Wiederholt sich die Geschichte? (EuramS)
von Jens Castner
Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks hatte Klaus Deppermann den finalen Abverkauf am 9. März und das anschließende Ende der Talfahrt am Aktienmarkt vorhergesagt. Jetzt legt der Technische Analyst in Diensten der BHF-Bank nach und ruft das Ende der jüngsten Zwischenkorrektur aus. "Spätestens im ersten Quartal 2010 steht der Dax bei 6200 Punkten", sagt der Börsenexperte ruhig und ohne den branchenüblichen Brustton der Überzeugung. Unfehlbar sei er natürlich nicht, obwohl er alle erdenklichen Fehler im Lauf seines Leben schon mindestens einmal gemacht habe, scherzt der 51-Jährige. Trotz seiner zuletzt nahezu 100-prozentigen Trefferquote teilen die meisten seiner Kollegen Deppermanns Optimismus nicht. Vor allem Anhänger der Elliott-Wellen-Theorie halten entgegen, dass eine fünfte Ausverkaufswelle noch fehle.
Die müsse zwar nicht "zwangsläufig zu neuen Tiefstständen führen", erklärt Dietrich Denkhaus, Mitglied in der Vereinigung der Technischen Analysten Deutschlands (VTAD). "Doch in den nächsten zwei bis drei Monaten kann es noch einmal richtig ungemütlich werden, bevor sich der DAX wieder in Richtung 5200 Punkte in Bewegung setzt." Marcus Metz von Staud Research sieht längerfristig sogar die Gefahr, dass die Märkte noch einmal auf die Tiefststände aus den Jahren 2002 und 2003 abrutschen. Dieses Szenario sei "selbst dann noch nicht aus der Welt, wenn die Erholung sich noch ein bis zwei Quartale in Richtung 6000 Punkte fortsetzt".
Aus dem Pessimismus der Analystenzunft zieht Deppermann seine Zuversicht.
Stimmungsindikatoren wie der Sentix geben ihm Auftrieb. "In der Umfrage vom 12. Juni zeigten sich die Befragten skeptischer als jemals zuvor. Damit ähnelt die gegenwärtige Konstellation sehr stark der vom Juni 2003", so Deppermann. Damals vor sechs Jahren hatte der DAX gedreht, als die Panik nach dem Abrutschen unter die Marke von 2200 Punkten am größten war. Und drei Monate später, nach gut 50 Prozent Kursgewinn, hatte ebenfalls die Mehrheit der Investoren der ersten Erholungsphase misstraut. Das Ende ist bekannt: Die vermeintliche Bärenmarktrally entpuppte sich als Beginn einer fünfjährigen Hausse. Parallelen zur Vergangenheit findet Deppermann en masse. Die Konstellation im amerikanischen S & P-500-Index erinnert ihn frappierend an den Beginn der Hausse von 1982, die bis ins Jahr 2000 reichte.
Ein noch klareres Bild ergibt sich, wenn man die Charts von 1974/75 und 2008/09 übereinanderlegt. Nicht nur die Kurse verlaufen nahezu identisch – damals hatte der DAX fast exakt ein Zehntel des heutigen Punktestands –, auch das fundamentale Umfeld spricht Bände: "Alles jammerte über die größte Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg", erinnert sich Deppermann. Allerdings ist er nicht der Einzige, der mit solchen Chartverschiebungen arbeitet. Andere legen den aktuellen Chart des Dow Jones über den von 1929 und entdecken ebenfalls beängstigende Ähnlichkeiten.
Ein Irrtum auf der Zeitachse, ist Deppermann überzeugt. "Der Crash von 1929 entspricht dem Platzen der Technologieblase von 2000 bis 2003. Heute befinden wir uns börsentechnisch bereits im Jahr 1938." Doch selbst nach 1938 dauerte es fast ein Jahrzehnt, bis die Börse wieder zum Höhenflug ansetzte. Auch das könne sich wiederholen, glaubt Deppermann – aber nicht in DAX und Dow, sondern an der Nasdaq, die vom 2000er-Hoch bei über 5000 Punkten meilenweit entfernt ist. "Solche Blasen brauchen im Schnitt 21 Jahre, bis sie sich korrigiert haben. Auch Japan ist seit 18 Jahren nicht mehr auf die Beine gekommen." Die nächste Hausse vermutet er deshalb im Rohstoffsektor: "Nach dem Platzen der Goldblase von 1980 hat es bis zur nächsten echten Aufwärtsbewegung ebenfalls 21 Jahre gedauert." Und weil Blasenbildungen historisch meist zum Ende eines Jahrzehnts auftraten, wären die Edelmetalle an der Reihe. "Gut denkbar, dass sich Gold und Silber bis ins nächste Jahr verdoppeln."


