24.01.2012 03:00
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Was Anleger von China wirklich zu erwarten haben

Ob das Jahr des Drachen auch für Aktionäre ein Fest wird, ist doch recht zweifelhaft
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Das Reich der Mitte feiert Neujahr. Ob das Jahr des Drachen auch für Aktionäre ein Fest wird, ist doch recht zweifelhaft.
€uro am Sonntag

von Martin Blümel, €uro am Sonntag

In China geht das Jahr des Hasen zu Ende, ein Jahr, das für Glück und Harmonie stehen sollte. Für Chinas Konjunktur galt das jedoch nur bedingt. Das Wirtschaftswachstum des Landes ist auf den niedrigsten Stand seit zweieinhalb Jahren gefallen. Nur noch 8,9 Prozent Plus wurden im vierten Quartal erreicht. Das liest sich zunächst gut, gerade im Vergleich zur Entwicklung westlicher Volkswirtschaften. Sorgen macht jedoch, dass der Trend in China nach unten geht.

Im Vorjahr hatte das Land noch ein Plus von 10,4 Prozent erzielt. Und in diesem Jahr soll die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt den Schätzungen der Analysten zufolge nur noch um sieben bis acht Prozent wachsen. Pessimisten erwarten gar einen weit drastischeren Konjunktureinbruch. „Ich gehe von durchschnittlich drei Prozent Wachstum über die nächsten zehn Jahre aus“, sagt Michael Pettis, Ökonomie-Professor an der Universität Peking.

Selbst Chinas Politiker machen keinen Hehl daraus, dass die Dinge sich verschlechtern. Offizielle Verlautbarungen sind gespickt mit Vokabeln wie „düster“, „ernst“ und „kompliziert“. Kein gutes Omen für das neue Jahr, das nach chinesischem Kalender am Montag beginnt und im — eigentlich positiv besetzten — Zeichen des Drachen steht. Als Symbol des Kaisers versinnbildlicht es Weisheit, Glück und Erfolg — auch bei geschäftlichen Angelegenheiten.

Die Prognosen von Astrologen und Ökonomen passen also nicht recht zusammen. Und behielten die Volkswirte um Professor Pettis recht, dann hätte China ein Problem: Bedingt durch den technischen Fortschritt und effizientere Produktionsverfahren ist ein gewisses Mindestwachstum notwendig, um die Beschäftigung im Land zu sichern.

Dramatische Landflucht
Sieben Prozent Wachstum hat die Regierung in Peking als Untergrenze ausgegeben. Denn in Chinas Landwirtschaft gibt es nach wie vor einen Überschuss an Arbeitskräften von mehreren Hundert Millionen Menschen, die in die Städte drängen. Mit dramatischen Folgen: Zum Jahreswechsel leben erstmals mehr Chinesen in den Städten als auf dem Land — insgesamt schon 675 Millionen.

Hält die Zielmarke von sieben Prozent Wachstumsplus nicht, müsste sich auch die Welt Sorgen machen. China ist der größte Markt der Welt, die stärkste Exportnation, der reichste Devisenbesitzer und der wichtigste Gläubiger Amerikas. Und da Nordamerika, die Europäische Union und Japan mit rezessiven Tendenzen kämpfen, ist ein stabiles Wachstum in China für das weltwirtschaftliche Gefüge unabdingbar.


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Die geringeren Wachstumserwartungen und die Angst vor einem Absturz zeigt sich auch an den Märkten. Zwar legte die Börse Shanghai nach Veröffentlichung der Quartalszahlen am Dienstag um vier Prozent zu, auf längere Sicht ist die Börse aber klar im Abwärtstrend. Seit dem Höchststand im Oktober 2007 ging es um 60 Prozent nach unten. Besser sieht es mit den Nachbarbörsen aus, die eng mit der Wachstumsstory China verknüpft sind, etwa die Handelsplätze in Hongkong und Taiwan. Auf mittlere Sicht ähnelt die dortige Entwicklung der Indizes dem Auf und Ab der Weltleitbörsen in New York, London oder Frankfurt, wenngleich mit ausgeprägteren kurzfristigen Trends.

Begrenzte Mittel
Dass Chinas Börse und Konjunktur schwächeln, ist ein hausgemachtes Problem. „Das Land zahlt jetzt den Preis für das extreme Wachstum der Vergangenheit“, sagt Professor Pettis. „In den vergangenen 20 bis 30 Jahren wurde die Wirtschaft massiv mit Investitionen angeschoben. Man ist dadurch mehr denn je von Exporten und Investitionen abhängig. Wenn diese beiden Posten aber wie erwartet nachlassen und der Konsum nicht massiv zunimmt, kollabiert das Wachstum.“

Was wird man also in China tun? Akzeptiert die Zentralregierung in Peking das langsamere Wachstum oder wird sie gegensteuern? Entscheidend könnte sein, dass im Herbst der Posten des Premierministers neu besetzt wird, ebenso der des Parteivorsitzenden, der auch Präsident der Volksrepublik wird. Eine schwache Wirtschaft käme da ungelegen. Jedoch: Pekings Gegenmittel sind begrenzt. Von der Investitionsabhängigkeit will man sich bekanntlich lösen, ebenso von der ungezügelten Kreditvergabepraxis der Banken, die zu einer veritablen Immobilienblase geführt hat. Hinzu kommt, dass die Volksrepublik offiziell zwar eine sehr niedrige Verschuldung ausweist, versteckte Schuldenberge der Lokalregierungen und Staatsunternehmen sich aber zu einem Problem auswachsen.

Trotzdem wird heftig darauf spekuliert, dass Peking die Wirtschaft ankurbelt. Immerhin hat sich der Inflationsdruck abgeschwächt, von 6,5 Prozent im Sommer vergangenen Jahres ist die Steigerungsrate bei den Verbraucherpreisen zuletzt auf 4,1 Prozent gesunken.

Eine lockerere Geldpolitik oder andere ankurbelnde Maßnahmen — etwa Subventionen für Konsumausgaben, wie sie erstmals während der Finanzkrise eingeführt wurden — dürften der entscheidende Faktor für die Börsenentwicklung 2012 werden. So ziemlich alle Analysten berufen sich in ihren Prognosen auf den großen Einflussfaktor Politik. Das Brokerhaus Guotai Junan etwa, das als einziges die Baisse der letzten zwei Jahre vorhergesehen hat, rechnet mit stark steigenden Kursen, da „Peking durchgreifen wird“. Im Gegensatz dazu erwartet die führende Investmentbank China International Verluste, weil der Inflationsrückgang für eine aggressive geldpolitische Wende nicht ausreiche.

Investor-Info

China-Indizes
Die Vielfalt verwirrt

Anleger verstört die große, historisch bedingte Anzahl von China-Indizes. Shanghai war schon immer der wichtigste Handelsplatz. Die Gründung der Sonderwirtschaftszone Shenzhen löste dort einen Boom aus, was die Entstehung einer lokalen Börse forcierte. Hongkong ist seit jeher ein wichtiger Finanzplatz. Da China fremden Investoren lange verschlossen war, gingen diese den Umweg über Hongkong, weshalb dort viele China-Indizes entstanden. Die wichtigsten werden im Folgenden erklärt.

Shanghai-B-Shares-Index
Vorrangig für Ausländer

B-Shares werden in Shanghai und Shenzhen gehandelt. Nur Ausländer und einheimische Vermögensverwalter können sie kaufen. Der Shanghai-B-Shares-Index ist der liquidere Markt. Die Titel notieren in US-Dollar. Enthalten sind 53 chinesische Firmen. Der Markt ist nur schwach reguliert. Das KGV für 2013 beträgt 7,5. Der Trend zeigt schon längere Zeit nach unten. RBS hat ein Zertifikat im Angebot.

CSI-300-A-Shares-Index
Vorrangig für Einheimische

Nur Einheimische und institutionelle ausländische ­Investoren mit Lizenz dürfen die 300 in Shanghai und Shenzhen in Renmimbi notierten A-Shares erwerben. Der CSI-300-Index, auf den RBS ein Zerti­fikat offeriert, bildet den festlandchinesischen Aktienmarkt breit ab. Das 2013er-KGV beträgt 9,8. Der Index hat vor Kurzem nach oben gedreht. Ob das nachhaltig ist, bleibt abzuwarten.

Red-Chips-Index
Der Staat mischt mit

Der China-Red-Chips-Index umfasst 25 chinesische Firmen, die in Hongkong ihren Sitz haben. Die Geschäftsaktivitäten spielen sich aber vorwiegend in China ab. Der Staatsanteil Pekings beträgt mindestens 30 Prozent. Die 25 Titel notieren in Hongkong-Dollar. Das 2013er-KGV beträgt elf. Der Markt ist gut reguliert, was Ausländer anzieht. Seit Oktober 2011 ist das Barometer in Hausse-Laune. Mit einem RBS-Zertifikat partizipieren Anleger vom Momentum. Wie bei den beiden anderen RBS-Zertifikaten ent­gehen Anlegern dabei die Dividenden. 

Hang Seng China Enterprises
Die China-Benchmark

Der für Ausländer wichtigste China-Index ist der Hang-Seng-China-Enterprises-Index (HSCEI). Dort sind die 40 wichtigsten chinesischen Aktiengesellschaften zusammengefasst, die in Hongkong (in Hongkong-Dollar) notieren. Daher heißen sie kurz auch H-Aktien. Das Barometer wurde 1994 konzipiert, um Ausländern die Anlage in festlandchinesische Unternehmen zu ermöglichen. Die Kapitalmärkte Chinas waren damals noch verschlossen. Im Lauf der Jahre entwickelte sich der HSCEI zu einer Art China-Benchmark. Mit dem ETF von Lyxor können sich Anleger engagieren. Die Regulierung ist ähnlich gut wie beim Red-Chips-Barometer, weshalb die Indizes sich relativ synchron entwickeln. Derzeit weist der HSCEI bei einem attraktiven 2013er-KGV von acht ein starkes Aufwärtsmomentum auf.

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