ZEITARBEITSBRANCHE
Wo bei der Zeitarbeit Risiken drohen

Zeitarbeit: Risikoreiches Investment
Die Zeitarbeitsbranche boomt wie nie zuvor. Ein Investment birgt inzwischen aber hohe Risiken: Gefahr droht aus Übersee – und von der Politik.von Wolfgang Ehrensberger, Euro am Sonntag
Der Wirtschaftsaufschwung hat der extrem konjunktursensiblen Zeitarbeitsbranche zu einem bislang nie gekannten Boom verholfen. Nach einer Erhebung des Branchenverbands BZA beschäftigte die Branche im Juni 826.000 Mitarbeiter. Inzwischen dürften es mehr als 850.000 sein. Das Niveau erreicht derzeit immer neue Allzeithochs, der alte Höchststand lag im Juli 2008 bei 823.000.
Lohnt deshalb ein Investment in die großen börsennotierten Zeitarbeitsfirmen wie Randstad (Niederlande), Adecco (Schweiz), Manpower (USA) oder in die kleinere, auf höher qualifizierte IT-Leute spezialisierte Amadeus Fire AG (Deutschland)?
Eine eindeutige Antwort darauf ist schwierig. Fest steht: Die Zeitarbeitsfirmen profitieren nicht nur vom Konjunkturaufschwung, sondern auch vom Trend der Industrie, zunächst Zeitarbeitskräfte einzustellen, statt die eigene Stammbelegschaft aufzustocken. Der Trend scheint auf absehbare Zeit ungebrochen. Mit Zeitarbeitskräften wollen sich beispielsweise Maschinenbauer und Autohersteller angesichts konjunktureller Risiken in Übersee ihre Flexibilität erhalten. Die Amadeus-Fire-Aktie jedenfalls hat im Jahresverlauf um zwei Drittel zugelegt.
„Unsere Mitgliedsfirmen bekommen immer neue Anfragen, das geht regional quer durch Deutschland – Regensburg, Münster, Offenburg“, berichtet BZA-Sprecher Michael Wehran.
Damit wächst allerdings auch die Gefahr, dass die Zeitarbeitsfirmen an neue Grenzen stoßen. Denn das Reservoir am Arbeitsmarkt geht allmählich zur Neige. Eine BMW-Sprecherin sagte dazu: „Wir erleben den Arbeitsmarkt für Zeitarbeitskräfte in einigen Regionen als angespannt.“ BZA-Sprecher Wehran geht noch weiter: „Inzwischen werden nicht mehr nur händeringend Ingenieure, Fachkräfte oder Techniker gesucht“, so Wehran. „Der Arbeitsmarkt scheint in manchen Regionen und Branchen praktisch leergefegt.

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Dieses Sonderproblem trifft aber wohl nur für Teile der ohnehin fragmentierten deutschen Zeitarbeitsbranche zu. Den internationalen Arbeitsvermittlungskonzernen droht aus Sicht der Börse von einer ganz anderen Ecke Gefahr. So gerieten in den vergangenen Tagen die Papiere von Adecco und insbesondere von Randstad aus Sorge um eine Abkühlung der Weltkonjunktur stark unter Druck. Randstad landete mit einem Minus von fünf Prozent auf 28,8 Euro sogar auf einem Neunmonatstief.
Das halten einige Analysten zwar für überzogen, sie sehen den Personalsektor wegen der unsicheren wirtschaftlichen Lage allerdings seit Wochen unter Druck. Rückschlagpotenzial ist also reichlich vorhanden.
Auch in Deutschland gehen die Investoren zunehmend in Deckung, allerdings aus anderen Gründen. WestLB-Analyst Henning Cosman hatte bereits am 10. August Amadeus Fire von Kaufen auf Neutral herabgestuft – den einzigen börsennotierten Zeitarbeitsvermittler aus Deutschland. Die Aktie hat seitdem bereits deutlich verloren. Zwar habe das Papier im Jahresverlauf um 64 Prozent zugelegt, erklärt Cosman. „Die Rally ist aber bald vorbei“, so der Analyst weiter. Grund sei nicht nur, dass das Papier inzwischen im Vergleich zur Branche eine faire Bewertung erreicht habe. Belastend wirke sich zunehmend die öffentliche Diskussion über Missstände in der Zeitarbeitsbranche in Deutschland aus, die selbst von FDP-Politikern angeprangert würden.
Auch der Deutschland-Chef des nach eigenen Angaben viertgrößten europäischen Zeitarbeitsunternehmens USG People, Marcus Schulz, sprach zuletzt in mehreren Interviews von unsauberen Tricks im Umgang mit den verliehenen Mitarbeitern. Dabei gebe es nicht nur einige wenige schwarze Schafe. Vielmehr werde systematisch „beim Krankenstand und den Urlaubsansprüchen getrickst, und Mitarbeiter werden falsch eingruppiert“.
Die politische Diskussion darüber könnte nicht nur das aktuelle Geschäftsmodell der Arbeitszeitfirmen in Deutschland infrage stellen, glaubt WestLB-Analyst Cosman. „Sie könnte auch den Aktienkurs von Amadeus Fire negativ beeinflussen.“
Investor-Info
Amadeus Fire
Kurspotenzial ausgereizt
Auf IT-Kräfte ausgelegt, deshalb weniger konjunktursensibel als andere Dienstleister. Die Aktie des Frankfurter Unternehmens ist seit Frühjahr 2009 bereits sehr gut gelaufen. Das Kurspotenzial scheint allerdings ausgereizt. Derzeit allenfalls Halteposition. Beobachten.
Randstad
Konjunktursorgen
Nach einem Umsatzplus von zehn Prozent im ersten Quartal legten die Deutschland-Erlöse im zweiten Quartal um 40 Prozent zu. Deutschland-Chef Eckard Gatzke rechnet für das Gesamtjahr weiter mit positiver Entwicklung. Nachfrageschübe kämen aus der Auto- und der verarbeitenden Industrie. Im internationalen Geschäft überwiegen Konjunktursorgen. An der Börse wird das Papier kritisch bewertet. Halteposition.
Adecco
Unter Druck
Adecco hat mit den Zahlen zum zweiten Quartal die Analystenerwartungen übertroffen. Solides Wachstum in den Hauptmärkten Frankreich, USA und Deutschland. Adecco-Deutschland-Chef Andreas Donges weist darauf hin, dass Zeitarbeit ein Frühindikator der wirtschaftlichen Entwicklung ist. 2011 drohen wegen der Öffnung des EU-Arbeitsmarkts nach Osten regulatorische Lücken. Aktie an der Börse unter Druck. Halteposition.
Bildquellen: Wolfgang Kriegbaum