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04.08.2011 20:00

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Weight Watchers: Dicke Gewinne mit Diät

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Weight Watchers: Fette Kursgewinne
Die Zivilisationskrankheit Fettleibigkeit macht Weight Watchers zum Wachstumswert. Diät plus Gruppentherapie lautet das Erfolgsrezept.

von Tim Schäfer, €uro am Sonntag

Gluthitze in Manhattan. Im C-Town-Supermarkt nahe der Brooklyn-Brücke brummt die Klimaanlage auf Hochtouren. Die Straßen sind leer gefegt.

Eine schwergewichtige Mutter schlendert mit der Tochter durch den Laden. Sie lädt Steaks, Hamburgerbrötchen, Joghurt, Käse und Soßen in den Einkaufswagen. An einem riesigen Gefrierschrank angekommen, greift sie nach Eiscreme und Fertiggerichten. Es sind die „Smart Ones“, die „klugen Dinger“ von Weight Watchers.

Unzählige der knallroten Boxen des Diät-Spezialisten sind hier aufgereiht. Für 4,39 Dollar gibt es Hähnchen süß-sauer oder Mini-Cheesburger. Auf der Rückseite der Packung weist der Hersteller auf das haus­eigene Punktesystem hin. Je nach Kaloriendosis erhält jedes Weight-Watchers-Gericht eine bestimmte Anzahl von Punkten. Je mehr die Kunden essen, desto schneller erreichen sie ihr Tageslimit an Punkten. Das ist das Erfolgsrezept des tradi­tionsreichen Diätgiganten. In einem speziellen Verzeichnis können die Abnehmenden nachschlagen, wie viele Punkte ein Becher Eiscreme oder ein Steak entsprechen.

Über 1,3 Millionen Menschen sind zahlende Mitglieder bei Weight Watchers. Gegen einen Monatsbeitrag von 40 Dollar werden die Abspeckwilligen von 15.000 Beratern betreut. Jede Woche veranstaltet der Weltmarktführer in Sachen schlanke Linie 50.000 Gruppensitzungen. Dabei besprechen die Teilnehmer, wie sie die Ernährung verbessern und wieder fit werden können.

Die Wurzeln des Unternehmens reichen bis Anfang der 60er-Jahre zurück. Damals naschte Jean Nidetch unablässig Kekse. Sie wurde immer dicker. Die Hausfrau aus dem New Yorker Stadtteil Queens probierte verschiedene Diäten aus. Die meisten waren erfolglos. Sie stellte fest, dass ihre Diäten am wirksamsten waren, wenn sie mit ebenfalls übergewichtigen Freundinnen darüber sprach. Nach und nach kamen jede Woche bis zu 40 Gleichgesinnte in ihre Wohnung, Nidetch speckte 72 Pfund ab. Aus der Kommerzialisierung dieser Treffen entstand später die Firma. Zu der ersten Gruppensitzung nach der Firmengründung erschienen 400 Interessierte. Nidetch war von der Mundpropaganda überwältigt, sie hatte lediglich 50 Stühle. 1978 schluckte der Lebensmittelhersteller Heinz aus Pittsburgh den Diät-­Pionier. 1999 übernahm die Investmentfirma Artal Luxembourg das Abmagerimperium. Zwei Jahre später folgte der Börsengang.


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Aus dem Kampf gegen die Pfunde ist ein Riesengeschäft geworden. ­Firmen wie die Nestlé-Tochter Jenny Craig, der Menü-Lieferant NutriSystem, der Pulververmarkter HerbaLife oder die Beratungsplattform eDiets.com beackern den 60 Milliarden Dollar schweren Markt. Die Nachfrage wächst weltweit. Ein Drittel der Amerikaner ist übergewichtig, ein weiteres Drittel fettleibig. Die Fettsucht breitet sich wie eine Epidemie weltweit aus.

Ein gefundenes Fressen für den heutigen Weight-Watchers-Chef David Kirchhoff. Auf Investorenveranstaltungen schwelgt er in beeindruckenden Zahlen: In den USA leiden 23 Millionen Menschen oder mehr als zehn Prozent der Erwachsenen an Diabetes. Es gibt Schätzungen, wonach sich die Zahl der Zuckerkranken bis zum Jahr 2050 verdreifachen soll. Eine Kostenlawine rolle auf das Gesundheitswesen zu, warnt der Manager nicht ganz uneigennützig.

Dank immer besserer Medikamente gegen Diabetes und Bluthochdruck tun die Dicken dem Gesundheitssystem keineswegs den Gefallen, vorzeitig aus dem Leben zu scheiden, um die Kasse zu schonen. „Lang lebe der fette Amerikaner“, schrieb kürzlich das Wirtschaftsmagazin „The Economist“ und stellte die Frage, wie es zusammenpasst, dass die US-Bürger zwar immer beleibter werden, aber gleichzeitig die Lebenserwartung steigt. Ähnliches beobachte man in Australien: Trotz ihrer „ballonartigen Bäuche“ würden die Aussies immer älter, stellte das renommierte Blatt fest.

James Vaupel, Direktor des Research Instituts für Einwohnerentwicklung an der Duke-Universität, erwartet denn auch keine verkürzte Lebenserwartung. Der Wissenschaftler warnt indes vor zunehmender ­Arbeitsunfähigkeit.

Kirchhoff kramt solche Zitate nur allzu gern hervor. Wenn man die Kosten eines chirurgischen Eingriffs, einer psychologischen Therapie oder eines persönlichen Fitnesstrainers den Ausgaben für eine Weight-Watchers-Mitgliedschaft gegenüberstelle, so schneide der Diät-Konzern am günstigsten ab, rechnet er vor. Mitglieder bezahlen alles in allem zwischen 500 und 1.000 Dollar im Jahr. Vor allem der soziale Aspekt der Treffen sei von Vorteil, der Lebensstil ändere sich nachhaltig.

Wenn Kirchhoff mit Analysten zusammentrifft, leistet der 44-jährige Manager ganze Arbeit. Als er anheuerte, litt er selbst unter Übergewicht, erzählt er. „Mein Blutdruck und mein Cholesterinspiegel hatten ein ungesundes Niveau erreicht.“ Jahrelange Büroarbeit und schlechte Ernährung hatten seinen Arzt vermuten lassen, dass er auf Lebenszeit verschreibungspflichtige Medikamente würde einnehmen müssen. Doch mit den Gruppentreffen habe er 25 Pfund abgenommen, Blutdruck und Cholesterinwerte seien seither wieder im Lot. Wenn er davon spricht, scheint er den Tränen nahe zu sein.

60 Prozent der Einnahmen erzielen die New Yorker Schlankheitsspezialisten im Heimatmarkt, 40 Prozent im Ausland. In 30 Ländern haben sie Fuß gefasst. Kirchhoff lässt im großen Stil das Filialnetz renovieren, der Löwenanteil der Zweigstellen hatte lange Zeit keinen neuen Farbanstrich mehr gesehen. Die Investitionen, angefangen von neuen Stühlen, Tischen, Teppichen bis hin zu Dekorationen, hielten sich in Grenzen. Nun siedelt er die Niederlassungen wegen des großen Zuspruchs in 1-a-Innenstadtlagen um.

Vor einem Jahrzehnt galt noch die Devise, die Anlaufstellen in Randbezirken zu verstecken. Die Führungsspitze glaubte, die Kundschaft vor den kritischen Blicken von Passanten schützen zu müssen. Heute reagieren Menschen mit Übergewicht nicht mehr so sensibel, witzelt Kirchhoff: „Schließlich leiden zwei Drittel der Bevölkerung darunter.“ Sein nächstes Ziel ist Washington. Er will Lobbyarbeit betreiben. Die sei zu lange versäumt worden. Probleme, Mitstreiter zu finden, dürfte der ­offenherzige Manager keine haben. Präsidentengattin Michelle Obama hat bereits bekundet, übergewichtigen Kindern helfen zu wollen. Die First Lady ließ medienwirksam am Weißen Haus einen Öko-Gemüsegarten anlegen. Wenn ein hoher Gast im Weißen Haus empfangen wird, landet Grünzeug auf den Tellern. So demonstriert sie ihr Herzensanliegen.

Auch Weight Watchers hat ein Signal gesetzt. Es handelt sich um eine radikale Änderung. Bislang waren alle Nahrungsmittel mit Punkten versehen. In den Gesprächsrunden wurde den Mitgliedern immer empfohlen, strikt die Regeln einzuhalten. Nun ließ das Imperium jegliche Punkte für Obst und Gemüse streichen. Mit anderen Worten: Die Mitglieder dürfen jetzt so viele Möhren und Orangen essen, wie sie wollen. Der Konzern schneidet sich damit zunächst ins eigene Fleisch. Die grenzenlose Gemüsefreigabe könnte den Verkauf von Fertiggerichten und Schokoriegeln mit wenig Weight-Watchers-Punkten dämpfen. Dafür soll die neue All-you-can-eat-Strategie neue Kundenkreise erschließen, die sich bisher aus Angst vor dem quälenden Hungergefühl nicht zu den Selbsthilfegruppen von Weight-Watchers trauten.

Außerdem will Kirchhoff das Onlinegeschäft jetzt zügig ausbauen. Natürlich mit möglichst schlanken Strukturen, versteht sich.

Investor-Info

Die Aktie
Profitables Schwergewicht

Die Weight-Watchers-Aktie läuft wie geschmiert. Binnen Jahresfrist legte der Kurs von 26 auf 79 US-Dollar zu. Voriges Jahr kletterte der Umsatz von 1,39 auf 1,45 Milliarden Dollar, der Überschuss von 177 auf 194 Millionen Dollar. Mit 13 Prozent fällt die Nettomarge fett aus. Das KGV liegt bei 20 fürs laufende Geschäftsjahr. Der bekannte Hedgefonds SAC stockte zuletzt aggressiv auf.

Die Konkurrenz
Essen auf Rädern

Nach einem enttäuschenden vierten Quartal 2010 ist Nutri/System (ISIN: US 670 69D 108 1) wieder günstig bewertet. Der Fertiggerichtehersteller verfolgt eine Art Essen-auf-Rädern-Modell und liefert an die Haustür. Die Portionen sind sehr klein. Interessant ist auch Herbalife (KY G44 12G 101 0), ein Direktvermarkter von Diätkost. Das KGV von 22 ist eben noch vertretbar. Vorsicht ist bei eDiets.com (US 280 597 204 7) angebracht. Das Unternehmen ist noch weit von der Gewinnschwelle entfernt.

Bildquellen: Thinkstock

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