Zwei Jahre Krise - und nun? (EuramS)
von Carl Batisweiler und Sven Parplies
Am Anfang stand der Wunsch nach einer besseren Welt. Der Schrecken der Terroranschläge vom 11. September 2001 war noch nicht verdaut, die Wirtschaft weltweit litt noch unter dem Platzen der Dotcom-Blase, da beschloss Alan Greenspan, Chef der US-Notenbank Fed, die Geldschleusen zu öffnen. Er senkte die Leitzinsen und versorgte die US-Banken mit billigem Geld.
Ein im Konjunkturtief normales Verhalten. Doch das Fed-Geld sorgte für einen nie da gewesenen Boom im US-Häusermarkt und in der Folge für einen steilen, jahrelangen Anstieg der US-Konjunktur. Und nie da gewesene Wachstumsraten der Weltwirtschaft. Die Ursache: Eine schon in den 70er-Jahren beginnende Reihe von Gesetzesänderungen hatte das politische Ziel des "Fair Lending" umgesetzt. Mit diesen Gesetzen wurden US-Banken gedrängt, teure Kredite für den Eigenheimkauf auch an US-Bürger ohne ausreichende Bonität zu vergeben – sogenannte Subprime-Kredite.
Die beiden halbstaatlichen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac hatten bis 2007 Hypotheken im Wert von etwa 5,3 Billionen US-Dollar gekauft oder verbrieft. Das war etwa die Hälfte des amerikanischen Hypothekenmarkts. Die verbrieften Sicherheiten (Asset Backed Securities, ABS, oder Mortgage Backed Securities, MBS) werden von Banken weltweit aufgekauft. Im Frühjahr 2007 beginnen die unsinkbaren Hauspreise zu sinken.
Die schöne neue Welt, auf die der Fed-Chef und die damalige US-Regierung unter Präsident George W. Bush spekuliert hatten, geriet zum globalen Desaster. Die Krise, die mit Subprime, mit einer geplatzten Immobilienblase begann, hat den ganzen Globus erfasst. Die Unternehmen, die Finanzwelt, die Politik. Und sie hat sie grundlegend verändert.
"Diese Wirtschaftskrise hat alles in den Schatten gestellt, was in den 100 Jahren davor weltweit auf den Märkten passiert ist", sagt etwa Jörg de Vries-Hippen, Leiter European Equities bei Allianz Global Investors. Und Philipp Vorndran vom Kölner Vermögensverwalter Flossbach & von Storch ist überzeugt: "Die Finanzkrise ist ein Gezeitenwende."
Nie zuvor hatten unterschiedlichste Anlageklassen gleichzeitig so viel an Wert verloren – Immobilien, Aktien, Staats- und Unternehmensanleihen, Private Equity. Vier Billionen Dollar Vermögen sind durch die Finanzkrise vernichtet worden, kalkuliert der Internationale Währungsfonds. Legendäre Unternehmen wie General Motors, die Citigroup oder General Electric wurden an den Rand des Ruins gedrängt. Drei der fünf großen Investmentbanken der Wall Street sind zusammengebrochen.
Nie zuvor hatte eine Krise so konzertierte Aktionen der Notenbanken verursacht: Von Peking über Frankfurt, Reykjavik bis New York haben sich die Staatsbanker zusammengeschlossen und versuchen nun im Verbund, die Währungs- und Bankensysteme in aller Welt am Laufen zu halten.
Und nie zuvor haben Regierungen rund um den Globus so gigantische Rettungs- und Stimulierungspakete beschlossen, um die nationale Wirtschaft vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Zusätzlich einigten sich die Staats- und Regierungschefs der 20 größten Industrie- und Schwellenländer (G20) darauf, den Finanzmärkten insgesamt 1,1 Billionen Dollar an zusätzlichen Mitteln zur Verfügung zu stellen, mit denen vor allem ärmere Länder vor den schlimmsten Auswirkungen der Krise bewahrt werden sollen. Die Rettungsmaßnahmen, die immer noch laufen und in der Realwirtschaft wohl erst 2010 wirklich wirksam werden, überdecken allerdings den Wandel, den die Krise eingeleitet hat. Die Spielregeln des globalen Handels und der Wirtschaft werden sich verändern, aber auch die Player, die die nächsten Spielzüge beeinflussen.


