Vier Prozentpunkte, die viel bedeuten (EuramS)
von Klaus Schachinger
Der Optimismus für eine schnellere Erholung der US-Wirtschaft nimmt weiter zu. Früher als im Sommerloch erwartet, habe US-Präsident Barack Obama US-Notenbankchef Ben Bernanke für eine zweite Amtszeit nominiert, berichtet Jan Hatzius, US-Chefvolkswirt bei Goldman Sachs. Weil sich die Situation der US-Wirtschaft in den vergangenen sechs Monaten deutlich verbessert habe, sei Obamas Votum allerdings eine logische Wahl, meint der US-Ökonom.
Die Entscheidung des Präsidenten ist ein Votum für langfristig niedrige Leitzinsen, um die Kreditvergabe und damit die Erholung der US-Wirtschaft nicht zu gefährden. "Das ist der Standpunkt von Bernanke und der US-Notenbank. Sie gehen davon aus, dass es noch lange dauern wird, bis die ersten Zinserhöhungen möglich sind." Bernankes Mitbewerber um das Amt plädierten für eine ähnliche Politik, meint Hatzius.
Die jüngsten, konjunkturell positiven Signale vom Immobilienmarkt wertet der Ökonom deutlich vorsichtiger als die Optimisten an der Wall Street. Hatzius gehört zu den wenigen Ökonomen in den USA, die früh vor dem Platzen der Blase auf dem Immobilienmarkt warnten.
€uro am Sonntag: Herr Hatzius, die jüngsten Daten aus dem Immobilienmarkt sind ermutigend. Der Case-Shiller-Hauspreisindex legte um 2,9 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu, zum ersten Mal seit drei Jahren. Geht es wieder nach oben?
Jan Hatzius: Wichtig sind aus meiner Sicht nur die saisonbereinigten Zahlen. Auch die sind im zweiten Quartal gestiegen, allerdings nur um 1,4 Prozent. Meine Vermutung ist, dass wir im Herbst wieder Rückschläge sehen werden. Fest steht allerdings, dass der Trend erheblich besser ist als vor sechs Monaten.
€uro am Sonntag: Als Finanzierungsquelle für den Konsum sehen Sie den Markt aber noch nicht?
Hatzius: Das hängt vom Anstieg der Preise ab. Ich vermute, dass es noch nicht so weit ist. Bei einem Anstieg dürfte der Markt wieder eine moderate Finanzierungsquelle werden.Zu einer extremen Entwicklung wie zwischen 2003 und 2006 werden wir lange Zeit, hoffentlich nie, zurückkehren. Die Entwicklung hat sich als Katastrophe herausgestellt.
€uro am Sonntag: Welche Risiken für die US-Konjunktur ergeben sich aus der neuen Rekordverschuldung des US-Staatshaushalts?
Hatzius: Auf mittlere Sicht ist das Rekorddefizit ein Problem, kurzfristig nicht. Denn dadurch, dass die Neuverschuldung der privaten Haushalte kollabiert ist, lässt sich die Verschuldung refinanzieren, weil die Amerikaner sparen und ihre Kredite zurückzahlen. Damit wird der Privatsektor die Staatsbilanzen auf absehbare Zeit reparieren. Doch irgendwann steigt der Kreditbedarf im Privatsektor wieder. Spätestens dann muss sich der Staat zurückziehen, sonst gibt es einen starken Anstieg der langfristigen Zinsen, weil die Konkurrenz um Kapital zunimmt.
€uro am Sonntag: Der größte Anleihefonds Pimco erwartet wegen der enormen Staatsverschuldung einen starken Verlust des Dollar in seiner Bedeutung als Reservewährung.
Hatzius: Ich glaube nicht, dass die hohe Staatsverschuldung zu einem schnelleren Bedeutungsverlust des Dollar oder der US-Volkswirtschaft führen wird. Tendenziell nimmt die Bedeutung der USA innerhalb der Weltwirtschaft zwar weiter ab, nicht zuletzt wegen des Aufstiegs großer Schwellenländer. Ich sehe das aber als ganz langsamen Prozess.
€uro am Sonntag: Wird sich das Zahlungsverhalten des US-Verbrauchers langfristig verändern?
Hatzius: Davon gehe ich aus. Die Konsolidierung im privaten Sektor wird mehrere Jahre dauern. Wenn man bei der Sparquote von zwei auf acht Prozent geht, wird das Wachstum des privaten Verbrauchs in den nächsten Jahren hinter dem Wachstum der Einkommen deutlich zurückbleiben.


