aktualisiert: 15.10.2012 14:39

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von S. Parplies und E. Eder, €uro am Sonntag

US-WAHLKAMPF

Amerika hat die Wahl


Der Präsidentschaftswahlkampf geht in die finale Phase. Eine entscheidende Rolle spielt dabei, wie gut es den Bürgern und der Wirtschaft geht. Wie also lautet die Bilanz nach vier Jahren Barack Obama?

von S. Parplies und E. Eder, Euro am Sonntag

Vier Jahre haben Spuren hinterlassen. Das Haar ist sichtbar ergraut, die Euphorie verflogen. „Wir waren in einer Krise, wie sie ein Land in einer Generation nur einmal erlebt“, blickt Barack Obama auf eine auch für amerikanische Verhältnisse turbulente Zeit zurück.

Finanzkrise und große Rezession haben die mächtigste Volkswirtschaft der Welt tief getroffen. Schaut man auf die Statistik, fällt Obamas Wirtschaftsbilanz als 44. Präsident der Vereinigten Staaten in vielen Punkten entsprechend ernüchternd aus: Die Arbeitslosigkeit verharrt auf hohem Niveau, die Staatsverschuldung ist drastisch gestiegen, das durchschnittliche Einkommen der Bevölkerung gesunken.

Das schlägt sich in den Umfragewerten des Präsidenten nieder: In Sachen Wirtschaftskompetenz liegt Obama in den Augen des Wahlvolks hinter seinem Herausforderer Mitt Romney, hat das Meinungsforschungsinstitut Gallup ermittelt. Ökonomen allerdings — jene Berufsgruppe, die sich besonders gut auskennen sollte — geben Obama in einer Umfrage des „Economist“ durchaus gute Noten. Ganz nach dem Motto: Es hätte alles viel schlimmer kommen können.

Obamas Präsidentschaft startete mitten im Chaos der Finanzkrise. Im ersten Quartal 2009 brach die amerikanische Wirtschaft um über fünf Prozent ein. Fast 2,5 Millionen Jobs gingen verloren. Der Druck, schnell und wirksam einzugreifen, war also groß. Eine der wichtigsten Initiativen des neuen Präsidenten: ein Konjunkturprogramm. Staatliche Investitionen von 800 Milliarden Dollar — mehr als das Doppelte des deutschen Bundeshaushalts — sollten die Wirtschaft stabilisieren und Arbeitsplätze retten. Die Notenbank stützte den Kurs durch niedrige Zinsen und den Ankauf von Staatsanleihen.

Dramatische Entscheidungen
Die Rettungsaktion hat Wirkung gezeigt: Gemessen an vielen europäischen Staaten haben sich die USA schnell aus den Verwerfungen der Finanzkrise befreit. Während die Wirtschaft der Eurozone nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds in die Rezession zurückfällt, dürfte das Bruttoinlandsprodukt der USA in diesem Jahr um etwas mehr als zwei Prozent zulegen. Obamas vielleicht größer Erfolg: die Rettung der US-Automobilindustrie.

Während Romney („Lasst Detroit pleitegehen“) die reinigende Kraft der Märkte beschwor, pumpte die Obama-Regierung 80 Milliarden Dollar Steuergeld in General Motors und Chrysler. Die insolventen Konzerne konnten nach der Finanzspritze bereits im Sommer 2009 neu starten und retteten damit auch viele Zulieferfirmen. Eine Pleite der Autokonzerne hätte sich „verheerend auf die US-Wirtschaft und besonders den mittleren Westen ausgewirkt“, urteilen Moody’s-Analyst Mark Zandi und Alan Blinder von der Princeton-Universität in einer Studie.

Aus Sicht der Aktienmärkte waren vier Jahre Obama ein klarer Erfolg. Der Dow Jones Industrial hat inklusive Dividende seit Januar 2009, von niedrigem Niveau, fast 90 Prozent Rendite gebracht, deutlich mehr als europäische Indizes.

An der Wall Street hat der Präsident dennoch einen schweren Stand. Verscherzt hat es sich Obama durch scharfe Rhetorik gegen Banker, aber auch durch die Regulierung des Finanzsektors, mit der besonders riskante, aber auch poten­ziell hochprofitable Geschäfte gezügelt werden. Zudem will Obama Steuersenkungen auf Kapitalerträge auslaufen lassen — auch das würde die Wall Street treffen. „Die Leute dort schäumen vor Wut“, berichtete der Finanzvorstand eines DAX-Konzerns unlängst von einem Treffen mit US-Bankern.

Im Kampf um die Unterstützung der amerikanischen Mittelschicht hat Obama ein anderes Problem: Die Wirtschaftserholung ist bei vielen Menschen nicht angekommen. Die ernüchternde Realität: Jeder sechste Amerikaner, der eine Vollzeitstelle sucht, findet keine. Diese Misere verschärft einen langfristigen Trend: die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Schon vor der Finanzkrise verfügten die obersten 0,1 Prozent der Bevölkerung über ein 220-mal höheres Einkommen als der Durchschnitt der unteren 90 Prozent, rechnet Joseph Stiglitz, Wirtschaftsprofessor der Columbia Universität, vor.

Und in den Obama-Jahren hat sich das Ungleichgewicht vergrößert. Während Topverdiener „bemerkenswert erfolgreich“ ihre Gehälter verteidigt hätten, leide die Mittelschicht unter dem Preisverfall am Immobilienmarkt. Als die Preise dort zwischen 2006 und 2011 um über ein Drittel fielen, sei dies für den Großteil der Amerikaner, die den Kauf über Kredite finanziert hatten, gleichbedeutend „mit dem weitgehenden Verlust ihres Vermögens“ gewesen, beklagt Stiglitz.

Wie weit ist Obama für diese Entwicklungen verantwortlich? Nicht überraschen kann das vernichtende Urteil aus dem konservativen Lager. Die Republikaner, die unaufhörlich die schöpferische Kraft des freien Marktes beschwören, sehen den Präsidenten komplett auf dem Irrweg. Mehr Regierung, mehr Staatsausgaben, mehr Steuern, mehr Regulierung — das sei nicht die richtige Antwort auf die Probleme Amerikas, attackiert Romney den Präsidenten.

Auch die Rettung der Automobilindustrie hat Schattenseiten. Während Chrysler seine Schulden beim Staat beglichen hat, steht General Motors beim Steuerzahler noch immer mit 25 Milliarden Dollar in der Kreide. Der Staat hält im Gegenzug gut ein Viertel der GM-Aktien. Deren Wert müsste sich in etwa verdoppeln, damit der Steuerzahler unbeschadet aus der Rettung herauskommt. Gleichzeitig kann GM gigantische Verluste von 45 Milliarden Dollar aus dem Jahr 2009 mit künftigen Gewinnen verrechnen. Das bedeutet, dass das Unternehmen wohl auf Jahre keine Steuern zahlt.

Obama in der Kritik
Auch das Wachstum der US-Wirtschaft kann Kritiker nicht besänftigen: Knapp mehr als zwei Prozent Plus wären in Europa ein Erfolg, sind nach amerikanischen Standards aber wenig. Die gegenwärtige Wirtschaftserholung sei schwächer als nach jeder anderen der vergangenen zehn Rezessionen, ätzte das „Wall Street Journal“.

Dem Präsidenten wohlgesonnene Ökonomen verteidigen Obamas Konjunkturprogramm — es habe einen noch stärkeren Anstieg der Arbeitslosigkeit verhindert. Obama habe allerdings zu Beginn seiner Amtszeit das Ausmaß der Wirtschaftskrise unterschätzt, deshalb sei das Paket zu klein ausgefallen und habe entsprechend nur eine geringe Wirkung entfalten können. Die Hauptschuld für die Misere sehen Obama-Sympathisanten bei früheren republikanischen Regierungen, die mit ihrer Politik der niedrigen Steuern und laxen Regulierung die Finanzkrise erst begünstigt und die sozialen Gegensätze verstärkt hätten. „Wir haben ihm ein totales Durcheinander hinterlassen, er hat es nicht vollständig ausgeräumt, also feuert ihn, damit wir wieder rankönnen“, verspottete der stets spitzzüngige Wirtschafts­professor Paul Krugman die Kritik der Republikaner an Obama.

Keine Mehrheiten
Was oft übersehen wird: Anders als ein deutscher Bundeskanzler haben US-Präsidenten oft keine Mehrheit im Parlament und es daher schwer, ihre Ideen in Gesetze zu gießen. Obamas Demokraten kontrollieren den Senat — das Repräsentantenhaus aber ist in der Hand der Republikaner. Wie tief die Gräben sind, zeigte sich besonders drastisch, als sich die Lager erst wenige Stunden vor einer Zahlungsunfähigkeit des Landes auf eine neue Obergrenze für die Staatsschulden einigten.

Die Polarisierung der USA wird sich auch nach den Wahlen nicht auflösen. Umfragen sprechen dafür, dass die Pattsituation im Parlament bestehen bleibt. Das könnte verheerende Folgen haben, da zum Jahresende massive Steuersenkungen auslaufen. Gibt es keine Einigung, würde die Steuerlast über Nacht um 600 Milliarden Dollar in die Höhe schießen — ein Schock, der das Land nach Einschätzung vieler Experten in die Rezession schleudern würde.

Ob Obama dann noch Präsident ist? Ray Fair, Professor der Yale-Universität, hat ein Modell, mit dem er allein auf Basis von Wirtschaftsdaten den Sieger der Präsidentschaftswahl voraussagt. Die Trefferquote war bisher hoch. In diesem Jahr ist der Abstand der Kandidaten so gering, dass er innerhalb der statistischen Fehlerquote liegt.

Investor-Info

Konjunktur
Kraftlose Erholung

Die USA haben die Rezession nach dem Finanzcrash schnell überwunden. Aber: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) erholt sich weniger deutlich, als das nach früheren Schwächephasen der Fall war.
BIP Veränderung in Prozent (pdf)

Arbeitsmarkt
Zu wenig Jobs

Anders als in den meisten westlichen Industrienationen wächst die Bevölkerung in den USA. Deshalb braucht das Land jeden Monat 100 000 neue Jobs, um den steigenden Bedarf zu decken. Diese Marke wurde zuletzt oft überschritten. Der Rückstand aus der Krisenzeit ist aber noch immer groß.
Arbeitsplätze Veränd. in Tsd. (pdf)

US-Aktienmarkt
Besser als Europa
Der Dow Jones hat seit Anfang 2009 um knapp 70 Prozent zugelegt. Rechnet man Dividenden dazu, liegt das Plus bei fast 90 Prozent – deutlich mehr als bei DAX und Euro Stoxx 50. Grund: Im Dow sind defensive Branchen höher gewichtet. Gleichzeitig leiden europäische Indizes stärker unter der Eurokrise.

Vontobel US Value Equity
Starke Schwergewichte
Amerikas Wirtschaft wächst stärker als die Europas. Hält die Eurokrise an, dürfte sich dieser Trend fortsetzen. Besonders erfolgreich war Vontobels US-Fonds, der auf Schwergewichte mit eher defensiver Ausrichtung setzt. Mit Aktien wie Coca-Cola und Visa steigerten die Fondsmanager in den vergangenen drei Jahren seinen Wert um rund 70 Prozent.
ISIN: LU0035765741

T. Rowe US Smaller Companies
Attraktive Nebenwerte
Sollte der Aufschwung der amerikanischen Wirtschaft an Fahrt gewinnen, würden davon kleinere Unternehmen überproportional stark profitieren, da sie meist stärker auf den Binnenmarkt ausgerichtet sind. Ein sehr gutes Gespür bei der Aktienauswahl hat der Nebenwertefonds von T. Rowe Price bewiesen. Über die vergangenen drei Jahre hat der Fonds eine Kurssteigerung von rund 70 Prozent erzielt und gehört damit zu den Top-Fonds der Kategorie.
ISIN: LU0133096635

Indexfonds
Kostengünstige Alternativen
Preiswerter als klassische Aktienfonds, dafür aber in der Zusammensetzung unflexibel, sind börsennotierte Indexfonds, die sogenannten ETFs. Mit dem db X-trackers MSCI USA (ISIN: LU0274210672) können Anleger gegen eine jährliche Gebühr von 0,3 Prozent auf die größten US-Aktien setzen. Den technologielastigen Nasdaq 100 bildet ein Papier des Index­anbieters ComStage (LU0378449770) ab. Die jährlichen Kosten liegen hier bei 0,25 Prozent.

In der nächsten Woche lesen Sie Teil 2: Wie die Wahl die Börse bewegt

Bildquellen: SunnyS / Shutterstock.com

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Kommentare zu diesem Artikel

Credit Default Swap schrieb:
Wertung: 1/5

16.10.2012 15:28:10

in der politik im amiland, da sind die millionäre doch unter sich, u die wollen politik für die menschen machen? ich lach mich schlapp!

Credit Default Swap schrieb:
Wertung: 1/5

16.10.2012 14:32:01

kann es sein? u die frage hätte ich auch gerne mal herrn gauk gestellt. das das was die DDR ihren bürgern wirtschaftlich geboten hat, für 50 prozent der amis, das paradis auf erden wäre?
Die USA sind KAPITALISMUS im ENDSTADIUM, seid euch das BEWUSST!!!

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