Draghi hat mit seinem Satz: „Seien Sie sicher, es wird reichen!“ klar gemacht, dass Notenbanken in einem Papiergeld-System omnipotent sind, und Deutschland wird nicht hingehen und die EZB kastrieren, um hier im Bild zu bleiben. Auch dies wäre am Ende ein Eingriff in die viel beschworene Unabhängigkeit der Notenbank. Auch für Deutschland wäre ein sofortiger Euro-Zusammenbruch viel zu teuer. Und es gibt zudem auch Argumente für ein Festhalten an der Rettungspolitik entgegen der Meinung einiger wild gewordener Ökonomie-Professoren. Denn Länder wie Irland, Portugal, aber auch Spanien mit einer zuletzt stark verbesserten Handelsbilanz machen Fortschritte bezüglich der Rückgewinnung ihrer Wettbewerbsfähigkeit.
Völlige Aktienabstinenz erscheint mir daher nicht geboten, im Gegenteil, ich bleibe für dieses Jahr weiter optimistisch für Dividendenpapiere, und das in erster Linie wegen der massiv gefallenen Anleiherenditen, die im Bewertungsvergleich Aktien so billig machen, wie noch nie in der Geschichte. Im EuroStoxx sind Dividendenrenditen von rund zehn Prozent mittlerweile keine Seltenheit mehr und das bei Aktien, denen keineswegs zukünftig Verluste voraus gesagt werden. Ich denke, dass Aktien daher irgendwann in den kommenden zwölf Monaten ein höheres Niveau erreichen werden, und zwar unabhängig davon, ob die Notenbanken Staatsanleihen aufkaufen oder nicht. Die Entscheidung FED am heutigen Abend ist für mich daher weniger relevant, als allgemein angenommen, wenngleich ein weiteres Quantitative Easing sicher helfen würde. Etwas anders sieht es für die Eurozone und die auf Unterstützung angewiesenen Länder aus. Hier sind Staatsanleihenkäufe womöglich tatsächlich von Nöten, um die Zahlungsfähigkeit der Länder zu erhalten. Doch ich gehe – wie erwähnt – fest davon aus, dass dies passiert. Wenn nicht, weil Deutschland sich doch massiv quer stellt, käme es sicher nochmals zu erheblicher Schwäche an den Märkten.
Was die kurzfristige Sicht betrifft, so ist die quasi allen Kommentaren zu entnehmende Konsensmeinung, dass das Enttäuschungspotenzial sehr groß ist, sollten heute und morgen nicht die entsprechenden Schritte angekündigt werden. Das ist aus stimmungstechnischer Sicht schon mal gut und wird auch unterstrichen durch die entsprechenden Sentiment-Indikatoren. So ist die kurzfristige von Sentix gemessene Stimmung zuletzt gefallen, wie auch der Hulbert Stock Newsletter Sentiment Index (HSNSI) zumindest im Bereich Technologieaktien auf die Kursgewinne zum Ausklang der vergangenen Woche nicht mit Euphorie reagierte. So fiel der HSNSI für Technologieaktien von 52,9 auf 5,9 Prozent und notiert jetzt wieder bei 23,5 Prozent. Das Euwax-Sentiment bestätigt dies genauso wie auch die Rückgaben von Aktien-ETFs. Einen Kommentar gestern lautete: „Buy on Rumors, sell on Facts.“ Das ist so falsch auch nicht, doch wenn alle mit Gewinnmitnahmen rechnen, dürften diese womöglich kleiner ausfallen, als erwarte und zwar unabhängig davon, ob die Erwartungen der Marktteilnehmer befriedigt werden oder nicht. Denn nach meiner Einschätzung sind die Investitionsgrade nach wie vor gering. Kommt es durch die beschriebene Unterbewertung der Aktien zu steigenden Kursen, weil langfristige Investoren umschichten, dann dürfte es für viele, die sich an Aktienbenchmarks messen lassen müssen, zunehmend eng werden.
Gewinnmitnahmen nach der Ankündigung, oder dem Ausbleiben einer solchen in Bezug auf Staatsanleihenkäufe seitens der Notenbanken, sind für mich daher eher Kaufkurse.
Mehr von und über Stefan Riße erfahren Sie unter www.rissesblog.de
Stefan Riße, ist Fondsmanager des Investmentfonds „Riße Inflation Opportunities UI“ bei der HPM Hanseatischen Portfoliomanagement in Hamburg. Bekannt ist er durch seine jahrelange Tätigkeit als Börsenkorrespondent für den Nachrichtensender N-TV. Sein aktuelles Buch „Die Inflation kommt“, belegte 2010 erste und zweite Plätze auf den bekannten Wirtschaftsbuch-Bestsellerlisten.
Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.
ottnang schrieb: 01.08.2012 19:36:00 Was Aktien anbetrifft, kann man Stefan Riße nur beipflichten. |
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