von Wolfgang Ehrensberger, Euro am Sonntag
Bei einem Scheitern der Fusion mit NYSE Euronext will sich die Deutsche Börse „über eine Ausweitung der Produktpalette beispielsweise auf dem Gebiet der Agrarderivate“ stärker im Markt positionieren. „Regional werden wir vor allem versuchen, im asiatischen Raum über Joint Ventures noch stärker Fuß zu fassen“, hieß es in Konzernkreisen.
Nein aus Brüssel erwartet
„Wir sind aus einer Position der Stärke in dieses Fusionsprojekt gestartet, haben nach wie vor ein stabiles Geschäftsumfeld und eine hohe Eigenkapitalrendite, sodass wir für den Fall einer Ablehnung aus Brüssel nicht händeringend nach einem Plan B suchen oder uns in ein neues Fusions-Abenteuer stürzen müssen. Wir können vielmehr den bisher eingeschlagenen Weg fortsetzen“, sagte ein Konzernmanager.
Die EU-Kommission will Medienberichten zufolge am 1. Februar über das Milliardenfusionsprojekt entscheiden. EU-Wettbewerbskommissar Joacquín Almunia hatte sich als härtester Widersacher des transatlantischen Zusammenschlusses erwiesen. Zuletzt hatte es geheißen, dass 25 von 27 EU-Kommissaren sich der Meinung Almunias angeschlossen hätten und das Vorhaben ablehnten. Die EU befürchtet, dass die beiden Börsen in Europa durch den Zusammenschluss ein Monopol im Derivategeschäft schaffen. Die Deutsche Börse widerspricht dieser Darstellung, da sie nur den regulierten Markt einbeziehe, nicht jedoch den unregulierten, der wesentlich größer sei.
Rechtliche Schritte erwogen
Die bislang aufgelaufenen Fusionskosten beziffert der Frankfurter Börsenbetreiber auf 100 bis 120 Millionen Euro. Sie sollen als Betriebsausgaben verbucht und nach Möglichkeit steuermindernd eingesetzt werden, wie es heißt. Eine Vertragsstrafe für das Scheitern der Fusion (Break-up Fee) muss keine der beiden Seiten bei einer Ablehnung durch die EU zahlen. Sie wäre nur fällig gewesen, wenn einer der Fusionspartner von sich aus einen Rückzieher macht.

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Die Deutsche Börse will die EU-Entscheidung außerdem einer Prüfung durch ihre Hausjuristen unterziehen. „Wir werden erst einmal die schriftliche Begründung der EU-Entscheidung abwarten und anschließend von der Rechtsabteilung prüfen lassen, inwieweit rechtliche Schritte möglich sind.“ Eine solche Prüfung sei der Form halber üblich, auch um sich gegenüber den eigenen Gremien abzusichern.
Sonderdividende entfällt
Für die Deutsche-Börse-Aktionäre bedeutet ein Scheitern des Zusammenschlusses erst einmal, dass die für das Zustandekommen versprochene Sonderdividende von zwei Euro entfällt. „Die Sonderdividende wird dann natürlich nicht ausbezahlt, weil sie an das Zustandekommen der Fusion gebunden ist“, hieß es. Die von den Aktionären bereits in Anteilsscheine der neuen niederländischen Holding getauschten Deutsche-Börse-Aktien werden spätestens zum 30. März automatisch zurückübertragen auf Aktien mit der ursprünglichen Wertpapierkennnummer. Aktionäre müssen sich also im Gegensatz zum Tausch in die Fusionspapiere nicht um die Rückübertragung kümmern.
Auch an den Märkten wird inzwischen ein Scheitern der Fusion nicht mehr als Katastrophe gesehen. So zählte die Deutsche Börse in den vergangenen Tagen mit Zuwächsen um vier Prozent zu den größten Tageswinnern im DAX. Seit Jahresbeginn liegt das Papier im Aufwärtstrend, obwohl sich ein Scheitern der Fusion abzeichnet. Analysten wie Philipp Häßler von Equinet befürworten eine Stand-Alone-Strategie und warnen die Börse davor, sich in den nächsten Deal zu stürzen. Ein Scheitern der Fusion sei im Kurs berücksichtigt, mit negativen Bewegungen wird nicht gerechnet.
Was macht Francioni?
Über die Zukunft von Börsenchef Reto Francioni wird dagegen nach wie vor spekuliert. Von der Kapitalseite im Aufsichtsrat ist zu hören, dass der Börsenchef eine Ablehnung der Fusion durch Brüssel nicht zu verantworten habe. „Der Vorstand ist unter Francionis Führung gut vorbereitet in den Zusammenschluss gegangen“, sagte ein Mitglied des Kontrollgremiums. Auch die Arbeitnehmerseite, die energisch gegen den Zusammenschluss gekämpft hat, hält sich mit Rücktrittsforderungen zurück. Medienberichten zufolge könnte Francioni allerdings selbst einen Wechsel in den Aufsichtsrat anstreben.
Bildquellen: Deutsche Börse Group