Redaktion von Euro am Sonntag
Das liebevoll zubereitete Büfett im nicht klimatisierten Vorraum des Sitzungssaals war schließlich grau geworden. Siebeneinhalb Stunden hatten sich die Aktionäre der vwd Vereinigte Wirtschaftsdienste AG am vergangenen Mittwoch im Kongresszentrum der Deutschen Nationalbibliothek durch die Tagesordnung gequält, bevor sie zum Essen gehen konnten. Mit maximal der Hälfte der Zeit hatten die Organisatoren offensichtlich gerechnet.
Teilzeitvorstand Andreas Dahmen war sicher nicht nur aufgrund des beklagenswerten Zustands von Gyros und Lasagne der Appetit vergangen. Eine Ohrfeige nach der anderen hatte er in den Stunden zuvor kassiert, und mancher Kleinaktionär fragte sich, wann er seinen Hut nehmen wird. Denn am Ende war nichts nach seinen Wünschen gelaufen: Die Aktionäre hatten gegen den Vorschlag der Verwaltung den alten Wirtschaftsprüfer wiedergewählt. Vor allem aber hatten sie von den drei in der Einladung zur Hauptversammlung vorgeschlagenen Kandidaten für den Aufsichtsrat nur einen bestätigt, dafür aber zwei neue gekürt: den Unternehmensrechtler Professor Wilhelm Haarmann, langjähriges Mitglied des SAP-Aufsichtsrats, sowie Berthold Wipfler, Steuerberater der SAP. Beide gelten als enge Vertraute von SAP-Mitgründer und vwd-Aktionär Dietmar Hopp. Dieser hatte erst im vergangenen Jahr 28 Prozent der vwd-Anteile übernommen, sein Sohn Oliver elf Prozent. Und denen ist das Treiben auf der HV offenbar zu bunt geworden.
So kam es auch, dass die Aktionäre sich schließlich trotz dreier Beschlussvorschläge nicht auf die Schaffung eines genehmigten Kapitals zur Ablösung der von den Mitgesellschaftern der Beteiligung European Derivatives Group (EDG) ausgeübten Put-Option einigen konnten.
Überhaupt: Die Störenfriede von der EDG sind auch dafür verantwortlich, dass der Wirtschaftsprüfer nur ein eingeschränktes Testat erteilte. Was ihm die Aktionäre mit einer neuen Mandatierung dankten.
Wie Wirtschaftsprüfer und Vorstand aneinandergerieten, wurde in der Hauptversammlung bekannt. Der vwd-Vorstand hatte zur Bewertung der Zahlungsverpflichtung aus dem Erwerb der Restanteile an der EDG kurzerhand die Methodik geändert, um auf die gewünschte — wohl aber deutlich zu niedrige — Bewertung von 9,54 Millionen Euro zu kommen.
So oder so ist die Transaktion für einen Verlust gut, der schon im Vorfeld für eine Verschiebung der Veröffentlichung der Zahlen für 2011 und des Hauptversammlungstermins gesorgt hatte. Auch der Streit zwischen Dahmens Hintermännern aus der Beteiligungsgesellschaft Deutsche Balaton und dem langjährigen Vorstandsvorsitzenden und Mitaktionär Edmund Keferstein, der zum Jahreswechsel abberufen wurde, schwelt weiter.
Es ist nicht anzunehmen, dass die Hopp-Vertrauten im Kontrollgremium dem wenig geschäftsdienlichen Treiben noch lange tatenlos zusehen. Ihr Kopfschütteln bei der einseitigen Strategiepräsentation von Dahmen ist ein Hoffnungsschimmer für leidgeprüfte Mitarbeiter und Aktionäre.