ESSEN (dpa-AFX) - Noch mehr Schadenersatzklagen gegen den früheren Arcandor-Chef (
Arcandor) Thomas Middelhoff: Am Wochenende wurde eine weitere Millionenforderung gegen Middelhoff und andere Ex-Manager des 2009 zusammengebrochenen Konzerns bekannt. Kläger ist ein weiteres Mal Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg. Middelhoff bestreitet alle Vorwürfe und will Görg sogar wegen Prozessbetrugs verklagen.
Der Insolvenzverwalter habe nach einer Schadenersatzforderung von 175 Millionen Euro eine zweite Klage beim Landgericht Essen hinterhergeschoben, bestätigte Görg-Sprecher Thomas Schulz Berichte von "Bild am Sonntag" und "Spiegel". Diesmal geht es um 24 Millionen Euro. Die zweite Klage stammt allerdings schon vom 23. Dezember.
Das sind nicht die einzigen Forderungen, die Middelhoff direkt oder andere Arcandor-Manager betreffen. So will Görg auch von Ex-Karstadt-Chef Stefan Herzberg Schadenersatz. Er macht ihn und womöglich vier weitere damalige Mitgeschäftsführer dafür haftbar, 250 Millionen Euro bei der früheren Konzernmutter Arcandor nicht eingefordert zu haben. Der Betrag stand Karstadt aufgrund eines Ergebnisübernahmevertrags als Verlustausgleich für das Geschäftsjahr 2007/2008 zu, wurde aber nie gezahlt. Karstadt gehört inzwischen dem Investor Berggruen.
Darüber hinaus klagt ein Ex-Anleger gegen Middelhoff. Jan-Eric Peters, Chefredakteur der zum Axel-Springer-Konzern gehörenden "Welt"-Gruppe, fordert rund 5000 Euro, weil er sich von Middelhoff und der Arcandor- Öffentlichkeitsarbeit getäuscht fühlt. Er will unter falschen Voraussetzungen Arcandor-Aktien gekauft haben. Der Journalist klagt als Privatmann. Der Prozess läuft bereits.
In der Klage von kurz vor Heiligabend geht es um knapp 24 Millionen Euro, die Görg von früheren Arcandor-Managern haben will, davon allein 15,9 Millionen Euro von Middelhoff. Neben Middelhoff sind fünf Ex-Vorstände und zwei frühere Aufsichtsratsvorsitzende betroffen.
Ihnen wird unter anderem vorgeworfen, weit überzogene Bonuszahlungen und Abfindungen kassiert oder bewilligt zu haben. So habe Middelhoff für das Geschäftsjahr 2007/08, als der Konzern 746 Millionen Euro Verlust machte, einen Sonderbonus von mehr als zwei Millionen Euro kassiert - für "seinen strategischen Weitblick und die mutigen Entscheidungen in den Jahren 2005 bis 2008", wie es in der Begründung des Aufsichtsrats hieß.
Außerdem soll die Arcandor AG 150.189,55 Euro (netto) für eine von Middelhoff herausgegebene Festschrift zum 70. Geburtstag des ehemaligen Bertelsmann-Chefs Mark Wössner ausgegeben haben. Dabei handelte es sich laut Insolvenzverwalter um ein rein privates Geburtstagsgeschenk ohne Bezug zu Arcandor. In einem anderen Fall soll Middelhoff 2005 einen Flug mit einem Privatjet nach Kanada und zurück über Arcandor abgerechnet haben. Tatsächlich sei er aber für seinen früheren Arbeitgeber, die Londoner Investmentfirma InvestCorp. unterwegs gewesen. 2200 Euro habe er sich auch noch für eine Doppel-Magnum-Flasche St. Emilion für ein Managertreffen in seinem Haus in St. Tropez erstatten lassen.
Die Bonuszahlung in Millionenhöhe hatte Middelhoff schon früher gerechtfertigt. Sie sei 2005 im Zusammenhang mit dem Anstellungsvertrag als langfristiger Erfolgsbonus vereinbart worden. Die Zielkriterien seien zum Teil übererfüllt worden. Auch andere Vorwürfe weist der frühere Top-Manager zurück.
Nach Angaben von Anwalt Hartmut Fromm war die Nutzung des privaten Charterjets vertraglich vereinbart und "dienstlich". Privatflüge mit dem Jet, für die Kosten von 2,3 Millionen Euro angefallen seien, habe Middelhoff selber gezahlt. Das 150 000-Euro-Geschenk, die Festschrift für Wössner, sei im Rahmen einer Arcandor-Präsentation übergeben worden. Die Weinrechnung sei bei einer Vorstandsklausur von Top-Managern nebst Ehefrauen angefallen. Die Kosten habe Middelhoff privat getragen - nur für die Weinflasche aus seinem Weinkeller habe er einen Eigenbeleg angefertigt und abgerechnet.
Fromm: "Es ist jetzt schon absehbar, dass wir uns nach Schadensersatzträumen des Insolvenzverwalters in dreistelliger Millionenhöhe schlussendlich im Bereich des Streits um Spesen vor Gericht bewegen. Was für ein Ergebnis!" Der Insolvenzverwalter verfolge das Ziel, Middelhoff zum Sündenbock zu machen und die weiteren zehn Beklagten in eine "argumentative Sippenhaft" zu nehmen. "Die einzige, die an diesem Verfahren verdient, ist die Kanzlei Görg. Die Insolvenzmasse sieht keinen Cent."/wd/DP/he