von S. Parplies und A. Höß, €uro am Sonntag
Dreimal täglich bilden sich lange Schlangen an der „Open Door“ in der 41. Straße in Manhattan. Im Schatten der Wolkenkratzer, nur wenige Minuten vom berühmten Empire State Building entfernt, hat die Kirchengemeinde der All Angels eine Suppenküche eingerichtet, in der Bedürftige umsonst eine Mahlzeit bekommen. 1,5 Millionen Menschen in New York sind Regierungsdaten zufolge auf diese Hilfe angewiesen, knapp 50 Millionen landesweit.
Die Schlangen an der „Open Door“ zeigen, dass die Wirtschaftskrise die USA fest im Griff hat. Die Schockwellen von Immobiliencrash und Überschuldung haben die Arbeitslosenquote verdoppelt. 25 Millionen Amerikaner sind ohne Job oder haben nur eine Teilzeitbeschäftigung. Die Staatsfinanzen sind zerrüttet: Mehr als 14 Billionen Dollar stehen zu Buche, aufgetürmt durch Steuersenkungen, Krisenprogramme und den Krieg gegen den Terrorismus. Die Gesamtschuld ist auf 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angewachsen – ein enorm hoher Wert. Die Wirtschaftskrise ist zu einer politischen geworden. Der hart erkämpfte Kompromiss zur Anhebung der Schuldendecke des Staates zeigt, wie tief die Gräben sind.
Die USA seien eine Bananenrepublik geworden, giftet der den Demokraten nahestehende Nobelpreisträger Paul Krugman, der angesichts der massiven Wirtschaftsprobleme neue staatliche Stützungsprogramme fordert. Mit den jetzt beschlossenen Ausgabenkürzungen wiederhole der Staat die Fehler der 30er-Jahre, die das Land in die Große Depression stürzten. Krugman steht in der Tradition des Ökonomen Keynes, nach dessen Vorstellung der Staat in konjunkturellen Notsituationen selbst für Nachfrage sorgen soll.
Genau diese Politik sei gescheitert, kontern den Republikanern nahestehende Wirtschaftsliberale, nachdem Präsident Barack Obama deutlich über eine Billion Dollar in Stützungsprogramme gepumpt hat, ohne die Konjunktur nachhaltig zu beleben. Die Verfechter des freien Marktes sehen den Staat als Quelle des Übels. Ihrer Ansicht nach investieren Unternehmen und Privathaushalte Geld sinnvoller als die Bürokraten. Nur wenn der Staat Steuererhöhungen abschwöre und Haushaltsdefizite abbaue, werde die schöpferische Kraft des Marktes freigesetzt.
Wirtschaftsliberale Ideen dominieren seit den 80er-Jahren die amerikanische Politik. Die Spitzensätze der Einkommensteuer wurden von über 70 Prozent auf unter 40 Prozent gesenkt. Der amerikanischen Wirtschaft hat das einen enormen Schub gegeben: Das Bruttoinlandsprodukt hat sich seit 1980 fast verfünffacht. Zugleich hat sich eine tiefe Kluft zwischen Topverdienern und Mittelschicht aufgetan.
Nach Berechnung des Economic Policy Institute ist das durchschnittliche Einkommen einer Familie von 1977 bis zum Jahr 2005 inflationsbereinigt um fast 25 Prozent auf 58.000 Dollar gestiegen. Die Einkommen der Spitzenverdiener haben sich auf rund zehn Millionen Dollar mehr als verfünffacht. In der öffentlichen Wahrnehmung war das nie ein wirkliches Problem. Philosophien wie die eines Herbert Spencer, der im 19. Jahrhundert das Überleben des Stärkeren beschwor, haben das Land geprägt. Tycoone wie Rockefeller, Vanderbilt und Carnegie gelten nicht als gierige Kapitalisten, sondern als erfolgreiche Unternehmer. „Selbst extremer Reichtum wird akzeptiert, solange er als Ergebnis von Einsatzwille, Risikobereitschaft und Geschäftssinn erscheint“, beschreibt der Kulturforscher Winfried Fluck die Mentalität eines Landes, in dem sozialistische Ideen niemals haben Fuß fassen können.

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Rezessionen sind auch für die USA keine neue Erfahrung. In früheren Zyklen aber folgte konjunkturellen Einbrüchen stets eine dynamische Erholung. Im zweiten Quartal 1983 beispielsweise erreichte das Wachstum in der Spitze über neun Prozent. Dieses Mal aber ist die Erholung nach allen Maßstäben blutleer. Im ersten Halbjahr 2011 ist das Bruttoinlandsprodukt um lediglich 0,8 Prozent gewachsen.
„Grob gerechnet brauchen die USA ein reales Wirtschaftswachstum von jährlich 2,8 Prozent, nur um das Haushaltsdefizit auf dem aktuell hohen Niveau zu halten. Nach unserer Einschätzung liegt das Potenzial der US-Wirtschaft niedriger, eher bei 2,6 Prozent“, kalkuliert David Milleker, Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Union Investment. Hinzu komme, dass Volkswirtschaften nach dem Ende einer Spekulationsblase in der Regel nicht in der Lage sind, ihr volles Potenzial auszuschöpfen. „Realistisch sind eher 2,0 bis 2,5 Prozent. Das bedeutet, dass sich die Haushaltslage ohne Eingriffe permanent verschlechtern würde“, warnt Milleker.
Mindestens genauso schwer wiegen die Finanzprobleme der privaten Haushalte. Als die Immobilienpreise in die Höhe schnellten, haben viele Amerikaner Konsum über Kredite finanziert. Ende 2007 stand jeder Haushalt im Durchschnitt mit 133 Prozent seines Jahreseinkommens in der Kreide. Inzwischen ist die Quote auf knapp 120 Prozent gesunken, bleibt aber bedrückend hoch. Bei jedem fünften Hausbesitzer übersteigt die Hypothek den Wert der Immobilie.
Der Absturz hat das Land schon jetzt verändert: Mehr als die Hälfte der Arbeitslosen findet seit über sechs Monaten keinen Job. Volkswirte sprechen von einer strukturellen, also dauerhaften Arbeitslosigkeit, wie sie die USA bislang nicht gekannt haben. „Je länger die Krise am Arbeitsmarkt anhält, desto schwerer wird es, die Betroffenen wieder zu integrieren. In Branchen wie der Bauindustrie werden viele Jobs dauerhaft verloren sein“, kalkuliert Bernd Weidensteiner, USA-Experte der Commerzbank.
Für eine Volkswirtschaft, die zu 70 Prozent vom privaten Konsum abhängt, ist die Situation fatal. „Dem US-Konsumenten fehlen die Mittel, er muss sparen und Kredite zurückzahlen“, beschreibt Philipp Vorndran von der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch das Dilemma.
Den „Niedergang der Weltmacht“ beschwören vor allem Kommentatoren aus Europa. Der US-Dollar, einst der Inbegriff einer harten Devise, wertete in den vergangenen zehn Jahren um 40 Prozent gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner ab. Chinas Kommerzkommunisten verkürzen mit wachsendem Tempo ihren Rückstand. Vergangene Woche mussten sich die USA gar von China, dem größten ausländischen Kreditgeber, zur Haushaltsdisziplin ermahnen lassen. All das nagt auch am Selbstbewusstsein der stolzen Supermacht. Untergangsprophezeiungen aber sind älter als die USA selbst.
Schon zur Zeit der Unabhängigkeitsbewegung im 18. Jahrhundert höhnten britische Aristokraten, dass die aufmüpfigen Kolonien allein nicht überlebensfähig seien. Bislang sind die Vereinigten Staaten aus jeder Krise gestärkt hervorgegangen. Historiker verweisen auf die Entstehungsgeschichte als Land der Einwanderer und Pioniere, Soziologen auf den Leistungsdruck wegen des nach europäischen Standards kaltherzigen Sozialsystems. „Die USA haben große Probleme, aber auch eine bewundernswerte Regenerationskraft, die niemand unterschätzen sollte“, meint Volkswirt Milleker.
Noch immer bietet das Land einzigartige Erfolgsgeschichten. Mark Zuckerberg, mit 27 Jahren einer der jüngsten Milliardäre der Wirtschaftsgeschichte, hat mit dem Online-Netzwerk Facebook das Sozialverhalten einer ganzen Generation geprägt. Steven P. Jobs wurde bei Apple gefeuert, kehrte zurück und entfachte mit iPod, iPhone und iPad eine Euphorie, in der für Kunden sogar das Schlangestehen vor den gläsernen Fassaden der Apple-Läden zum Kulterlebnis geworden ist.
Neue Talente wachsen an den Elite-Universitäten heran. Laut einer Umfrage des britischen Magazins „Times Higher Education“ unter mehr als 13.000 Wissenschaftlern weltweit liegen 45 der 100 renommiertesten Hochschulen in den Vereinigten Staaten. Auch die Verleihung der Nobelpreise wird zu einer jährlichen Demonstration US-amerikanischer Stärke – in den vergangenen zehn Jahren gingen mehr Auszeichnungen an die USA als an jede andere Nation. „Vor allem Technologie und Gesundheit sind wichtige Wachstumsmärkte der Zukunft“, erwartet Volkswirt Weidensteiner.
Im Gesundheitssektor dürften vor allem jene Unternehmen zu den Siegern eines neuen Aufschwungs gehören, die helfen, die ausufernden Kosten eines bislang bemerkenswert ineffizienten Systems einzudämmen. An der Börse wird dieser Trend schon jetzt vorweggenommen – die Aktien von Intuitive Surgical, einem Hersteller von Operationsrobotern, und des Gesundheitsdienstleisters Cerner Corporations gehören zu den Topwerten im amerikanischen Technologieindex Nasdaq.
Amerikas Techkonzerne haben schon jetzt einen Status erreicht, durch den sie sich weitgehend von Konjunkturschwankungen abkoppeln können. Google dominiert den lukrativen Werbemarkt im Internet und hat mit seinem Netzwerk Google+ gerade das nächste Geschäftsfeld erschlossen. Das Internetkaufhaus Amazon profitiert nicht nur vom wachsenden Onlinehandel, sondern ist mit dem Multimedialesegerät „Kindle“ in eine neue Dimension vorgestoßen. Wichtiger Treiber ist auch für US-Konzerne die Expansion in die Schwellenländer. Der Auslandsanteil amerikanischer Unternehmen ist nach Berechnung der Citigroup seit Ende des Zweiten Weltkrieges von weniger als fünf auf mehr als 25 Prozent gestiegen.
Der Konsumgüterhersteller Procter & Gamble (Pampers, Gilette) will laut Vorstandschef Bob McDonald die Kundenbasis weltweit bis 2015 um 20 Prozent erhöhen. Denn mit dem wachsenden Wohlstand steigt in Ländern wie China und Indien auch die Zahl der potenziellen Kunden und die Nachfrage nach höherwertigen Produkten.
Auch der Baumaschinenhersteller Caterpillar expandiert in die neuen Boomregionen. Denn während in den USA viele Infrastrukturprojekte den öffentlichen Sparprogrammen zum Opfer fallen, werden in Ländern wie China und Brasilien weiter Straßen und Brücken gebaut. Nach Schätzung der US-Bank Morgan Stanley hat Caterpillar seinen Umsatz mit schweren Baggern in China im ersten Halbjahr um mehr als 50 Prozent gesteigert.
Dieser Nachfrageschub geht allerdings am amerikanischen Arbeitsmarkt vorbei. Paul Romer, Ökonom der New York University, beschreibt im „Wall Street Journal“ die Lage in Anlehnung an die Große Depression der 30er-Jahre als „Großes Elend“ und stellt der Nation eine Schwächeperiode von fünf bis zehn Jahren in Aussicht.
Die amerikanische Nation, so der ehemalige Georgetown-Professor Norman Birnbaum einst in einem Interview, sei großartig; aber ihre Großartigkeit bestehe nicht zuletzt darin, dass sie unvollendet ist „und dass wir Amerikaner immer noch um unsere Seele kämpfen“.
Investor-Info
Amerikas Aktien
Stabiler als der DAX
Die Wirtschaft in Deutschland boomt. Dennoch hat sich der DAX in den vergangenen zwölf Monaten schlechter entwickelt als der amerikanische S & P 500. Ein Grund ist der hohe Anteil zyklischer Aktien im DAX, die bei globalen Krisen stärker unter Druck geraten.
Apple
Kult gegen Krise
Die Aktie des iPhone-Herstellers aus Cupertino hat den allgemeinen Kursrutsch an den Finanzmärkten in dieser Woche relativ glimpflich überstanden. Börsianer sind offenbar noch immer beeindruckt von den starken Geschäftszahlen. Im zweiten Quartal hatte Apple seinen Gewinn mehr als verdoppelt. Die nächste Generation von iPhone und iPad dürfte das Geschäft weiter antreiben. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist moderat. Auch die hohen Cashreserven sprechen für die Aktie.
Coca-Cola
China kommt auf den Geschmack
Die berühmteste Brause der Welt wird auch in der Boomregion China immer beliebter. Im zweiten Quartal verbesserte die Coca-Cola Company dort ihren Absatz um 21 Prozent. Die starke Marke macht es dem Softdrinkhersteller aus Atlanta leichter, steigende Kosten durch Preiserhöhungen auf den Kunden abzuwälzen, etwa durch kleinere Verpackungseinheiten. Die Aktie bleibt ein Basisinvestment für langfristig orientierte Anleger.
Intuitive Surgical
Roboter als Kostenbremse
Der Operationsrobotor „Da Vinci“ füllt die Kassen der Medizintechfirma aus Kalifornien. Eingriffe verlaufen mit dem Gerät schonender, Patienten können die Klinik früher verlassen. Das Geschäft mit Verbrauchsmaterialien sichert zusätzliche Einnahmen. Im zweiten Quartal stieg der Nettogewinn um 32 Prozent auf 117 Millionen Dollar, stärker als erwartet. Analysten kalkulieren für 2012 einen Gewinnanstieg von knapp 20 Prozent.
Staatsschulden
In schlechter Gesellschaft
Über 14 Billionen US-Dollar schulden die USA ihren Gläubigern, etwa so viel wie die gesamte Leistung der US-Wirtschaft in einem Jahr. Washingtons Schuldenstand kann es beinahe mit dem griechischen, auf jeden Fall aber mit dem portugiesischen aufnehmen. Und die jährliche US-Neuverschuldung liegt mit zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf dem Niveau von Griechenland. Kein anderes Land mit einem „AAA“-Status, den die Ratingagenturen nur Schuldnern mit erstklassiger Kreditwürdigkeit verleihen, steht ähnlich schlecht da wie die Vereinigten Staaten.
Wirtschaftswachstum
Zurück in die Rezession?
Noch im ersten Quartal war die Stimmung unter den US-Einkaufsmanagern so gut wie seit 1983 nicht mehr. Der US-Einkaufsmanagerindex, der als wichtigster und treffsicherer US-Konjunkturindikator gilt, lag damals bei 61 Punkten (Werte über 50 bedeuten Wirtschaftswachstum). Im Juli brach der Index auf 50,9 ein – was auf künftiges Miniwachstum schließen lässt. Besonders drastisch gab jene Komponente des Index nach, die die Auftragseingänge in der Industrie misst.
Arbeitsmarkt
Keine Trendwende in Sicht
Am Jobmarkt geht es wieder aufwärts – konnte man noch im Herbst 2009 hoffen. Damals hatte die Arbeitslosenquote mit über zehn Prozent ihren Höchststand erreicht und lag mehr als doppelt so hoch wie zu Beginn der Krise. Doch die Hoffnungen wurden enttäuscht. Der Arbeitsmarkt ist weiter am Boden, die Arbeitslosenquote pendelte seither um die Marke von neun Prozent. In vergangenen Rezessionen verloren deutlich weniger Menschen ihren Job als während der Finanzkrise. Außerdem kam der Arbeitsmarkt schneller wieder auf die Beine.
Bildquellen: Michela Lietti