21.04.2013 19:31

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WDH: Mutmaßlicher Boston-Bomber soll reden und Ermittlern helfen


    BOSTON/WASHINGTON (dpa-AFX) - Nach der dramatischen Festnahme des Terrorverdächtigen von Boston forschen die Ermittler mit Hochdruck nach den Motiven der mutmaßlichen Bombenleger. "Wir hoffen, dass der Verdächtige überlebt, denn wir haben eine Million Fragen", sagte der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick.

    In einem Großeinsatz, der die gesamte Stadt in Atem hielt, hatte die Polizei den 19-jährigen Dschochar Zarnajew am Freitagabend (Ortszeit) im Vorort Watertown aufgespürt und überwältigt. Er liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Sein Bruder und mutmaßlicher Komplize Tamerlan (26) war zuvor auf der Flucht von der Polizei getötet worden.

    Die Ermittler gehen davon aus, dass die Brüder allein gehandelt haben. Über die Hintergründe wird noch gerätselt. Das FBI hatte Tamerlan allerdings bereits 2011 als "radikalen Islamisten" im Visier - ohne Hinweise auf terroristische Aktivitäten zu finden.

    Bei dem Anschlag auf den Boston-Marathon waren am Montag drei Menschen getötet und 180 verletzt worden. Auf der Flucht sollen die Brüder einen Wachmann am Massachusetts Institute of Technology (MIT) erschossen haben.

    Der Zustand des 19-jährigen Dschochar war am Sonntag weiter ernst. Er habe eine Verletzung am Hals erlitten und sei noch nicht in der Lage zu sprechen, berichtete der Nachrichtensender CNN unter Berufung auf einen Bundesbeamten. Er wird im streng bewachten Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston behandelt.

    Nach dem Tod seines Bruders in einem Feuergefecht mit der Polizei hatte er sich verletzt in einem Garten in einem abgedeckten Boot versteckt. Dort entdeckte ihn der Hausbesitzer unter der Plane und wählte den Notruf. Wann gegen Dschochar Zarnajew Anklage erhoben wird, war am Sonntag noch unklar.

    Die Polizei gab inzwischen Details zur Festnahme bekannt. Der 19-Jährige habe nach langer Verfolgung letztlich aufgegeben. "Schließlich tat er, was wir ihm befohlen hatten, stand auf und hob sein Hemd hoch", sagte der Polizeichef von Watertown, Edward Deveau, in einem CNN-Interview. Deveau sprach von "20 Minuten Verhandlungen" mit dem Schwerverletzten. Er räumte allerdings ein, dass Zarnajew dabei "nicht viel gesagt" habe. Er habe aber noch um sich geschossen.

    In Watertown strömten die Menschen auf die Straße und jubelten, als die Festnahme bekanntwurde. Die Bostoner Polizei twitterte um 20.58 Uhr Ortszeit (2.58 Uhr MESZ): "Die Jagd ist aus. Die Fahndung ist vorüber. Der Terror ist vorbei. Und Gerechtigkeit hat gesiegt. Verdächtiger in Haft." Für die Großfahndung war am Freitag der gesamte Großraum lahmgelegt worden, es gab eine Ausgangssperre.

    US-Präsident Barack Obama lobte in einer kurzen Rede im Weißen Haus die Arbeit der Sicherheitsbehörden und kündigte lückenlose Aufklärung an.

    Wie das FBI nach der Festnahme mitteilte, hatte die Bundespolizei den älteren Bruder, Tamerlan, 2011 auf Wunsch einer ausländischen Regierung überprüft. Nach einem CNN-Bericht bestätigte die Behörde inzwischen, dass es sich dabei um Russland gehandelt habe. Das Ersuchen habe sich auf Informationen gestützt, wonach Tamerlan dem radikalen Islam anhänge und sich von 2010 an drastisch verändert habe. 2012 sei er länger in Russland gewesen. Zuletzt habe Tamerlan Vorbereitungen getroffen, die USA zu verlassen, um sich nicht näher beschriebenen Untergrundgruppen anzuschließen, hieß es. Das FBI sprach damals auch mit ihm selbst und Familienangehörigen.

    Welche Höchststrafe Dschochar Zarnajew droht, hängt davon ab, ob er nach Landes- oder Bundesrecht angeklagt wird: Massachusetts kennt keine Todesstrafe, die USA als Bundesstaat aber schon. CNN zitierte einen Beamten aus dem Justizministerium mit den Worten, Zarnajew müsse sich wohl nach Bundesrecht wegen Terrorismus verantworten und nach Landesrecht wegen Mordes. Weiter hieß es, die Polizei habe dem Festgenommenen bisher nicht seine Rechte vorgelesen. Dies sei aber in besonderen Fällen möglich.

    Die Brüder sind nach bisherigen Erkenntnissen tschetschenischer Herkunft, lebten aber mit ihren Familie bereits seit 2002 in den USA. Beide Söhne sind laut FBI in Kirgistan geboren. Dschochar sei inzwischen in den USA eingebürgert, Tamerlan habe eine ständige Aufenthaltserlaubnis gehabt. Bei der Ermittlungen wollen Russland und die USA eng zusammenarbeiten. Bislang allerdings habe Moskau noch keine wertvollen Hinweise liefern können, meldete die Agentur Interfax am Samstag unter Berufung auf Sicherheitskreise.

    Subeidat Zarnajewa, die sich als Mutter der beiden Männer ausgab, sagte dem englischsprachigen Staatsfernsehen Russia Today, ihr Sohn Tamerlan habe sich seit etwa fünf Jahren stark für den Islam interessiert. "Aber er hat nie gesagt, dass er den Weg des Dschihads einschlagen will."/ch/DP/he

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