von Stephan Bauer, Euro am Sonntag
Lange Zeit hatten Aktionäre nichts mehr von Larry Page gehört. Wenig verwunderlich, schließlich litt der Vorstandschef des größten Suchmaschinenbetreibers der Welt seit dem Sommer unter einer Erkrankung der Stimmbänder und konnte daher nicht öffentlich auftreten. Was der Google-Mitbegründer dann endlich von sich gab, trieb Börsianern jedoch den Schweiß auf die Stirn. Umsatz und vor allem Gewinn des Aushängeschilds der US-Hightechbranche blieben im dritten Quartal weit hinter den Erwartungen zurück.
Hatten Analysten im Schnitt mit einem Gewinn pro Aktie von 10,65 Dollar gerechnet, so wurden es gerade mal gut neun Dollar. Der Umsatz ohne Einberechnung von an Partner abgeführte Umsätze war auf 11,8 Milliarden taxiert worden. Es wurden bloß 11,3 Milliarden.
Dass die Zahlen offenbar aufgrund des Fehlers eines Dienstleisters ganze vier Stunden zu früh mitten im New Yorker Handel veröffentlicht wurden und zudem mit peinlichen Platzhaltern für
ein Zitat des Chefs — „pending Larry quote“ — ausgegeben wurden, vervollständigte das desaströse Bild. Das Papier stürzte in Windeseile um fast zehn Prozent ab, anschließend wurde die Aktie vom Handel ausgesetzt.
Die Worte, mit denen Larry Page im Nachgang die Lücken füllte, waren auch nicht gerade dazu angetan, die Stimmung der Börsianer ins Positive zu drehen. „Ich bin begeistert von dem Fortschritt, den wir dabei erzielen, Benutzern ein tolles Google-Erlebnis auf allen Geräten zu verschaffen“, flüchtete Page sich in Plattitüden.
Die Produkte kommen zweifelsohne an, das Wachstum ist ordentlich — der Umsatz legte im dritten Quartal um 19 Prozent zu. Doch dass der Nettogewinn nicht, wie erwartet, stagnierte, sondern um 20 Prozent sank, ließ die Urängste der Aktionäre schlagartig wieder aufflammen. Insbesondere die Sorge, dass das Kerngeschäft mit Werbung rund um die Internetsuche sich von der PC-Welt nicht schmerzfrei ins mobile Web übertragen lässt, ist offenbar berechtigt.
Der durchschnittliche Preis, den Werber für Klicks auf Google-Anzeigen zahlen, sank gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent. Ein Grund: Werbung, die auf Smartphones erscheint, kostet laut Analysten bis zu 40 Prozent weniger als Werbung auf dem PC. Anzeigen auf Tablet-Computern bringen demnach rund ein Viertel weniger Erlös. Die Bildschirme der digitalen Alltagsbegleiter sind eben kleiner, die Anzeigen in den Augen der Google-Kunden weniger attraktiv.
Der Mannschaft um Page ist die Vergänglichkeit der einst weitaus höheren Margen wohl bewusst. Gleichwohl verstärkt der Konzern seine Bemühungen, sich noch tiefer im mobilen Web zu verankern. Und das kostet: Die jüngst akquirierte Mobilfunksparte von Motorola riss ein tiefes Loch in die Gewinn- und Verlustrechnung. Über eine halbe Milliarde Dollar hat die Handysparte allein im dritten Quartal verloren. Die Ergebnisse, daran ließ das Management keinen Zweifel, bleiben auch in Zukunft wegen des milliardenschweren Zukaufs volatil — womöglich muss noch in größerem Umfang abgeschrieben werden.
Insgesamt sank die operative Marge des Konzerns bedenklich: Erzeugte Google im dritten Quartal des Vorjahres mit jedem Dollar Umsatz noch knapp ein Drittel operativen Gewinn, so blieben im abgelaufenen Quartal gerade mal 19 Cent. Positiver Punkt der Quartalsbilanz: Google ist immer noch eine Cashmaschine und holte mit vier Milliarden Dollar so viel Bargeld herein wie im Vorjahr. Der niedrigere Gewinn erklärt sich teils durch höhere Abschreibungen.
Gewinnschätzungen dürften sinken
Beim Kursabsturz wurden mal eben rund 20 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung vernichtet. Kurzfristig dürfte das Papier eine Gegenreaktion zeigen. Analysten könnten indes angesichts der neuen Faktenlage ihre Gewinnschätzungen überarbeiten. Die Schätzungen für das Jahr 2013, die von einem Gewinnanstieg um rund 18 Prozent ausgehen, dürften gesenkt werden, die Bewertungskennziffern steigen. Wer nach der Panik noch an Bord ist, schützt sein Vermögen mit einem engen Stopp.
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