Von Amol Sharma, Paul Beckett und Megha Bahree
THE WALL STREET JOURNAL
NEU-DELHI (Dow Jones)--Es ist noch nicht lange her, da galt Indien als einer der vielversprechendsten Wachstumsmärkte der Welt. Aber unberechenbare Behörden, erdrückende Bürokratie und ein verlangsamtes Wirtschaftswachstum lassen die Investitionen ausländischer Firmen zurückgehen.
Jetzt könnte ein Fall vor dem Obersten Gerichtshof das Klima noch stärker abkühlen. Die Richter müssen darüber entscheiden, ob die britische Vodafone Group umgerechnet etwa 2,04 Milliarden Euro an Steuern nachzahlen muss. Es geht dabei um ein Geschäft im Wert von 8,7 Milliarden Euro mit einer Tochter des Hongkonger Telekomanbieters Hutchison Whampoa.
Würde Vodafone den Prozess verlieren, könnte das Übernahmen und Fusionen in Indien stark bremsen. Die derzeitigen Transaktionsabläufe wären dann zu riskant, neue Klagen und hohe Versicherungskosten würden drohen. Die Entscheidung wird in den kommenden Wochen erwartet.
Geht die Sache für Vodafone schief, werden Investoren "zweimal darüber nachdenken, ob sie in Indien Chancen haben", sagt Mahesh Kumar von der Unternehmensberatung Nishith Desai Associates. "Das könnte die Investmentbranche ernsthaft beschädigen". Seine Firma hatte Vodafone in vorherigen Instanzen betreut.
Vodafone besteht darauf, dass Indien für die Besteuerung des Hutchison-Deals nicht zuständig ist, da es eine Transaktion zweier ausländischer Firmen war. 2007 hatte eine niederländische Tochter der Briten eine Firma auf den Cayman Islands übernommen. Diese hielt eine strategische Beteiligung an einer indischen Tochter von Hutchison Whampoa. Die Regierung sieht das anders, weil das Geschäft indische Vermögenswerte betraf. In erster Instanz gab ein Gericht in Mumbai Neu Delhi recht. Vodafone und die indischen Steuerbehörden wollten dazu nicht Stellung nehmen.
Andere Firmen wie die amerikanische AT&T und die britische SABMiller sind in ähnliche Steuerprozesse verstrickt. Weitere Unternehmen haben von den indischen Behörden saftige Steuerbescheide zugestellt bekommen, so Anwälte.
Eine harte Linie in der Steuerfrage würde das Investitionsklima in Indien weiter kippen lassen. Bereits im vergangenen Monat hatte die Regierung ihre Zustimmung zu Investitionen von Einzelhändlern wie Wal-Mart und Tesco zurückgenommen. Jetzt zweifeln viele andere Firmen an der Glaubwürdigkeit Neu-Delhis.
Gleichzeitig hat das Wirtschaftswachstum auf dem Subkontinent spürbar nachgelassen. Das Bruttoinlandsprodukt, dass zum Ende des Haushaltsjahres am 31. März eigentlich mit einem Anstieg von 9 Prozent erwartet wurde, wird jetzt wohl weniger als 7 Prozent wachsen. Steigende Zinsen machen Investitionen weniger attraktiv. Nach zahlreichen Korruptionsskandalen haben viele Beamte Angst, überhaupt Entscheidungen zu fällen.
Nachdem 2010 noch 22 Milliarden Euro an ausländischem Geld in Indien investiert wurde, flossen 2011 zusammengerechnet 424 Millionen ab.
Offiziell hat Indien erklärt, ausländisches Kapital sei weiter willkommen. Wenn die Wirtschaft sich erhole, würden auch die Investoren wieder Vertrauen fassen. Viele Unternehmen sehen die Zukunft aber eher in düsteren Farben. "Vor zwei Jahren hatten wir hohe Erwartungen. Diese haben sich in Luft ausgelöst", sagt Ansgar Sickert, Chef der indischen Tochter von Fraport. Der Flughafenbetreiber aus Frankfurt hält zehn Prozent am Flughafen Delhi. Aber die Regierung hat ihr Versprechen, weitere Flughäfen zu privatisieren, nicht gehalten. "Es wird viel geredet, Deadlines kommen und gehen, aber nichts Konkretes passiert", so Sickert.
Fraport hat unterdessen ein Auge auf Brasilien geworfen und will das Büro in Delhi in diesem Jahr schließen. Das Luftfahrtministerium gab keinen Kommentar zu den Vorgängen ab.
Ein weiteres deutsches Unternehmen, der Handelskonzern Würth, hat ebenfalls Probleme. Seit 2006 wollen die Schwaben ein Werk im südlichen Bundesstaat Karnataka bauen, konnten aber noch kein Land kaufen. "Es gibt so viele bürokratische Hindernisse, in denen man sich verheddert", sagt Würth-Manager Harsha Adya. Die Firma weigert sich, Mittelsmänner anzuheuern, die Beamte bestechen und so den Prozess beschleunigen. Für viele indische Unternehmen ist das gängige Geschäftspraxis. Auch hier wollten die örtlichen Behörden nicht Stellung nehmen. In China wurde Würth freundlicher aufgenommen. Dort hat die Firma bereits ein 80 Hektar großes Gelände bebaut.
Aber nicht alle Firmen haben Indien aufgegeben. Laut Ford-Chef Alan Mulally bleibt der Autobauer auf dem Subkontinent auf Kurs. Im Juli hatte Ford angekündigt, knapp 800 Millionen Euro in ein neues Werk im Bundesstaat Gujarat zu investieren. "Uns geht es darum, die indischen Verbraucher zu bedienen, und wir sind optimistisch wie nie zuvor", sagte Mulally.
Aber in immer mehr Weltkonzernen wächst der Frust. Der Ölriese BP hatte im August ein Geschäft über 5,7 Milliarden Euro abgeschlossen, um Anteile an der Erschließung von Öl- und Gasfeldern zu erwerben. BP-CEO Bob Dudley beschwerte sich aber im Dezember beim Ölminister über Verzögerungen: "Wenn wir die Genehmigungen zum Beginn der Erkundung auf dem Meeresboden nicht im Dezember bekommen, verlieren wir ein ganzes Jahr in unserem Bemühungen, Gas auf den indischen Markt zu bringen", schrieb Dudley in einem Brief, der dem Wall Street Journal vorliegt. Es ist unklar, ob die Genehmigungen mittlerweile erteilt wurden. Weder BP noch das Ministerium wollten den Vorgang kommentieren.
Von Amol Sharma, Paul Beckett und Megha Bahree, The Wall Street Journal,
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January 12, 2012 07:07 ET (12:07 GMT)
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