von Stephan Haberer, Euro am Sonntag
Stand 19. Februar 2010
Er hat seine Frau verloren, seine Gesundheit, sein Geld –
aber nicht seinen Kampfeswillen. Peter S. kämpft. Es geht für ihn ja auch um einiges. Um rund 100 Millionen Euro. Für seinen Gegner geht es um mehr. Um die Reputation. Und der Gegner ist die UBS, der zweitgrößte Vermögensverwalter der Welt. Rund zwei Billionen Euro verwaltet die Schweizer Großbank.
Klar, dass da mit harten Bandagen gekämpft wird. Auf beiden Seiten. Peter S. hat am 3.2.10 Strafanzeige gegen den Vorstand der UBS Deutschland AG erstattet. Seine Vorwürfe: Verdacht der Untreue, des Betrugs, der Steuerhinterziehung und der versuchten Nötigung. Die UBS soll den 74-jährigen früheren Kunden vor Kurzem wegen Geldwäsche angezeigt haben. Wie kam es dazu?
Die Geschichte beginnt Ende der 50er-Jahre in Venezuela. Dorthin ist der Deutsche Peter S. ausgewandert. Er liefert Papier an Zeitungs- und Buchverlage. „Am Anfang schloss ich Verträge über ein paar Tausend Dollar“, erinnert er sich. „Zum Schluss waren die Verträge millionenschwer.“ Immer hat er sich auf das Wort seiner Geschäftspartner verlassen. „Ich habe in 50 Jahren kaum schriftliche Verträge geschlossen. Mein Geschäft, ja mein ganzes Leben basiert auf Vertrauen.“
Dies könnte ihn jetzt teuer zu stehen kommen. Damals wusste Peter S. das noch nicht. Das Geschäft floriert, die Abgaben sind niedrig. Auch privat läuft es: Er heiratet, bekommt drei Kinder. Die sind inzwischen erwachsen, Peter S. hat sechs Enkel. Doch mit der wachsenden Familie und dem expandierenden Geschäft wird das Leben komplexer. Um das wachsende Vermögen kümmert
sich die Deutsch-Südamerikanische Bank, die später zur Dresdner Bank Lateinamerika (DBLA) wird. Peter S. hat andere Banken ausprobiert. Aber: „Wir passten nicht zusammen.“
DBLA und Peter S. passen zusammen. Man gründet eine Panama S.A. namens Silver Trident. Damit wird Peter S. als Vermögensinhaber unsichtbar (siehe unten). Ein wirksamer, ein notwendiger Schutz vor Kidnapping und Erpressung. „In Südamerika ein übliches und legales Verfahren“, sagt sein Münchner Anwalt Johannes Fiala.
Das Vermögen wird via DBLA
in Hamburg angelegt. Einen schriftlichen Vermögensverwaltungsvertrag gibt es nicht. Das bleibt laut Peter S. auch so, als der seit Mitte der 90er-Jahre für ihn zuständige Kundenberater D. P. 2002 zur UBS in die Filiale Hamburg wechselt. Seinen besten Kunden nimmt D. P. mit. Denn Peter S. vertraut dem Berater. „Der hat sich viel mehr um mein Geld gekümmert als alle anderen zuvor.“
Das Geschäft lohnt sich zunächst für beide Seiten. Laut vertraulichem UBS-Bericht wächst das Eurovermögen in Peter S.’ Silver Trident von 2002 bis zum Ende des dritten Quartals 2008 um über 25 Millionen. Das Dollardepot wächst insgesamt um 3,6 Millionen. Auch die UBS kann sich die Hände reiben: Von 2004 bis Ende September 2008 kassiert sie von Peter S. 6,3 Millionen Euro Gebühren. Auffällig: Die Brokerage-Gebühren steigen von 415 239 Euro (2004) auf gut 1,2 Millionen Euro ab 2006.
Kein Wunder: Im Depot von Peter S. finden sich zu den Bewertungsstichtagen laut der Dokumente, die „€uro am Sonntag“ vorliegen, bis zu 1560 offene Optionen mit bis zu 700 zugrunde liegenden Kontrakten, die sich wiederum jeweils auf zehn, 20 oder mehr Basiswerte beziehen. Doch mit den Gebühren steigt auch das Risiko. In einem internen UBS-Bericht heißt es, D. P. habe täglich im Schnitt ein- bis eineinhalb Stunden mit Peter S. gesprochen. Und: „All trades were discussed with the client via phone.“ Macht pro offener Option 2,3 bis 3,6 Sekunden. Aktien-, Anleihe-, Fonds- und sonstige Wertpapierdeals nicht mit eingerechnet.
Doch zurück: „Mit den Optionen sollte das Depot abgesichert werden“, erklärt der Selfmademan aus Südamerika. Unter den Optionsgeschäften finden sich aber auch Deals mit grundsätzlich unbegrenztem Verlustrisiko. Zudem hat sich nach 2004 das Volumen der Optionsgeschäfte aufgebläht. Das hat ein inzwischen eingeschalteter Sachverständiger herausgearbeitet. Dabei hat Peter S. laut eigener Aussage immer wieder auf Reduzierung dieser Geschäfte gedrungen. Doch er setzte sich nicht durch. „Heute werfe ich mir das vor“, sagt er. Damals ließ er D. P. gewähren. „Aber da kam ich gerade erst aus meiner Zombiephase heraus.“
Was er damit meint: Im Sommer 2005 erkrankt während eines Urlaubs im eigenen Ferienhaus am Tegernsee seine Ehefrau schwer. Das Ehepaar lässt bereits gebuchte Rückflugtickets verfallen. Die Ehefrau wird bis zu ihrem Tod 2007 in Deutschland gepflegt. Auch Peter S. hat in dieser Zeit schwere gesundheitliche Probleme: ein Schlaganfall und eine Krebserkrankung binden seine Energie – Zombiephase eben.
Entgegen der Kundenanweisung wurde zudem die Aktienquote hochgefahren: Auf den Risikoprofilen ist über Jahre hinweg als langfristige Aktienquote „30 Prozent“ angekreuzt. Depotauszüge belegen aber Quoten von über 80 Prozent. Eine Ungereimtheit: Peter S. hat auf dem Risikoprofil auch dem vollen Einsatz von Derivaten zugestimmt. Diesen Widerspruch zur 30-Prozent-Aktienquote erklärt er so: „Mir sagte man, dass ich das tun müsse, damit Optionen zur Absicherung eingesetzt werden dürfen. Mit Derivaten wollte ich nichts zu tun haben.“ Peter S. scheint nicht klar zu sein, dass auch Optionen Derivate sind.
Zudem vertraut Peter S. darauf, dass sein Betreuer über professionelle Risiko-Tools verfügt. Dabei sollen diesem Kursdaten erst mit vielen Stunden Verzögerung zur Verfügung gestanden haben. Hinzu kommt: D. P. wird für Monate nach Zürich und später nach Mexiko beordert. Dealt dort nach Feierabend für den Kunden vom Laptop aus, erzählt Peter S.

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Eine Bestätigung der UBS dafür gibt es nicht, trotz eines Katalogs von 108 Fragen, den „€uro am Sonntag“ der UBS schickte. Pressesprecherin Tatiana Togni erklärte lediglich: „Der Fall ist bei UBS Deutschland seit 2008 in Bearbeitung. Die damals vom Kunden erhobene Forderung zum Ausgleich seiner Anlageverluste weist UBS Deutschland AG zurück. Zu den zusätzlichen Vorwürfen bezüglich Steuerfragen und Wohnsitz hat UBS eine interne Untersuchung eingeleitet, um die damaligen Ereignisse zu überprüfen. Sollten sich diese Vorwürfe erhärten, wird die Führung von UBS entsprechende Maßnahmen ergreifen.“
So lange bleibt nur das Wort von Peter S. Es geht also auch in dieser Geschichte um Vertrauen. Und um diverse Belege. Etwa Depotübersichten. Darin finden sich Ungereimtheiten: So weist ein Depot zum 1.3.2008 einen negativen Saldo von 137 651 363,07 Euro auf. Bis 1.4. wächst er sich auf minus 248 825 654,45 Euro aus – eine Viertelmilliarde Euro Miese. Bei nur einem Kunden. Und einer Kreditlinie von 28 Millionen. Macht 220 Millionen, die für die UBS im Feuer stehen. Wenn das Reporting stimmt. Aber das darf man bei einer Großbank wohl annehmen, oder?
Und Peter S.? Wieso hat er nicht interveniert? Der sagt heute, er habe die Depotauszüge immer erst viel später erhalten. „Wenn ich mal Fehler monierte, wurde das mit Computerproblemen oder veralteten Daten erklärt.“ Heute wirft er sich selbst vor, nicht hartnäckig genug gewesen zu sein – Zombiephase eben.
Es kommt, wie es kommen muss. inzwischen ist es Herbst 2008. Die Woche der Lehman-Pleite rückt näher. Die Börsen spielen verrückt. Auch im Depot von Peter S. geht es drunter und drüber. Es herrscht Panik – Panik an den Börsen, Panik bei der UBS. Sie verlangt per „Margin Call“ weitere Sicherheiten. Doch das Schreiben vom 8.9. wird nach Panama City geschickt, obwohl Peter S. ständig mit seinem Betreuer D. P. telefoniert – vom Tegernsee aus. In dem Brief fordert die UBS, bis 19.9. soll Peter S. weiteres Vermögen als Sicherheit stellen. Doch bereits am 15.9., vier Tage vor der selbst gesetzten Frist, beginnt die UBS Deutschland – eine rechtliche eigenständige AG – angeblich auf Anweisung aus der Schweiz, die offenen Positionen zu schließen. Rund 12,5 Millionen Dollar an Sicherheiten schießt Peter S. noch nach, als sich sein Depot längst in Abwicklung befindet.
Bildquellen: Julian Mezger, UBS