24.10.2012 16:24
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"Ich habe es versemmelt"

US-WAHL
Demokrat Michael Dukakis war 12 Jahre lang Gouverneur von Massachusetts. 1988 verlor er seinen Präsidentschaftswahlkampf gegen George Bush senior. Heute lehrt er als Politikprofessor an der Northeastern University in Boston und der University of California
Das Interview führte €uro-Redakteurin Daniela Meyer

€uro: Sie schneiden Ihren Rasen mit einem Handrasenmäher von anno dazumal. Das steht zumindest in einem New-York-Times-Artikel von 1988. Bei den gigantischen Rasenflächen, die Amerikaner vor ihrer Haustür haben, ist das beeindruckend ...
Gouverneur Michael Dukakis: Ich mähe meinen Rasen auch immer noch so. Seit dem Artikel haben diese Handmäher übrigens eine Renaissance erlebt, der Verkauf stieg steil an. Ich hätte Provision verlangen sollen.

Damals galten Sie als der nächste Präsident der USA, der bald mächtigste Mann der Welt.
Das stimmt. Ich bin für die Demokraten als Präsidentschaftskandidat gegen George Bush senior ins Rennen gegangen und lag in den Umfragen lange weit vorne.

Und dann kam der tiefe Fall. Sie haben mit Pauken und Trompeten verloren. Können Sie das rückblickend erklären?
Mein größter Fehler war, dass ich nicht auf die Attacken der Bush-Kampagne reagiert habe. Sie haben meinen Ruf ruiniert und ich habe zugesehen. Dabei hätte ich zurückschlagen müssen.

Aber Sie sind ein so netter Typ und haben es daher gelassen?
Ich bin ein positiver Mensch, ich wollte eine positive Kampagne. Ich dachte, den Leuten würde das gefallen. Und das tat es auch, aber auf der anderen Seite muss man zeigen, dass man sich auch wehren kann.

Was hat Bush Ihnen denn vorgeworfen?
Am schlimmsten war die Sache mit Willie Horton. Das war ein Mörder, der während eines Hafturlaubs in meinem Heimatstaat Massachusetts eine Frau vergewaltigte. Dafür machte Bush mich verantwortlich. Es war eine heftige Schmutzkampagne.

Da ist man doch sicher stinksauer auf seinen Gegner.
Schon, aber man darf die Angriffe nicht persönlich nehmen. Ich war wütender auf mich selbst. Es war meine Entscheidung nicht zu reagieren. Ich mache Bush keine Vorwürfe. So läuft das eben. Und wenn man am Ende verliert, gratuliert man dem Gewinner. Es macht keinen Spaß, aber wenn man das nicht kann, sollte man gar nicht erst als Kandidat antreten.

Es scheint, als hätten die Demokraten nicht viel aus Ihrer Erfahrung gelernt. John Kerry ließ sich im Wahlkampf 2004 vom Sohn Ihres Gegners, Georg W. Bush, ebenso fertig machen.
Dabei ist Kerry ein Kriegsheld. Er hat im Vietnamkrieg fast sein Leben verloren, während Bush gemütlich zu hause saß. Dennoch hat Bush ihn mit Dreck beworfen und es geschafft, die Leute zu überzeugen, er sei geeigneter, die nationale Sicherheit zu wahren.

Das hört sich so an, als wären Sie wütender auf den Sohn als auf den Vater.
Bush junior war der schlechteste Präsident, den wir je hatten. Ich habe das Gefühl, ich muss mich dafür entschuldigen, denn hätte ich Bush senior damals geschlagen, hätten die USA und die Welt nie von seinem Sohn gehört und allen wäre eine Menge Ärger erspart geblieben.

Was zum Beispiel?
Schauen Sie sich den Schlamassel doch an. Nach der Amtszeit von Bill Clinton in 2001 war das Land in großartigem Zustand. Bush hat es heruntergewirtschaftet. Er hat unser internationales Ansehen beschädigt und uns die Invasion im Irak eingebrockt. Wir hätten auf Deutschland hören sollen. Nach dem 11. September den Irak anzugreifen, war das Dümmste, was wir je getan haben. Romney unterstützt die Invasion übrigens auch heute noch. Er will im Irak und in Afghanistan bleiben. Wie er dafür bezahlen will – weiß der Himmel. Ich würde mich nicht wundern, wenn er auch noch den Iran bombardiert.

Glauben Sie denn, dass er gewinnen wird?
Noch vor ein paar Wochen hätte ich gesagt, Romney verliert. Ganz klar. Nun bin ich mir nicht mehr sicher. Die Wirtschaft ist schlecht, die Amerikaner sind unzufrieden. In so einem Klima kommt es leichter zum Wechsel. Zudem hat Romney mehr Geld, kann mehr Werbung machen, Obama härter attackieren.

Aber im Gegensatz zu Ihnen wehrt Präsident Obama sich.
Er hat aus meinen und Kerrys Fehlern gelernt. Er greift gelegentlich sogar selbst an. Man muss heute im Wahlkampf aggressiver sein. Es ist nicht schön – vor allem, wenn die Gegenseite Milliarden von Dollar aus Firmenkapital zur Verfügung hat – aber man muss es tun.

Aus Firmenkapital?
Romney hat mächtige Super-Pacs hinter sich, die Geld aus der Wirtschaft beziehen. Bislang durften Unternehmen die Kandidaten nicht finanziell unterstützen. Über die Super-Pacs ist das nun möglich. Der Oberste Gerichtshof hat festgelegt, das Spenden gleichgesetzt sind, mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung und dass die auch Unternehmen zusteht. Geld gleich Freiheit. Eine Katastrophe, die unser System korrumpiert. Ein Angriff auf die Demokratie!

Was für ein Präsident wäre Romney denn, sollte er gewinnen?
In MA haben wir ihn schon als Gouverneur erlebt. Daher liegt er hier auch 20 Punkte hinter Obama. Der Kerl ist ein Betrüger! Nach seiner Amtszeit war die Infrastruktur in schlimmem Zustand, die Arbeitslosigkeit so hoch wie noch nie. Romney ändert seine Meinungen täglich. Noch vor Kurzem war er ganz liberal, er war dafür, dass jede Frau selber über eine Abtreibung entscheiden soll. Jetzt hat seine Partei dieses schändliche Programm verabschiedet, in dem Abtreibung verboten werden soll – selbst in Fällen von Vergewaltigung. Die Ideen der Republikaner sind rückschrittlich.

Auch das Wirtschaftsprogramm, mit dem Romney derzeit punktet?
Das an erster Stelle. Präsident Herbert Hoover hat schon 1929 geglaubt, dass finanzielle Unterstützung der Regierung schädlich für den Individualismus ist und die Wirtschaftskrise damit nur verschlimmert. Man sollte aus Fehlern lernen und sie nicht wiederholen. Aber genau das tut Romney. Sparen soll das Vertrauen der Unternehmen stärken und sie zu Investitionen ermutigen. Das funktioniert nicht in Europa und auch nicht hier.

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