von Stephan Bauer, €uro am Sonntag
Für die größten Schlagzeilen an der US-Technologiebörse Nasdaq sorgt der Kultkonzern Apple. Kursperformance bringen jedoch vor allem Aktien aus der Healthcare- und Biotechbranche. Wo der Einstieg lohnt.
Wäre Gary Guthart wie einst Steve Jobs, dann würde der Chef von Intuitive Surgical sicher größeren Wert auf eine ansprechende Optik legen. Die Operationsroboter des US-Medizintechnikunternehmens sind eher zweckmäßig gestaltet — sensiblen Betrachtern jagt der Anblick der spinnenhaften und skalpellbewehrten Ungetüme mitunter kalte Schauer über den Rücken. Zum Glück für Guthart legen die Käufer des „DaVinci“ nicht so viel Wert auf dessen Auftritt, sondern schätzen den Roboter beispielsweise wegen seiner stets ruhigen und überaus beweglichen Metallhände.
Das Gerät erfreut sich rasch wachsender Beliebtheit bei Ärzten und Kliniken. 2001 gab es gerade mal 1.000 Operationen mit einem DaVinci in den USA. Im vergangenen Jahr waren es bereits rund 200.000.
So kommt es, dass Guthart den verstorbenen Jobs, Ex-Kultmanager des Vorzeigekonzerns Apple, zumindest in einem Punkt übertroffen hat: Die Aktie von Intuitive Surgical war 2011 mit rund 80 Prozent plus die Nummer 1 unter den 100 größten Werten der US-Technologiebörse Nasdaq. Jahresbester im Nasdaq 100 war die Legende Jobs mit Apple nie.
Ein Firmensitz im Silicon Valley, herausragendes Wachstum, Marktführerschaft aufgrund überlegener Technologie: Das hat Intuitive Surgical — neben der bekanntesten Nasdaq-Aktie Apple — mit etlichen anderen an der US-Computerbörse gelisteten Firmen gemein. Börsianer haben die lange verpönten Techies wegen dieser Qualitäten wieder schätzen gelernt. Im vergangenen Jahr ließ der Nasdaq 100 mit gut drei Prozent Plus die Referenz, den breiten US-Index Standard & Poor’s 500 — wie auch schon 2009 und 2010 — wieder hinter sich. Vom DAX mit minus 15 Prozent ganz zu schweigen.
Biotech mit Nischenstrategie
Ein Blick auf die Topwerte des Index zeigt, dass beachtlich viele Aktien von Unternehmen aus der Gesundheitsbranche zu den Besten zählen. Das Biotechunternehmen Alexion Pharma etwa belegt mit einem Jahresplus von über 70 Prozent Platz 3.

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Die Aktienentwicklung beruht auf außergewöhnlichem Umsatzwachstum. Dabei haben die Amerikaner eine Strategie eingeschlagen, die auf den ersten Blick zumindest wagemutig wirkt: Alexion entwickelt Medikamente gegen Krankheiten, die äußerst selten sind, sogenannte Orphan-Medikamente. In Europa gilt ein Markt als „orphan“, wenn pro Jahr weniger als fünf Fälle pro 10.000 Einwohner auftreten.
Alexions bislang einziges marktreifes Mittel, Soliris, zielt gegen eine seltene, aber potenziell tödliche Blutkrankheit namens PNH. Der Markt ist klein, in Europa leiden nur 16 von einer Million Einwohnern an PNH. Alexion belegt die Nische jedoch mehr oder minder exklusiv, zudem kostet bereits eine einzelne Tagesdosis fast 6.000 Euro.
Bei der Ehec-Epidemie in Europa im Frühjahr 2011 erwies sich das ursprünglich gegen reumathoide Arthritis entwickelte Soliris überdies als einzig wirksames Mittel zur Bekämpfung der gehäuft auftretenden Blutgefäßerkrankung HUS, die oft zu tödlichem Nierenversagen führte. Inzwischen haben die europäischen wie auch die US-Gesundheitsbehörden das Mittel offiziell für die Behandlung eines ähnlichen Befunds, aHUS, zugelassen.
Die Verbreiterung des Wirkungsspektrums bekommt dem Geschäft. Innerhalb von nur vier Jahren kletterte der Umsatz bereits von 70 auf geschätzte 770 Millionen Dollar im Jahr 2011. Im laufenden Jahr soll das Volumen Analysten zufolge die Umsatzmilliarde übersteigen.
Erweiterte Anwendungsbereiche für bereits zugelassene Medikamente und eine gut gefüllte Pipeline mit neuen Kandidaten treiben neuerdings das Geschäft vieler US-Biotechunternehmen. Dahinter steckt auch eine tolerantere Einstellung der US-Zulassungsbehörde FDA. Im Frühjahr 2009 besetzte US-Präsident Barack Obama die FDA-Spitze neu. Seither hat sich laut Meinung zahlreicher Experten die vormals restriktive Politik der Behörde gegenüber biotechnologisch entwickelten Pharmaka spürbar gelockert. „Die veränderte Haltung der FDA wirkt sehr positiv auf die Pipeline vieler US-Biotechs“, sagt Markus Manns, Biotech-Experte der Fondsgesellschaft Union Investment.
Auch Biogen Idec, ein weiterer Nasdaq-Outperformer des Vorjahres, profitiert hiervon. Bis zum Sommer wollen die Amerikaner die Zulassung eines Medikaments namens BG12 zur Behandlung des Nervenleidens Multiple Sklerose (MS) beantragen. Die Branchenexperten von JP Morgan rechnen mit einer Zulassung bis spätestens Anfang 2013.
Biogen legt den Schwerpunkt auf MS, eine vergleichsweise weit verbreitete Krankheit. Das Unternehmen hat schon zwei Mittel auf dem Markt, neben BG12 sollen weitere folgen. „Die MS-Pipeline ist eine der größten in der Branche“, sagt Analyst Geoff Meacham von JP Morgan.
In Deutschland leiden etwa 17 von 10.000 Einwohnern an MS. Entsprechend groß ist der globale Markt, zumal die Krankheit chronisch ist und auch hier die Behandlungskosten hoch sind. Dafür wird das viele Milliarden Dollar schwere Geschäft auch von Konkurrenten wie Merck Serono oder Bayer beackert.
Mangelnder Medikamentennachschub war ein Grund, weshalb Amgen Umsatz und Gewinn in den vergangenen Jahren nicht mehr nennenswert hatte steigern können. Der designierte Vorstandschef Robert Bradway, noch bis Mai für das Tagesgeschäft verantwortlich, sieht jedoch Licht am Ende des Tunnels. „2011 war ein solides Jahr. 2012 wird weitaus besser“, sagt Bradway.
Hoffnungsträger ist unter anderem Xgeva, ein Osteoporosemedikament, das auch gegen mehrere Krebsarten eingesetzt wird. Die Zulassung als vorbeugendes Mittel gegen Krebsmetastasen in Knochen erwartet Amgen noch in diesem Jahr. „Das wird der wichtigste Treiber für die Aktie“, sagt Experte Meacham.
Übernahmefantasie treibt Kurse
Die Kurse vieler Biotechs wurden zuletzt auch von Übernahmespekulationen befeuert. In den vergangenen Monaten kauften etwa der Biopharmakonzern Gilead Sciences und Pharmariese Bristol-Myers Squibb im Biotechbereich ein. „Es wurden zuletzt hohe Prämien gezahlt. Die Übernahmefantasie dürfte auch deshalb anhalten“, sagt Union-Fondsmanager Manns.
Viele Trends, die bislang vor allem spekulative Börsianer inspirierten, werden inzwischen zum echten Geschäft. Hinter dem Schlagwort „personalisierte Medizin“ etwa verbergen sich individuell auf Patienten zugeschnittene Behandlungsmethoden. Zwar bieten namhafte Firmen, darunter die Schweizer Roche oder US-Pharmariese http://www.finanzen.net" target="_blank">Pfizer, auf Grundlage genetischer Untersuchungen bereits personalisierte Therapien an, vor allem in der Krebsbehandlung. Doch das sind immer noch Ausnahmen.
Genanalyse wird massentauglich
Das Nasdaq-Unternehmen Life Technologies ist jedoch dabei, die Basis für den Schritt zum Massenmarkt zu schaffen. Die Kalifornier haben soeben ein Diagnosegerät angekündigt, das noch in diesem Jahr auf den Markt kommen und mit dem es erstmals möglich sein soll, das komplette menschliche Genom innerhalb eines Tages zu entschlüsseln.
Bislang dauerten solche Analysen Wochen oder Monate — und kosteten statt der von Life Technologies angekündigten 1.000 Dollar das Fünf- bis Zehnfache. Zudem soll der sogenannte Ionen-Protonen-Sequenzer mit etwa 150.000 Dollar wesentlich günstiger sein als bisherige Analysegeräte. „Das ist ein großer Wachstumsmarkt“, sagt Experte Manns.
Innovationen sind letztlich das wichtigste Kapital der Nasdaq-Firmen. Dies gilt auch für den 2011er-Börsenprimus Intuitive Surgical. Mediziner loben das erstaunlich unblutige Operationsverfahren, das sowohl das Risiko von Komplikationen als auch die Dauer stationärer Aufenthalte erwiesenermaßen senkt. Das drückt die Behandlungskosten — trotz des Anschaffungspreises von mindestens einer Million Dollar pro DaVinci. An so einem eleganten Geschäftsmodell hätte bestimmt auch Steve Jobs seine Freude gehabt.
Investor-Info
Nasdaq 100
Gesundheit ist Spitze
Von den fünf besten Werten des Jahres 2011 im Nasdaq-100-Index kommen vier aus der Healthcare-Branche: Neben dem Medizintechnikunternehmen Intuitive Surgical sind das die beiden Biotechfirmen Alexion und Biogen sowie das Pharmaunternehmen Perrigo.
Intuitive Surgical +80,8%
Monster Beverages +79,3%
Alexion Pharma +76,2%
Biogen Idec +65,0%
Perrigo +56,4%
Intuitive Surgical
Schneidiges Geschäftsmodell
Die Kalifornier sind weltweiter Marktführer bei Operationsrobotern. Intuitive verdient am Geräteverkauf, an Verbrauchsmaterial und Services. Weniger Komplikationsfälle und kürzere Klinikaufenthalte begünstigen die Verbreitung. 2011 sollen laut Unternehmen 22 Prozent Umsatzplus auf 1,7 Milliarden Dollar erreicht werden. Für 2012 liegen die Schätzungen bei 17 Prozent, das Gewinnplus soll über 20 Prozent betragen. Nicht günstig, lohnt sich aber.
Alexion Pharma
Hoch bewertet
Bislang hat Alexion mit Soliris nur ein Medikament auf einem kleinen Markt. Die Firma baut das Anwendungsspektrum jedoch aus, zudem werden sukzessive neue Regionalmärkte erobert. Mit Enobia erwarb man soeben eine Biotechfirma, die im Bereich Knochenerkrankungen aktiv ist. Die Analysten von JP Morgan rechnen bis 2015 mit jährlichen Wachstumsraten von rund 25 Prozent. Spekulativ.
Life Technologies
Genom zum Discount
Die Kalifornier entwickeln ein Gerät, das Kosten und Dauer der Genomanalyse drastisch senkt. US-Konkurrent Illumina arbeitet an einem ähnlichen, aber nicht ganz so günstigen Produkt. Life macht mit Analyseausrüstung 2011 geschätzte 3,7 Milliarden Umsatz. Für 2012 wird mit rund 30 Prozent plus beim Gewinn gerechnet. Charttechnisch interessant.
Bildquellen: NASDAQ