Vier Prozentpunkte, die viel bedeuten (EuramS)
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Hatzius: Mehr als sehr verhaltenes Wachstum wird es nicht geben. Ich sehe keinen Grund dafür, dass sich die US-Verbraucher im Weihnachtsgeschäft stärker zurückmelden. Im dritten Quartal wird der Konsum wegen der Abwrackprämie etwas stärker ausfallen als erwartet. Breiter gefasst, halten sich die Konsumenten stark zurück. Ich denke, dass es so bleibt.
€uro am Sonntag: Ist im Aktienmarkt mit Rückschlägen zu rechnen, weil der Konsum enttäuschen wird?
Hatzius: Das ist nicht unsere Erwartung, zumindest nicht kurzfristig. Denn trotz des schwachen privaten Konsums rechnen wir mit kräftigem Wirtschaftswachstum in der zweiten Jahreshälfte. Auf das Jahr hochgerechnet, sind es drei Prozent. Daher sehen auch unsere Aktienstrategen weiteres, wenn auch nur noch geringes Kurspotenzial.
€uro am Sonntag: Es herrscht also weniger Zuversicht hinsichtlich der mittelfristigen Perspektiven der US-Wirtschaft?
Hatzius: Wegen der temporären, positiven steuerlichen Impulse und des Lagerhaltungszyklus in der Wirtschaft werden wir bis Jahresende stärkeres Wachstum sehen. Wir schätzen, dass die Summe aus diesen beiden Effekten etwa vier Prozentpunkte betragen wird. Unsere Vorhersage für das tatsächliche Wachstum sind drei Prozent. Denn ohne diese beiden Faktoren würde die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) leicht negativ ausfallen. Diese vier Punkte bedeuten eine ganze Menge. Es ist aber ein Stimulus, dessen Wirkung in der zweiten Jahreshälfte 2010 auf null sinken wird.
€uro am Sonntag: Was dann?
Hatzius: Dann stellt sich die Frage, ob das organische Wachstum der Nachfrage ausreichen wird, um den Verlust aufzuwiegen. Wir glauben nein und rechnen mit einer kontinuierlichen Abschwächung des realen Wachstums. Von drei Prozent in der zweiten Jahreshälfte 2009 auf zwei bis Mitte 2010 und schließlich 1,5 Prozent bis Ende 2010.
€uro am Sonntag: Deshalb erwarten Sie in den USA ein weiteres Konjunkturprogramm?
Hatzius: Ja. Wir denken, dass die Arbeitslosenquote ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hat. Wir trauen dem Rückgang im Juli – von 9,5 auf 9,4 Prozent – nicht. Das ist ein temporärer Effekt. Wenn die Arbeitslosigkeit nicht nur hoch bleibt, sondern weiter steigt, ist es gut möglich, dass ein weiteres Programm aufgelegt wird. Wir sehen die Chancen dafür bei 60 zu 40.
€uro am Sonntag: Entscheidend ist dabei also, ob die Arbeitslosenquote in Amerika über zehn Prozent steigt?
Hatzius: Es geht in diese Richtung. Bis Ende 2010 wird die Quote auf 10,25 Prozent steigen.
€uro am Sonntag: Dazu kommt die Erwartung, dass die Arbeitslosigkeit nicht schnell abgebaut wird.
Hatzius: Wir haben noch keine Prognosen für 2011. Aber im historischen Vergleich von Rezessionen – wenn man also mit 2003, zwei Jahre nach der letzten Rezession, vergleicht – könnte stärkeres Wirtschaftswachstum möglich sein. Das Problem ab 2011 ist allerdings die große Menge fiskalischer Restriktionen. US-Präsident Barack Obama wird die Steuersenkungen aus den Jahren 2001 bis 2003 zum größten Teil auslaufen lassen.
€uro am Sonntag: Wie groß könnte das Konjunkturprogramm werden?
Hatzius: 250 Milliarden Dollar, verteilt über drei Jahre, pro Jahr unter hundert Milliarden. Das würde den fiskalischen Gegenwind durch das Auslaufen der Steuersenkungen ab 2011 zum Teil kompensieren.
€uro am Sonntag: Erwarten Sie deutliche höhere Steuern zur Refinanzierung des Staatsdefizits?
Hatzius: Die oberen Einkommensklassen werden künftig höher besteuert. Gleichzeitig werden Steuersenkungen aus der Ära Bush für untere und mittlere Einkommen fortgeschrieben. Das Steuersystem wird progressiver, das ist sicher.
€uro am Sonntag: Mit negativen Auswirkungen für den Investitionsstandort USA?
Hatzius: Die Erhöhung des Spitzensteuersatzes von 35 auf 39,6 Prozent ist noch nicht so stark, dass es zu größeren Verwerfungen kommen wird.
€uro am Sonntag: Wie sehen Sie die Auswirkungen der Gesundheitsreform? Führt die Krankenversicherung für jeden Amerikaner zu einer Europäisierung mit negativen Folgen für das Wirtschaftswachstum?
Hatzius: Nein. Aus dem Bestreben, sowohl das Kostenwachstum im Gesundheitssystem zu dämpfen als auch seine Abdeckung in der Bevölkerung zur erweitern, erwarte ich keine Nachteile für die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft. Das Bestreben der US-Regierung ist aus Sicht der meisten Amerikaner sehr leicht nachzuvollziehen. Über das Wie gehen die Meinungen allerdings auseinander.


