(NEU: Weitere Details, Hintergrund, Aussagen Geschäftsführung)
Von Martin Rapp
Dow Jones NEWSWIRES
DÜSSELDORF (Dow Jones)--Selbstbewusst und angriffslustig präsentierte sich der Gasversorger Wingas am Freitag. Dafür spricht schon die Wahl des Veranstaltungsortes: In Düsseldorf, also dem Sitz des Marktführers E.ON und unweit des zweitgrößten deutschen Gasversorgers RWE, lud die Wingas GmbH & Co KG zu ihrem Jahrespressegespräch. Nachdem die Kasseler im vergangenen Jahr den beiden Branchengrößen im deutschen Gasgeschäft weiter nähergekommen ist, will das Unternehmen diesen Kurs künftig fortsetzen.
Wingas wolle Flagge zeigen in der Heimatregion der größten Wettbewerber, sagte Rainer Seele, Sprecher der Geschäftsführung. Das Unternehmen hat Grund für diese Demonstration der Stärke: Erst 1993 als Gemeinschaftsunternehmen von der BASF-Tochter Wintershall und dem russischen Gasriesen Gazprom gegründet, hat Wingas mittlerweile fast ein Fünftel des deutschen Gasmarktes erobert.
Allein 2008 gelang es dem Unternehmen, den Gasabsatz in Deutschland um 17% auf 17,8 Mrd cbm zu steigern. Bei einem insgesamt mit 1% leicht geschrumpften Marktvolumen erhöhte sich der Marktanteil auf 18% von 15%. Und die Kasseler wollen mehr: Als nächstes peilen sie die Marke von 20% an.
Vor allem in Nordrhein-Westfalen und Süddeutschland habe Wingas Boden gutgemacht, erklärte Gerhard König, der zuständige Geschäftsführer für den Vertrieb. Dabei komme Wingas die eigene Innovationsfreudigkeit zugute, die König auf die erst junge Unternehmensgeschichte zurückführte. "Wir gehen flexibler auf individuelle Kundenwünsche ein", sagte König. Zudem sei Wingas nicht so sehr mit sich selbst beschäftigt und könne sich somit besser auf das Geschäft konzentrieren, fügte er mit Blick auf die Umstrukturierungsprogramme der Konkurrenz hinzu.
Keinesfalls sei das Wachstum allein durch niedrigere Preise erkauft, sagte König. Dennoch war die Marge des Unternehmens 2008 leicht rückläufig, das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) sank auf 393 Mio von 405 Mio EUR im Jahr zuvor. Gennadij Ryndin, der Verantwortliche für die Finanzen von Wingas, führte dies auf auf das starke Wachstum des Ölpreises zurück. Zwar sei wegen der Bindung des Gaspreises an die Entwicklung beim Erdöl der Umsatz sprunghaft auf über 9 Mrd von gut 6 Mrd EUR gestiegen, aber weil die Verkaufspreise nicht in der gleichen Schnelligkeit angepasst werden könnten, habe die Gewinnspanne gelitten.
Insgesamt hat Wingas im vergangenen Jahr 30,3 Mrd cbm Erdgas abgesetzt. Für dieses Jahr hat sich das Unternehmen einen ähnlichen Wert vorgenommen. "Im Jahr 2009 wollen wir den Absatzrekord des Vorjahres zumindest annähernd wieder erreichen", sagte Seele. Nach dem ersten Vierteljahr hinkt Wingas dabei um 4% hinterher, statt 9 Mrd wurden nur 8,6 Mrd cbm abgesetzt. Die Wirtschaftskrise macht sich in sinkendem Verbrauch bemerkbar.
Wingas forciert derweil den Ausbau ihrer Kapazitäten, sowohl was den Transport als auch die Speichervolumina angeht. Das Unternehmen ist zu einem Fünftel am Bau der Ostsee-Pipeline "Nord Stream" beteiligt, die ab 2011 Erdgas von Russland nach Westeuropa über die Ostsee transportieren soll. Laut Seele sollen alle erforderlichen Genehmigungen spätestens im ersten Quartal 2010 vorliegen, so dass im zweiten Quartal des kommenden Jahres mit dem Bau begonnen werden kann. Wingas hat sich bereits 9 Mrd cbm zusätzliches Erdgas pro Jahr daraus gesichert. Das soll dazu beitragen, bis 2015 den Absatz auf 40 Mrd cbm zu steigern.
Auch bei der Verbindungsleitung "Opal", die Wingas gemeinsam mit E.ON Ruhrgas bauen will, geht es voran. Diese Pipeline soll in Greifswald das ankommende Gas von "Nord Stream" aufnehmen und nach Tschechien weiterleiten. Die teilweise Befreiung von der Regulierung durch die Bundesnetzagentur sei inzwischen von der EU grundsätzlich bestätigt worden, erklärte Seele. Hier soll noch in diesem Sommer der Baubeginn erfolgen. Die Investitionssumme für Opal gibt Wingas mit 1 Mrd EUR an.
Engagiert betreibt Wingas den Ausbau der Speicherkapazitäten. Im norddeutschen Rehden verfügt das Unternehmen bereits über den größten Erdgasspeicher Westeuropas. Da Wingas von einem Rückgang der europäischen Gasförderung um 100 Mrd cbm jährlich bis 2020 ausgeht, sieht das Unternehmen die Bedeutung von Speichern zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit wachsen. Deshalb würden derzeit Speicherprojekte in Großbritannien und Deutschland weiter vorangetrieben.
Natürlich denkt Wingas dabei auch an den winterlichen Gaskonflikt zwischen Russland und der Ukraine, zumal mit Gazprom ein entscheidender Protagonist in dem Streit an den Kasselern zur Hälfte beteiligt ist. Dass der Transit über die Ukraine "eine monatliche Zitterpartie" ist, wie es Seele ausdrückte, ist laut Wingas auf allein in dem ehemaligen Sowjetstaat liegende Probleme zurückzuführen.
Um die Versorgung über das Land zu sichern, müssten dort die Speicher ausreichend gefüllt sein, erklärte Seele. Das aber scheitere an der Finanzierung in dem durch die Wirtschaftskrise gebeutelten Staat. Bei der Lösung des Problems sei Europa in eigenem Interesse gefordert. "Die EU kann nicht zusehen, wie die Ukraine in den Staatsbankrott steuert", sagte Seele.
Deutschland habe allerdings für den kommenden Winter keinen Versorgungsengpass zu fürchten, sagte Seele. Mit einem Anteil von 15% bis 20% des Verbrauchs, der durch eigene Produktion gedeckt werde sowie Speichervolumina, die 20% bis 25% des Jahresverbrauchs abdeckten, sei die Verfügbarkeit von Erdgas auch bei einem neuerlichen Gasstreit gesichert.
Webseite: http://www.wingas.de
- Von Martin Rapp, Dow Jones Newswires; +49 (0) 69 29725 104;
martin.rapp@dowjones.com
DJG/mmr/kla
0-
(MORE TO FOLLOW) Dow Jones Newswires
June 19, 2009 09:51 ET (13:51 GMT)
Copyright (c) 2009 Dow Jones & Company, Inc.- - 09 51 AM EDT 06-19-09