FRANKFURT (dpa-AFX) - Verluste oder Gewinne - in der neuen Börsenwoche ist Experten zufolge beides möglich. Nach der jüngsten Aktienrally gehen die Ansichten der Marktbeobachter über die weitere Entwicklung auseinander. Während die einen wegen der weiter schwelenden Schulden- und Konjunktursorgen Rückschläge befürchten, prognostizieren die anderen mangels rentabler Alternativen weitere Kursgewinne.
Neue Unruhe könnte der Rating-Rundumschlag von Standard & Poor's (S&P) bringen. Durch die Abstufung von neun Ländern der Eurozone droht auch dem derzeitigen Euro-Rettungsschirm EFSF der Entzug der Bestnote "AAA". In Deutschland werden zudem Befürchtungen laut, auch Europas Musterschüler könnte wie Frankreich seine Top-Bonität einbüßen.
Die Abstufung war allerdings bereits am Freitagnachmittag ein offenes Geheimnis, so dass die Märkte schon zum Wochenausklang auf die bevorstehende Abstufung reagieren konnten. Der Wochenauftakt könnte daher vergleichsweise ruhig verlaufen, zumal die tatsächliche Mitteilung am späten Freitagabend dann keine negativen Überraschungen mehr enthielt. Zudem bleiben am Montag die US-Börsen feiertagsbedingt geschlossen.
"Eine Korrektur würde uns in den nächsten Wochen nicht überraschen" - so lautet etwa das pessimistische Fazit der Landesbank Berlin (LBB). Schuldenkrise und Konjunktursorgen dürften weiter den Ton am Aktienmarkt angeben. Da an beiden Fronten noch keine nachhaltige Entspannung in Sicht sei, "sind die Kursgewinne um den Jahreswechsel mit Vorsicht zu genießen", warnen die Experten. Neben diesen "Kriegsschauplätzen" rücke die an Fahrt gewinnende Berichtssaison zum Schlussquartal 2011 in den Fokus. Zwar sei bei den Zahlen nicht mit "Hiobsbotschaften" zu rechnen. Doch könnten die Ausblicke der Unternehmen verhaltener ausfallen.
Auch charttechnisch sind die LBB-Experten vorsichtig. Zwar habe der Dax (DAX) zeitweise die Marke von 6.200 Punkten geknackt. Eine Besserung für den deutschen Leitindex sei aber erst in Sicht, wenn es ihm gelinge, seine bei 6.400 Punkten verlaufende 200-Tage-Linie sowie das Oktober-Hoch bei 6.430 Punkten hinter sich zu lassen. "Auch der Eurostoxx 50 (EuroSTOXX 50) muss noch Hürden um 2.400 und 2.500 Punkte überwinden, bevor sich das Chartbild aufhellt."
Optimistischer äußern sich dagegen die Experten des Börsenbriefs "Termin-Börse" von Bernecker. Nachdem die Aktienmärkte zum Jahresbeginn "hervorragend aus den Startlöchern" gekommen seien, "besteht eine gute Chance, dass in die Asset-Klasse Aktie wieder erhebliche Liquidität fließt". Ihrer Einschätzung nach "suchen sowohl die privaten als auch die institutionellen Anleger händeringend nach einer auskömmlichen Rendite, die erstklassige Anleiheschuldner längst nicht mehr bieten können". Dazu komme der Druck auf Spekulanten, die mit dem Verkauf geliehener Aktien auf fallende Notierungen gesetzt hätten. Diese müssten sich früher oder später wieder mit diesen Titeln eindecken.
Chefhändler Oliver Roth von der Close Brothers Seydler Bank sieht ebenfalls gute Argumente für steigende Aktienkurse: "Staatsanleihen haben bei konservativen Anlegern wegen der europäischen Schuldenkrise an Attraktivität verloren und die sicheren Bundesanleihen bringen eine Negativrendite." Damit blieben nur noch Aktien oder Immobilien als Alternative. Den Dividendenpapieren gibt er dabei klar den Vorzug: "Wenn man sieht, wie gut unsere Wirtschaft dasteht, sind deutsche Aktien ein gutes Investment." Für diese sprächen auch die günstigen Bewertungen. Dagegen hätten die Preise für Immobilien sich zuletzt schon gut entwickelt. "Außerdem kann man in Aktien schnell rein und wieder raus, was bei Immobilien nicht geht."
In Deutschland stehen in der neuen Woche erst wenige Unternehmenszahlen auf der Agenda. So legt am Dienstag der Handelskonzern Metro (METRO) einen Zwischenbericht vor. Für den Donnerstag haben der Kupferproduzent Aurubis und der Online-Reifenhändler Delticom Jahreszahlen angekündigt. Dagegen läuft die Berichtssaison in den USA schon deutlich hochtouriger. Insbesondere die Geschäftsergebnisse aus dem Banken- und Technologiesektor könnten bei den Aktien der deutschen Konkurrenten für Bewegung sorgen.
Nachdem die Großbank JPMorgan (JPMorgan ChaseCo) zuletzt trotz eines Rekordgewinns die Erwartungen der Experten gerade so erfüllen konnte, werden die Anleger genau hinschauen, wie sich die Konkurrenten schlagen werden. Den Anfang macht die Citigroup am Dienstag, danach folgen - mit je einem Tag Abstand - Goldman Sachs , die Bank of America und Morgan Stanley.
Aus der Technologiebranche legen am Donnerstag einige Schwergewichte wie die Chiphersteller Intel und AMD (Advanced Micro Devices (AMD)) , der IT-Konzern IBM , der Softwarehersteller Microsoft und der Internetkonzern Google Zahlen vor. Bereits am Mittwoch steht die Online-Handelsplattform Ebay (eBay) mit ihrem Geschäftsbericht im Fokus. Und am Freitag legt der Mischkonzern General Electric (GE) Rechenschaft über das Schlussquartal 2011 ab. Konjunkturseitig dürften vor allem die USA die Marktrichtung mitbestimmen.
Den Auftakt machen am Dienstag aber zunächst einmal die deutschen Konjunkturerwartungen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), bevor am Nachmittag der US-Frühindikator Empire State Index in den Blick rückt. Die Tage darauf folgen Daten zur amerikanischen Kapazitätsauslastung und zur Industrieproduktion sowie zum Immobilienmarkt. Bekannt gegeben wird außerdem der Frühindikator Philly Fed Index./gl/ck/he
--- Von Gerold Löhle, dpa-AFX ---