Steuer runter. Sofort. (EuramS)
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Im Sommer hatte die Inflation in der Bundesrepublik mit 3,3 Prozent einen Höhepunkt erreicht. Doch im November sank die Teuerung auf 1,4 Prozent. Der rasante Preisverfall der Rohstoffe birgt jedoch für die Erholung der Märkte und der Unternehmensgewinne eine neue Gefahr. Ökonomen wie Thomas Straubhaar, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts HWWA in Hamburg, diskutieren bereits das Gespenst der Deflation, also ein allgemeines, nachhaltiges Sinken der Preise. Eine Deflation ist für Ökonomen der Leibhaftige. Sind die Preise einmal auf breiter Front ins Rutschen geraten, gibt es meist kein Halten mehr: Die Verbraucher wissen, dass die Waren immer billiger werden – und warten daher mit dem Kauf erst einmal ab. Darauf aber reagieren die Anbieter mit immer neuen Preissenkungen – die Teufelsspirale dreht sich immer weiter nach unten. Wichtigste Instrumente im Kampf gegen die Deflation sind niedrigere Zinsen – sie ermuntern die Verbraucher zum Konsum auf Pump und treiben zugleich die Erwartung an, dass Geldmenge und Inflation steigen. Die Finanzmärkte erwarten, dass die EZB die Leitzinsen von jetzt 3,25 Prozent sehr bald auf 2,5 Prozent senkt.
Doch Zinssenkungen allein reichen nicht aus. Die Bundesregierung muss die Geldpolitik der EZB nach Kräften unterstützen – etwa mit massiven Steuersenkungen. "Die jetzige Situation ist kein normaler Abschwung, deshalb ist es gerechtfertigt, eine Steuersenkung mit neuen Schulden zu finanzieren", sagt der Wirtschaftsweise Wolfgang Wiegard. "Man muss dann aber gleichzeitig festlegen, welche Ausgaben man im nächsten Aufschwung kürzen will, um die Steuersenkung dauerhaft zu finanzieren."
Wo sollen die Steuern am besten gesenkt werden? Großbritannien senkt die Mehrwertsteuer ab dem 1. Dezember um 2,5 Prozentpunkte auf 15 Prozent, sodass damit noch das Weihnachtsgeschäft im Einzelhandel angekurbelt wird. Die Steuersenkungen sind bis Ende 2009 befristet. Ökonomen wie Straubhaar und Walter schlagen vor, die Mehrwertsteuer auch hierzulande kräftig zu senken. Es sei allerdings gefährlich, nur zu diskutieren und nicht rasch zu handeln – dann würden die Konsumenten ihre Anschaffungen erst recht verschieben, warnt Konjunkturexperte Kai Carstensen vom Ifo-Institut in München.
Eine Einkommensteuersenkung oder eine deutliche Senkung der Lohnnebenkosten wäre angesichts der miserablen Aussichten für die Binnenkonjunktur nach Ansicht der Experten zusätzlich dringend anzuraten. "Die leistenden Menschen brauchen mehr Netto vom Brutto", fordert BDI-Chef Thumann. "Mehr Netto vergrößert schnell und spür-bar die gesamtwirtschaftliche Nachfrage." Weil von den insgesamt 38 Millionen Haushalten in Deutschland aber nur 24 Millionen Beiträge zum Einkommensteueraufkommen leisten, kommen auch Gutscheine als Konsumstimulans ins Gespräch. "In den USA haben wir gesehen, dass durch Verbraucherschecks nur ein Strohfeuer entfacht worden ist, sie sind also schnell wieder verpufft", gibt Ifo-Experte Carstensen zu bedenken. "Zudem gerät man mit solchen Schecks in die Lage, dass immer wieder mal einer gefordert wird. Und das käme den Staat sehr teuer." Viele Ökonomen fordern zudem ergänzend ein Konjunkturprogramm, mit dem die Industrie gefördert wird. In den USA plant Barack Obama ein 700-Milliarden-Dollar-Programm zum Infrastrukturausbau. Damit könnte der neue Präsident zum einen erhebliche Nachfrageimpulse auslösen, zum anderen schaffen Ausbau und Modernisierung der Infrastruktur die Grundlage für langfristiges Wachstum.
Auch in der Bundesrepublik gibt es in puncto Infrastruktur reichlich zu tun. Die Unternehmensberatung McKinsey hat ausgerechnet: Bis 2020 müssen in Deutschland gut 220 Milliarden Euro in die Infrastruktur investiert werden. Bislang aber haben Wirtschaft und Staat lediglich 160 Milliarden vorgesehen. Es bleibt eine riesige Lücke, die der Staat mit einem Konjunkturprogramm füllen könnte. "Man weiß, dass ein Konjunkturprogramm erst dann Wirkung erzeugt, wenn es die Größenordnung von einem Prozent vom Bruttoinlandsprodukt hat. Das wären in Deutschland 25 Milliarden Euro", sagt der Wirtschaftsweise Bert Rürup. Natürlich würde ein solches Programm neue Staatsschulden zur Folge haben – mit allen Lasten für kommende Generationen. "Wenn man zwischen Pest und Cholera zu wählen hätte, sollte man immer die Cholera nehmen – die überlebt man eher als die Pest", sagt Rürup.
Ein ideales Programm zur Rettung der Konjunktur gibt es nicht. Jedes Konjunkturpaket muss aber drei Mindestkriterien erfüllen: "Es sollte schnell erfolgen, zielgenau wirken und nur zeitlich befristet aufgelegt werden", sagt Ifo-Experte Carstensen und befindet sich damit in Einklang mit den meisten anderen Ökonomen. Die Botschaft für Kanzlerin Merkel ist klar: Schlimmer, als womöglich das Falsche zu tun, könnte es sein, gar nichts zu unternehmen – oder zu spät auf die schwerste Rezession der deutschen Nachkriegsgeschichte zu reagieren.


