von Andreas Pilmes
Es dauerte einige Tage, bis Barack Obama tat, was alle Welt von ihm erwartete: Nach dem Batman-Massaker mit zwölf Todesopfern in einem Kino in Aurora, Colorado, sprach sich der US-Präsident für eine Verschärfung der Waffengesetze aus. Gleichzeitig aber betonte der Demokrat mit Blick auf die mächtige US-Waffenlobby und die Wahlen im November das Grundrecht der Amerikaner auf ihren Schießprügel: „Es ist klar, dass der Waffenbesitz eine lange Tradition in diesem Land hat und dass Schießen und Jagen zum Erbe der Nation gehören.“
Ein Präsident übt sich im Spagat. Ausgerechnet unter der Ägide des Friedensnobelpreisträgers zählen die Waffenhersteller zu den wenigen Sparten der US-Industrie, die sich eines regen Wachstums erfreuen. Dabei ist Obama von den Demokraten —
im Vergleich zu den Republikanern eindeutig die waffenkritischere Partei — selbst ein Grund für steigende Verkaufszahlen.
Präsidentenbonus
Die Industrie nennt es den „Obama-Faktor“: die Furcht vor einer Verschärfung des Waffenrechts in einer zweiten Amtszeit des Präsidenten. Vorsichtshalber komplettieren viele ihr heimisches Arsenal noch, bevor möglicherweise strengere Kontrollen beim Kauf kommen. „Manche bezeichnen Mr. Obama scherzhaft als Verkäufer des Jahres“, erklärte unlängst der Vizepräsident der US-Sportschützenvereinigung.
Bei dieser Verkaufsrally ist für Anleger die Waffenschmiede Smith & Wesson besonders interessant. Der Aktienkurs des US-Marktführers für Handfeuerwaffen hat sich in diesem Jahr bereits verdreifacht. Die Knarren aus Springfield im Bundesstaat Massachusetts sind vom Kaliber Klassiker. Hierzulande kennen die meisten sie nur aus dem Kino: Clint Eastwood als „Dirty Harry“ schoss mit einer überdimensionierten Magnum, Bruce Willis in „Sin City“ und Nicolas Cage in „Bad Lieutenant“ ballerten mit dem Modell 29 über die Leinwand. Für die Älteren: Auch Jerry Cottons Jackett wurde von einer kurzläufigen Smith & Wesson ausgebeult. Und James Bonds deutsche Walther PPK wird von Springfield aus exklusiv in den USA vertrieben.
Während für den durchschnittlichen Mitteleuropäer die Beschäftigung mit derlei martialischem Gerät eher exotisch und Jägern oder Sportschützen vorbehalten ist, gilt in den USA die Knarre in der Kommode als vollkommen normal. Das Oberste Gericht, der Supreme Court, weitete erst vor zwei Jahren das Grundrecht auf Waffenbesitz aus. Es erklärte regionale Waffenverbote wie damals in Chicago für verfassungswidrig.
In 40 Prozent der rund 105 Millionen Haushalte ist mindestens eine Waffe vorhanden. 31 Milliarden Dollar setzte die Industrie insgesamt im vergangenen (Rekord-)Jahr mit Waffen und Munition um — 2008 waren es noch 19 Milliarden. Das Steueraufkommen im Sektor stieg binnen drei Jahren um 30 Prozent.
Marktführer Smith & Wesson hat für ein US-Unternehmen eine geradezu biblische Tradition. Die Gründer Horace Smith und Daniel B. Wesson entwickelten vor 160 Jahren den ersten Revolver, der vorgefertigte Kugeln verschießen konnte. Fünf Jahre später brach der Sezessionskrieg aus, die Nachfrage schoss in die Höhe. Erst 1964 übernahmen externe Investoren das bis dahin in Familienbesitz befindliche Unternehmen.
Heute stellt die Firma Revolver und Pistolen her, zudem Jagd-, Sport- und Schnellfeuergewehre und bietet Trainings für Profis und Amateure in der hauseigenen Akademie an. Smith & Wesson rüstet nicht nur Privatleute auf. Die Kundenliste zieren zahlreiche Armeen, Polizeitruppen und private Sicherheitsdienste.
Das Business läuft. Im Quartal bis Ende April schrieb Vorstandschef James Debney 129 Millionen Dollar Umsatz in die Bücher, fast ein Drittel mehr als im Vorjahreszeitraum. Das lag ebenso über den Erwartungen wie der Auftragsbestand, der mit 439 Millionen Dollar mehr als das Doppelte des Vorjahreswerts markierte.
Leicht verdientes Geld
Zu verdanken ist dieser Aufschwung laut Debney in erster Linie neuen Produkten, allen voran Waffen aus dem Kunststoff Polymer. Die leichten Pistolen verkaufen sich blendend, das günstige Ausgangsmaterial erhöht zudem die Margen.
Smith & Wesson profitiert zwar momentan vom „Obama-Faktor“, doch selbst wenn der Demokrat tatsächlich wiedergewählt werden sollte, wäre das wohl nicht mehr als ein Streifschuss für die Revolveraktie. Denn will er gewinnen, darf es sich Obama nicht mit der mächtigen Waffenlobby verderben, die traditionsgemäß seinen Widersacher Mitt Romney bevorzugt. Und so kündigte der Präsident erst kürzlich höchst moderat an, er wolle in Sachen Waffengesetz einen überparteilichen Konsens suchen.
Smith & Wesson
Waffe im Depot
Das Geschäft des führenden US-Herstellers von Handfeuerwaffen wächst schnell, zuletzt legten die Umsätze mit Raten um 30 Prozent zu. Für das laufende Geschäftsjahr mit Ende April 2013 rechnen Analysten mit Wachstumsraten von gut 20 Prozent auf dann rund 500 Millionen Dollar Umsatz. Die Profitabilität steigt wegen kostengünstigerer Produkte, der Gewinn soll um gut 50 Prozent auf rund 43 Millionen Dollar zulegen. Attraktive Beimischung.
WKN: 797652
Kursziel: 8,00 Euro
Stopp: 4,50 Euro
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