von Stephan Bauer, €uro am Sonntag
Der Erfolg des großen Rivalen lässt Stefan Groß-Selbeck zumindest nach außen hin unbeeindruckt. „Natürlich beschäftigen wir uns mit dem Wettbewerber. Wir kommen aber zu dem Schluss, dass Networking für die meisten Menschen ein lokales Phänomen ist. Genau dort liegt unsere Stärke“, sagt der Vorstandschef von Xing, dem hierzulande größten Internetnetzwerk für Berufstätige.
Der große Rivale der Hamburger heißt LinkedIn. An dem US-Unternehmen wird Groß-Selbeck permanent gemessen, ob er will oder nicht. Linked-In ist die weltweite Nummer 1 bei den professionell orientierten sozialen Netzwerken. Die Amerikaner lösten im Mai mit ihrem spektakulären Debüt an der Wall Street eine neue Internet-Euphorie aus. Auch deshalb erlebte die Aktie von Xing einen rasanten Aufschwung.
Übernahmegerüchte trieben den Kurs des deutschen Netzwerkbetreibers zusätzlich. Im Zentrum der Spekulationen: LinkedIn. Xing könne für die Amerikaner wegen der Stärke auf dem deutschen Markt ein attraktives Ziel sein, so das Kalkül der Börsianer. Seit Anfang des Jahres legte die Xing-Aktie um über 30 Prozent zu. Das ist – trotz jüngster Gewinnmitnahmen – die beste Performance im TecDAX.
Marktpotenzial in Deutschland
Groß-Selbeck mag den Vergleich mit dem US-Rivalen dennoch nicht. Viel lieber verweist der Xing-Chef auf das Marktpotenzial im Kernmarkt Deutschland. Rund fünf Prozent Verbreitung unter Internetnutzern habe man hier – und wachse schneller als LinkedIn. Die Marktdurchdringung liege in vergleichbaren internationalen Märkten im Schnitt etwa beim Dreifachen. Es gebe also Potenzial, schließlich seien die Deutschen keine Technikmuffel, bloß langsamer. „Wir wollen unsere Mitgliederzahl im deutschsprachigen Raum in den kommenden Jahren verdoppeln. Das dürfte aber nicht das Ende der Fahnenstange sein“, sagt Groß-Selbeck.
Die Attraktivität der Berufstätigennetze besteht darin, dass deren Mitglieder hoffen, damit ihre Karrierechancen zu verbessern. Schließlich bringen die Profi-Netze Berufstätige vieler Branchen mit potenziellen Arbeitgebern zusammen. Das Mitgliederwachstum war in den vergangenen Quartalen dennoch recht bescheiden. Im deutschsprachigen Raum gewann Xing im jüngsten Quartal 210.000 Mitglieder hinzu – ein Plus von vier Prozent gegenüber dem Vorquartal. Die Zahl der Premiumkunden, die für detailliertere Informationen zu ihren Netzwerkkontakten regelmäßige Abo-Gebühren bezahlen, stieg lediglich um gut ein Prozent.
Der Abstand zum US-Konkurrenten wird damit immer größer: Linked-In gewann im gleichen Zeitraum 15 Millionen Mitglieder und verdoppelte den Umsatz auf mehr als das Zwölffache von Xing (siehe Investor-Info). Allerdings haben die Hamburger auch eine andere Strategie: Statt weltweit auf Expansion zu setzen, versucht Xing möglichst wirkungsvoll in seiner Nische zu agieren. Bisher gelingt das gut: Im Gegensatz zu den Amis schreibt der TecDAX-Wert Gewinne.
Um künftig wachsen zu können, müssen allerdings immer wieder neue Geschäftsmodelle kreiert werden. Erst vor zwei Wochen erfand Xing die Sales-Mitgliedschaft, einen gebührenpflichtigen Status, der Unternehmenskunden vielfältige Vertriebsmöglichkeiten innerhalb der Xing-Gemeinde eröffnet. Zuvor hatte die Firma ihre Seiten speziell für Studenten angepasst und die Plattform für die Kommunikation mit mobilen Geräten wie Smartphones ausgebaut.
Neue Geschäfte wachsen schnell
Die sogenannten Verticals – das sind neue Geschäfte rund um die Mitgliedschaft – sieht Groß-Selbeck als Schlüssel zum künftigen Erfolg. Vor allem der Bereich Jobvermittlung – auf Englisch: E-Recruiting – ist vielversprechend. Personaler oder Headhunter suchen auf Xing gezielt nach Kandidaten mit bestimmten Profilen, geben Annoncen auf und zahlen hierfür Gebühren. Zuletzt legte der Umsatz hier um rund 60 Prozent zu.
Dass das Geschäft Potenzial hat, zeigt der Wettbewerber. LinkedIn erzielt 50 Prozent des Umsatzes im E-Recruiting. Bei Xing liegt der Umsatzanteil der Sparte noch bei knapp einem Fünftel. Berücksichtigt man die übliche Verzögerung, mit der sich Webanwendungen hierzulande im Vergleich etwa zu den USA oder Großbritannien verbreiten, so lässt das auf gute Chancen der Hamburger schließen. „Jährliche Wachstumsraten von mehr als 30 Prozent sind hier mittelfristig drin“, schätzt ein Analyst.

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Das Problem der Hamburger, die dünnen Neuzugänge, ist dadurch jedoch nicht gelöst. Deshalb plant Xing eine Werbeoffensive. Bei vielen Angestellten der Medien- oder Telekommunikationsbranche sei man weit verbreitet, sagt Groß-Selbeck. In der Industrie oder in der Automobilbranche habe Xing jedoch Defizite. „Anfang nächsten Jahres wollen wir bestimmte Branchen gezielt angehen“, sagt der Vorstandschef. Es bringe schließlich nichts, nur nach dem großen Rivalen zu schielen.
Investor-Info
Der Vergleich
US-Netzwerk dominiert
Die Amerikaner sind weltweit aktiv und treiben ihre internationale Expansion rasant voran. Der Unterschied zur lokal agierenden Xing ist gewaltig: Von Juli bis September machte LinkedIn über 100 Millionen Euro Umsatz, rund sechsmal mehr als Xing, und zählte mit 131 Millionen fast zwölfmal so viele Mitglieder wie die Hamburger. Das Umsatzwachstum der Hanseaten von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum ist respektabel, das Niveau mit zuletzt 16,6 Millionen Euro Umsatz im Quartal vergleichsweise bescheiden. Frappierend ist der Unterschied beim Mitgliederzuwachs in den Monaten Juli bis September: Hier bringt es LinkedIn auf ein Plus von rund elf Prozent, Xing trotz der bedeutend niedrigeren Basis bloß auf drei Prozent. Ein bedeutender Unterschied liegt freilich auch im Ergebnis: Während LinkedIn Verluste schreibt, erzielen die Norddeutschen Gewinne – obwohl auch Xing hohe Investitionen für die Entwicklung neuer Geschäftsbereiche ausweist.
Linkedin
Zu hoch bewertet
Auf den ersten Blick spricht vieles für die Aktie des US-Weltmarktführers bei professionellen sozialen Netzwerken – vor allem das nach wie vor hohe Wachstum bei Mitgliederzahlen und Umsatz. Die Bewertung des Papiers ist allerdings mit einem KGV von mehr als 100 für 2012 außerordentlich hoch – und die Erwartungen der Börsianer entsprechend groß. Kommt es zu einer Korrektur bei Internetwerten, sind hohe Kursabschläge zu erwarten. Deshalb raten wir von einem Kauf der Aktie ab.
Xing
Einstiegsgelegenheit
Die Hamburger haben eine Schwäche beim Mitgliederwachstum. Dennoch halten wir das Geschäftsmodell für aussichtsreich und die Strategie des Vorstands, sich auf den Ausbau der Dienstleistungen für die Network Community zu konzentrieren, für richtig. Insbesondere das Segment E-Recruiting bietet großes Wachstumspotenzial. Die Bewertung der Aktie ist gemessen am geschätzten Gewinnwachstum 2012 von über 25 Prozent moderat. Der Vorstand schließt zudem eine Dividende auch für das laufende Jahr nicht aus. Die Aktie hat binnen drei Wochen um 30 Prozent korrigiert und ist wieder kaufenswert. Anleger steigen an schwachen Tagen ein.
Bildquellen: Xing