16.11.2012 18:15
Bewerten
(0)

UPDATE2: Weidmann deutet späteren griechischen Schuldenschnitt an

   --Bundesbank-Präsident hält Frage derzeit für offen

   --Weidmann warnt vor falschen Anreizen für andere Länder

   --ESM-Chef Regling sieht Schuldenschnitt als große Ausnahme

   (NEU: neu durchgeschrieben, Regling, Hintergrund )

   Von Andreas Kißler

   BERLIN--Der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, hat die Möglichkeit eines Schuldenschnitts für Griechenland zu einem späteren Zeitpunkt angedeutet. Damit könnte der Reformwillen des Landes belohnt werden. Bei einer Konferenz in Berlin bezeichnete er die Frage eines Schuldenschnitts zum jetzigen Zeitpunkt offen.

   Weidmann sagte, es gelte, die derzeitige Finanzierungslücke zu schließen und die Tragfähigkeit der öffentlichen Verschuldung wiederherzustellen, die momentan nicht gegeben sei. "Die Frage, ob daraus die Notwendigkeit eines Schuldenschnitts heute erwächst, halte ich für offen", sagte er beim Führungstreffen Wirtschaft der Süddeutschen Zeitung.

   Der Notenbankpräsident warf die Frage auf, ob es nicht sinnvoll wäre, einen für den Kapitalmarktzugang nötigen Schuldenschnitt im Gegenzug für Reformen in Aussicht zu stellen. "Der Schuldenschnitt löst ja die Probleme noch nicht", hob er hervor. Am Ende werde man aber einen Forderungsverzicht brauchen, um Griechenland wieder Zugang zu den Kapitalmärkten zu ermöglichen.

   Zuvor hatte sich bereits der belgische Notenbankchef Luc Coene, der wie Weidmann Mitglied des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) ist, für einen Forderungsverzicht öffentlicher Gläubiger in Griechenland stark gemacht.

   Einen solchen Schritt hatte auch der Internationale Währungsfonds (IWF) ins Spiel gebracht, der gemeinsam mit der EZB und der EU-Kommission die so genannte Troika der Geldgeber für Griechenland bildet. Weidmann wollte auf Nachfrage nicht erklären, ob sich seine Bemerkung zum Schuldenschnitt auf öffentliche oder private Gläubiger bezieht.

   Griechenland soll seine Verschuldung bis 2020 auf 120 Prozent der Wirtschaftsleistung drücken, nachdem für nächstes Jahr noch 190 Prozent geplant sind. Jedoch wird angesichts der Rezession in dem Land erwartet, dass das Ziel 2020 deutlich verfehlt wird.

   Erst jüngst hat sich auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble skeptisch hierzu geäußert. Dieses Ziel könnte zu ambitioniert sein, sagte er Anfang der Woche nach einem Treffen der Euro-Finanzminister in Brüssel. Diese wollen sich am kommenden Dienstag erneut treffen, um darüber zu beraten, wie die derzeitige Finanzierungslücke in dem Problemstaat geschlossen werden kann.

   Bundesbankpräsident Weidmann warnte am Freitag in Berlin andererseits ausdrücklich vor möglichen negativen Folgen eines Schuldenschnitts für die Reformbereitschaft in anderen Euro-Staaten. "Die Frage ist, was bedeutet ein Schuldenschnitt für alle anderen Programme", sagte er und fragte, mit welcher Sicherheit dann etwa die Regierungschefs in Portugal und Irland vor ihren Parlamenten weitere Reformen verlangen könnten, wenn Griechenland auch ohne die zugesagten Maßnahmen finanziert werde. "Wir wollen die Währungsunion auch als langfristige Stablitätsunion erhalten", betonte er.

   Der Chef der Euro-Rettungsschirme ESM und EFSF, Klaus Regling, bezeichnete Griechenland als "Sonderfall", weshalb die privaten Gläubiger des Landes auch einen Schuldenschnitt von mehr als 50 Prozent hingenommen hätten. "Das kann ja nur eine ganz große Ausnahme sein", meinte der Direktor des Europäischen Stabilitätsmechanismus. Einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone lehnte Regling erneut ab. "Dann wird es richtig teuer für den deutschen Steuerzahler", warnte er.

   Der ESM-Chef zeigte Verständnis für Proteste in den Ländern, in denen die Menschen schmerzhafte reale Einkommensverluste hinnehmen müssten. "Dass da die Bevölkerung nicht glücklich ist, ist logisch." Jedoch hätten auch Länder wie Indonesien, die Türkei und Brasilien ihre Überschuldung mit Anpassungsprogrammen überwunden, an denen die Menschen zunächst "verzweifelt" seien.

   Weidmann warnte, den Fall Griechenland dürfe man nicht stellvertretend für andere Anpassungsprogramme nehmen. In Portugal und Irland sehe man, dass solche Programme auch funktionieren könnten. "Das sind erfolgreiche Umsetzungen mit einer gewissen Differenzierung", lobte der Bundesbank-Chef. "Das sind Belege dafür, dass der grundlegende Ansatz, Hilfe gegen Auflagen zu gewähren, funktionieren kann."

   Auch ESM-Chef Regling konstatierte Fortschritte in Ländern wie Irland, das wieder Zugang zum Kapitalmarkt erlangt habe, und hielt über die Hälfte der nötigen Korrekturen für bewältigt. "Dieser Prozess muss weitergehen. Aber wenn ich mir die Daten anschaue, komme ich zu der Schlussfolgerung, dass mehr als die Hälfte erfolgt ist", sagte der Deutsche.

   Weidmann betonte außerdem, dass die EZB sich mit ihrem Anleihekaufprogramm außerhalb ihres geldpolitischen Mandates befindet. "Ich glaube, dass wir uns nicht mehr im Kernbereich der Geldpolitik befinden und wir uns vor einer sehr wichtigen Weichenstellung befinden", sagte er. Er warnte, dieses Programm, gegen das er als einziger im EZB-Rat gestimmt hatte, könnte "kontraproduktiv" sein, weil es den Handlungsdruck für die Staaten verringere.

   Der Bundesbankpräsident untermauerte seine Einschätzung, dass die demokratisch legitimierte Politik und nicht die Notenbank handeln müsse. "Wir setzen mit unserem Handeln den Rahmen für das Handeln der Politik." Der Euro-Rettungsschirm ESM sei in Kraft und solle gegebenenfalls benutzt werden. "Ich teile die Einschätzung nicht, dass die Notenbank die einzig handlungsfähige Institution ist", sagte Weidmann ausdrücklich. "Diese Einschätzung teile ich nicht, und ich finde sie auch als Notenbankchef und als Staatsbürger bedenklich." Eine neue Debatte über das Volumen des ESM bezeichnete Weidmann als "unnötig".

   Weidmann bekräftigte seine Absicht, sich weiter im Amt für seine Überzeugungen einzusetzen. "Meine Überzeugung ist, dass ich im EZB-Rat und in der Bundesbank am besten dafür eintreten kann", sagte er. Rücktritte wie zum Beispiel der seines Amtsvorgängers Axel Weber oder der des ehemaligen EZB-Chefvolkswirts Jürgen Stark aus Protest gegen die Richtung der Zentralbankpolitik hätten "am Ende nicht viel bewirkt".

   Kontakt zum Autor: andreas.kissler@dowjones.com

   - Mitarbeit: Harriet Torry

   DJG/ank/hab

   (END) Dow Jones Newswires

   November 16, 2012 11:45 ET (16:45 GMT)

   Copyright (c) 2012 Dow Jones & Company, Inc.- - 11 45 AM EST 11-16-12

Anzeige
Anzeige
Börse Stuttgart Anlegerclub

Aktien mit Sicherheit und Potenzial

Für die neue Ausgabe des Anlegermagazins haben unsere Redakteure Aktien identifiziert, die aus ihrer Sicht Sicherheit und Potenzial bieten. Einen besonderen Blick werfen sie dabei auf die Chemie- und Versicherungsbranche. Erfahren Sie im aktuellen Magazin, wie Sie "Richtig investieren" und lesen Sie, welche Aktien bei überschaubarem Risiko einiges an Potenzial bieten.
Anlegermagazin kostenlos erhalten

Heute im Fokus

DAX schließt schwach -- Dow stabil -- Experte analysiert Korrelation zwischen Bitcoin und Gold -- Great Wall an Fiat Chrysler interessiert -- Renault, Lufthansa, Air Berlin im Fokus

Deutsche Bank setzt trotz Brexit auf reiche Londoner. Versorger-Aktien geben nach starken Kursanstiegen wieder nach. Glaubt nur noch George Soros an Snapchat? Institutionelle Investoren verkaufen ihre Tesla-Aktien. BVB-Aktie nähert sich Mehrjahreshoch. Linde rät ihren Aktionären zur Annahme des Tauschangebots.

Top-Rankings

KW 33: Analysten-Flops der Woche
Diese Aktien stehen auf den Verkauflisten der Experten
KW 33: Analysten-Tops der Woche
Diese Aktien stehen auf den Kauflisten der Experten
Nicht nur schön und talentiert
Diese Frauen haben in Hollywood am meisten verdient

Die 5 beliebtesten Top-Rankings

Enormer Stressfaktor
In diesen Ländern haben Arbeitnehmer den größten Stress
Der CEO von Allianz, BMW oder doch Daimler?
Diese Manager lieben die Deutschen
Das sind 2017 bislang die größten Verlierer in Buffetts Depot
Welche Aktie enttäuschte bisher am meisten?
Die Meister-Liste der 1. Fußball Bundesliga
Welcher Verein hat die meisten Meistertitel?
Bitcoin & Co.: Die wichtigsten Kryptowährungen
Welche Digitalwährung macht das Rennen?
mehr Top Rankings

Umfrage

Donald Trump steht zunehmend in der Kritik. Was glauben Sie, wie lange wird er US-Präsident sein?

Online Brokerage über finanzen.net

Das Beste aus zwei Welten: Handeln Sie für nur 5 Euro Orderprovision* pro Trade unmittelbar aus der Informationswelt von finanzen.net!
Zur klassischen Ansicht wechseln

Willkommen bei finanzen.net Brokerage

Handeln Sie für nur 5 Euro Orderprovision* pro Trade unmittelbar aus finanzen.net!

Weitere Informationen finden Sie hier.

Jetzt informieren und Depot eröffnen


Sie haben bereits ein Depot? Dann verknüpfen Sie es jetzt mit Ihrem finanzen.net-Account!

Jetzt verknüpfen

Top News
Beliebte Suchen
DAX 30
Öl
Euro US-Dollar
Goldpreis
Meistgesucht
Deutsche Bank AG514000
Daimler AG710000
Volkswagen (VW) AG Vz.766403
Apple Inc.865985
CommerzbankCBK100
E.ON SEENAG99
Air Berlin plcAB1000
TeslaA1CX3T
EVOTEC AG566480
Lufthansa AG823212
BMW AG519000
Allianz840400
Nordex AGA0D655
Scout24 AGA12DM8
Siemens AG723610