von Tim Schäfer, New York
An der Wall Street ist der Medienkonzern in Ungnade gefallen. Zum Vergleich: Im Jahr 2002 kostete das Papier noch mehr als 50 Dollar. Frei nach dem Motto „Buy Low, Sell High“ – „Kaufe niedrig, Verkaufe hoch“ bietet sich nun möglicherweise eine günstige Gelegenheit. Daher beschäftigt sich die wöchentliche Serie „Hot Stock der Woche“ dieses Mal mit einer der einflussreichsten und größten Zeitungen der Welt. Die erste Ausgabe erschien 1851. Seither gewann das Blatt 98 Pulitzer-Preise - so viele wie kein anderes Medium. Zum Portfolio zählen mehr als 15 Blätter wie etwa der International Harald Tribune oder Boston Globe. Der Globe steht übrigens kurz vor dem Verkauf. Darüber hinaus erstreckt sich das Imperium auf mehr als 50 Websites inklusive des Portals About.com.
Gewiss hat Vorstandschefin Janet Robinson mit einem gewaltigen Problem zu kämpfen: So wandern die Leser und Anzeigenkunden von der Zeitung ins Internet ab. Darunter leidet die gesamte Branche. Obwohl sich Robinson immer mehr dem Internet zuwendet und die Kosten senkt, kann sie die Auswirkungen aus dem neuen Leserverhalten kaum auffangen. Das ganze Dilemma zeigt sich an der Auflage: Gingen im Jahr 2002 noch mehr als 1,1 Millionen Stücke des Flaggschiffs Times in der Metropolregion täglich über den Tresen, so sank die Zahl nun auf 876.000. Auch die beliebte Sonntagsausgabe musste in diesem Zeitraum Federn lassen, sie wird statt 1,7 nur noch 1,3 Millionen Mal verkauft. Erlöste der Konzern im Jahr 2007 fast 3,2 Milliarden Dollar, so ist der Umsatz 2009 auf 2,4 Milliarden Dollar eingebrochen.

New York und die Wall Street
Freilich scheint der Kursrutsch übertrieben. Die Börsianer sollten die Kirche im Dorf lassen. Auf lausige 1,1 Milliarden Dollar ist der Börsenwert abgeschmolzen. Dem steht ein zwei Mal so großer Umsatz gegenüber. Zudem prognostizieren Analysten für den laufenden Turnus
im Schnitt einen Gewinnanstieg von 25 auf 68 Cent je Aktie. Daraus ergibt sich ein günstiges Gewinnvielfaches von elf. Auch darf nicht übersehen werden, dass in den vergangenen zwei Jahren jeweils ein operativer Cashflow von rund einer Viertel Milliarde Dollar erwirtschaftet wurde. Angesichts der schwersten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression ist das eine respektable Leistung.
Zugegeben wird die Übergangszeit in die digitale Welt nicht einfach werden. Verbunden damit wird ein weiterhin rückläufiges Anzeigenaufkommen sein. Ob Autohersteller, Restaurantketten oder Einzelhändler – sie kürzen ihre Werbebudgets seit Jahren. Mit Kostenkürzungen und dem Abbau von Redakteuren wird sich das Management also auch zukünftig beschäftigen müssen. Doch dass dies alles machbar ist, zeigte Finanzchef James Follo eindrucksvoll in den letzen zwei Jahren, als er radikal den Rotstift ansetzte.
Follo legte Druckzentren zusammen, schloss Verkaufsstellen im Einzelhandel, reduzierte den Seitenumfang und stellte Beilagen sowie Spezialthemenseiten ein. Die Betriebsrenten kürzte er ebenfalls. Innerhalb von zwei Jahren setzte er zwölf Prozent der Belegschaft vor die Tür. Damit nicht genug. Das imposante neue New Yorker Hauptgebäude an der Achten Avenue in Midtown verkaufte das Traditionshaus, um die Schuldenlast zu senken. Selbst die Dividende wurde gestrichen. Mit 700 Millionen Dollar steht die New York Times noch immer netto in der Kreide. Jedoch macht auch hier das Management Fortschritte. Sollte es noch einmal brenzlig werden, wie es auf dem Höhepunkt der Finanzkrise der Fall war, leisten bekannte Investoren sicherlich wieder dem links-liberalen Blatt Schützenhilfe. So half bereits Carlos Slim, einer der reichsten Menschen der Erde, bei der Umschuldung.
Tim Schäfer ist Journalist und schreibt seit 1998 über Börse, Aktien und Unternehmen. Seit 2006 lebt der studierte Diplom-Betriebswirt und DVFA-Aktienanalyst in New York und berichtet von dort über die Geschehnisse an der Wall Street, unter anderem für Euro am Sonntag. Bekannt ist Schäfer für seine Berichterstattungen über kleine Nebenwerte.
Bildquellen: Michela Lietti, Michela Lietti