von A. Hohenad, S. Parplies u. E. Eder, €uro am Sonntag
Für die Kameras ist es das perfekte Motiv: Wenn Robert Halver, Kapitalmarktanalyst der Baader Bank, im Handelssaal der Frankfurter Börse weilt, prangt hinter ihm die große DAX-Tafel. Und vor diesem Hintergrund liefert er den Medien genau das, was sie suchen: die Emotionen zum Auf und Ab der Börse. Sei es ein zerknirschter Blick, eine nüchterne Miene oder ein erlöstes Lachen.
Zu Letzterem hatte Halver seit Jahresanfang ziemlich oft Gelegenheit. Denn nach all den gedämpften Prognosen, die Ende 2011 kursierten, ist die Entwicklung der Aktienmärkte seit Jahresanfang eine echte Überraschung. Selbst halbwegs optimistische Prognosen zum DAX, die Finanzprofis vor dem Jahreswechsel herausgegeben hatten, sind mittlerweile von der Realität überholt.
So hatte €uro am Sonntag Anfang Dezember führende Banken und Investmenthäuser zu ihrem Kursziel für den DAX am Jahresende 2012 befragt. Das Ergebnis im Durchschnitt: 6.430 Punkte. Am Montag, dem 23. Januar, schloss der deutsche Leitindex bereits bei 6.436 Punkten. Und zwischenzeitlich hat er noch mal rund 300 Punkte draufgesattelt.
Offensive der Notenbanken
„Die großzügige Liquiditätspolitik der Notenbanken hat dafür gesorgt, dass die Eurokrise und eine mögliche Staatspleite Griechenlands an den Aktienmärkten nicht mehr als akute Bedrohung gesehen werden“, sagt Analyst Halver. Kurz vor Weihnachten hatte die EZB knapp 500 Milliarden Euro in Europas Bankensystem gepumpt. Und bereits Ende Februar sollen sich die Institute erneut Geld für drei Jahre bei der EZB leihen können — in unbegrenztem Umfang und zu Minizinsen. Auch die US-Notenbank Fed will bis Ende 2014 die Zinsen faktisch bei null belassen.
Daneben hat sich in den vergangenen Wochen auch das konjunkturelle Bild aufgehellt. In Deutschland stieg der Ifo-Geschäftsklimaindex das dritte Mal in Folge, und auch die Auftragseingänge der deutschen Industrie überraschten zuletzt positiv. Ebenfalls kommen aus den USA vermehrt positive Daten zur Beschäftigung und zum Immobilienmarkt. „In den Vereinigten Staaten und den Schwellenländern wird die Wirtschaft in diesem Jahr wachsen. Davon profitieren auch die Unternehmen in Europa“, sagt Halver.
Auf der anderen Seite schwelt immer noch die Gefahr, die von Griechenland ausgeht. Eine ungeordnete Insolvenz des Krisenstaats würde dem Höhenflug der Weltbörsen schnell wieder ein Ende bereiten. Zumal sich dann die Sorgen um Wackelkandidaten wie Portugal, Irland oder Italien enorm verstärken.
Auch wenn ein Einstieg in Aktien derzeit verlockend erscheint, sollte er doch entsprechend der persönlichen Erwartung und Risikoneigung erfolgen. €uro am Sonntag hat deshalb Anlageempfehlungen für drei unterschiedliche Investortypen zusammengestellt. Die jeweiligen Tabellen mit ausgewählten Aktien, Fonds und Indexpapieren sind dabei nicht als Musterdepots zu verstehen. Anleger können sich dort gezielt Investments herauspicken, die ihrer Strategie und ihrem Risikobewusstsein entsprechen.
Für Offensive
Beta, Banken & Barrieren
Aktionäre von Leoni brauchen starke Nerven. In den vergangenen fünf Jahren pendelte der Kurs hektisch zwischen 45 und fünf Euro. Kein Industriewert im deutschen HDAX schwankt stärker. Grund: Das Geschäft des Automobilzulieferers ist stark zyklisch. Da werden Anleger schnell nervös, wenn sich die Großwetterlage verschärft.
Genauso rasant steigt die Stimmung, wenn sich die Situation entspannt. Aktuell ist Leoni einer der begehrtesten Titel an den Börsen — seit Jahresbeginn hat die Aktie mehr als 30 Prozent an Wert gewonnen.
Die Schwankungsbreite einer Aktie im Vergleich zum Gesamtmarkt wird unter Börsianern als Beta bezeichnet. Im HDAX weisen 17 Aktien einen Betafaktor von mehr als 1,2 auf, schwanken also mindestens 20 Prozent stärker als der Index. Nachhaltig dürften die Kurse aber nur dann zulegen, wenn sich auch die fundamentale Situation der Unternehmen verbessert. Da an der Börse die Zukunft gehandelt wird, sind die Gewinnschätzungen der Analysten wichtiger als die tatsächlich erzielten Gewinne der Vergangenheit.
Die Redaktion hat deshalb jene Titel unter den Beta-Aktien herausgefiltert, bei denen die Gewinnschätzungen für die Geschäftsjahre 2011 und 2012 in den vergangenen vier Wochen nach oben geschraubt worden sind. Ergebnis: Nur vier Aktien mit einem Beta über 1,2 weisen einen positiven Gewinntrend auf — neben Leoni sind es Daimler, Gea Group, Lanxess und Rheinmetall.
Topaktien müssen nicht zwingend zu den Verlierern des Vorjahres gehören. Substanzstarke Unternehmen haben selbst während der turbulenten Monate der Griechenland-Krise ihren Wert gesteigert und legen auch jetzt weiter zu. Bilfinger Berger, Fresenius und Gerry Weber haben in diesen Tagen sogar ein Allzeithoch markiert. Adidas steht kurz vor dem Ausbruch. Das Allzeithoch gilt unter Charttechnikern als besonders schwer zu überwindende Barriere. Ein Durchbruch ist daher ein starkes Kaufsignal.

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Besonders deutlich gestiegen sind zuletzt auch Aktien der Banken. Aareal Bank, Deutsche Bank und Commerzbank werden noch immer deutlich unter Buchwert gehandelt. Das lässt Raum für weitere Kurssteigerungen, auch wenn die Risiken noch immer enorm sind. Über börsennotierte Indexfonds (ETFs) können Anleger das Risiko breiter verteilen. Comstage bietet einen ETF, der die Kursentwicklung aller großen europäischen Bankaktien abbildet. Größte Positionen sind die britische HSBC und die spanische Banco Santander. Wer über verschiedene Branchen hinweg in Profiteure einer allgemeinen Konjunkturerholung investieren will, dem bietet iShares einen ETF (Euro Stoxx Total Market Growth Large), der auf große europäische Wachstumswerte setzt. Rund die Hälfte des Portfolios besteht aus deutschen Aktien wie Siemens, SAP und Bayer.
Mit sogenannten Leverage-ETFs können Anleger die Entwicklung des DAX aufpeppen. Der db x-trackers LevDAX Daily hebelt die tägliche Performance des Index annähernd um den Faktor 2.
Im Überblick: Fünf Investments für offensive Anleger (PDF)
Für Vorsichtige
Risiko rausnehmen
Ist es vielleicht schon zu spät? Diese Frage stellen sich Anleger, die Angst davor haben, nach dem starken Anstieg seit Jahresbeginn noch hinterherzuspringen.
Denn auch 2011 waren Januar und Februar an den Börsen freundlich. Wer sich damals aber verleiten ließ, noch auf den fahrenden Zug aufzuspringen, erlitt im Jahresverlauf hohe Einbußen. Doch auch wer dieses Jahr sehr vorsichtig agieren will, findet Anlagemöglichkeiten.
Mit defensiven Produkten haben Investoren deutlich weniger Risiko, partizipieren aber dennoch an einer weiteren Hausse. Eine Möglichkeit dazu ist das Deep-Cap-Bonuszertifikat der DZ Bank auf den Euro Stoxx 50. Sinkt der Europa-Index bis zur Fälligkeit Ende Dezember 2013 von derzeit 2.503 Indexpunkten nie auf die Barriere von 1.450 Zählern, das ist immerhin ein Risikopuffer von 42 Prozent, erhalten Anleger den Gegenwert von 3.000 Euro-Stoxx-Punkten ausgezahlt. Das entspricht einem Bonusbetrag von 18,30 Prozent oder 9,45 Prozent maximaler Jahresrendite. Nur wenn die Untergrenze während der Laufzeit touchiert wird, entfällt die Sicherheitsfunktion. Dann gibt es zur Fälligkeit den Gegenwert des Euro Stoxx 50 zurück, was hohe Verluste bedeuten kann. Seit seinem Start Anfang 1999 war der Euro Stoxx 50 jedoch noch nie auf einem so tiefen Niveau — weder nach dem Platzen der Technologieblase noch nach der Finanzkrise.
Ebenfalls sehr defensiv ist das DAX-Discountzertifikat von Goldman Sachs. Investoren steigen mit fast 31 Prozent Rabatt zum jetzigen Indexstand von 6.736 Punkten in den DAX ein — zu einem Kurs, der dem Indexstand von 4.650 Zählern entspricht. Der Preis dafür ist die Begrenzung des Gewinns. Die Ertragsobergrenze liegt bei 5.000 Zählern. Maximal sind somit 5,56 Prozent Jahresgewinn erzielbar. Sinkt der DAX bis zur Fälligkeit Mitte 2013 nicht um mehr als 25,77 Prozent unter 5000 Zähler, erzielen Anleger die Maximalrendite. Erst beim Absturz unter 4650 Punkte entsteht Verlust.
Keine Limitierung hat dagegen das Minimum-Variance-US-Zertifikat der RBS. Es beinhaltet zwölf Titel aus dem S & P 500, die durch geringe Volatilität hervorstechen. Dazu zählen Titel wie McDonald’s, Coca-Cola, Procter & Gamble oder Philip Morris. Die schwankungsarmen Bluechips entwickelten sich in den vergangenen zwei Jahren nur minimal schlechter als der S & P 500, hatten allerdings weit geringere Kursausschläge. In der Baisse von Anfang August bis Ende Dezember 2011 legten sie sogar stark zu, während der breite US-Index kräftig nachgab. In der Finanzkrise verlor das Papier zwar, aber erheblich weniger als der S & P 500. Das Zertifikat eignet sich für mittel- und langfristige Investoren, die aber das US-Dollarrisiko beachten sollten.
Neben diesen Indexpapieren gibt es für Anleger auch noch die Möglichkeit, durch Streuung ihres Kapitals über verschiedene Anlageklassen ihr Risiko zu senken. Dafür bieten sich defensive Mischfonds an. Sie setzen überwiegend auf Rentenpapiere und mischen je nach Marktlage einen geringen Teil Aktien bei.
Eine attraktive und äußerst stabile Wertentwicklung hat damit in der Vergangenheit der Bantleon Opportunities S erzielt. Im Februar 2008 kam der Fonds auf den Markt — zunächst nur für institutionelle Anleger. Seit Oktober 2010 gibt es auch eine Privatanlegertranche. In jedem Kalenderjahr hat der Fonds bisher einen Gewinn erwirtschaftet. Für seine überdurchschnittliche Performance 2011 in seiner Kategorie (plus 5,5 Prozent) bekam er jüngst einen FundAward. Ganz klar steht bei diesem Fonds Kapitalerhalt an erster Stelle. Dazu wird das Anlegergeld in sichere Anleihen aus der Eurozone investiert. In einem konjunkturellen Aufschwung können dann bis zu 20 Prozent Aktien dazukommen. Darüber entscheidet ein hauseigenes Prognosemodell, das bisher die Wendepunkte sehr gut antizipierte.
Wer noch breiter streuen möchte, kann zum vermögensverwaltenden Fonds M&W Privat greifen. Der kann zusätzlich zu Aktien und Anleihen auch in Edelmetalle, Rohstoffe, Fonds und Derivate investieren. Die Hamburger Vermögensverwalter Martin Mack und Herwig Weise betrachten den liquiditätsgetriebenen Aufschwung an den Märkten sehr skeptisch. Sie bleiben deshalb defensiv positioniert, was sich auch in der aktuell hohen Gewichtung von Edelmetallen (rund 30 Prozent) in ihrem Portfolio widerspiegelt. Seit Auflage im Dezember 2006 gewannen Anleger mit dem Fonds rund 50 Prozent.
Im Überblick: Fünf Produkte für Risikoaverse (PDF)
Für Unentschiedene
Rendite ja, aber mit Absicherung
Für Anleger, die vom Aktienaufschwung profitieren, aber nicht gleich voll ins Risiko gehen wollen, gibt es eine Reihe attraktiver Investments. Geeignet wären etwa dividendenstarke Aktien. Denn regelmäßige, hohe Ausschüttungen federn Kursrückschläge ab. Nachdem dividendenstarke Aktien ab Mitte vergangenen Jahres sehr gefragt waren, rotieren Anleger derzeit in riskantere Papiere hinein.
Die aktuelle Schwächephase bietet langfristig orientierten Investoren gute Einstiegschancen. Doch sie sollten auf Unternehmen setzen, die ihre Dividende nachhaltig steigern können. Dazu zählt der Pharmakonzern Roche. Auf Basis der Schätzungen für 2012 kommen die Schweizer auf eine Dividendenrendite von rund 4,5 Prozent. Für 2013 würde die Rendite auf fünf Prozent steigen.
Wer sich mit Dividendentiteln grundsätzlich anfreunden kann, aber breiter streuen möchte, sollte einen börsengehandelten Indexfonds (ETF) in Erwägung ziehen. Mit dem Global Select Dividend 100 von db x-trackers setzen Anleger auf die 100 Konzerne mit der höchsten Dividendenrendite in Europa, Amerika und Asien. Eine globale Streuung ist bei Dividendenanlagen sinnvoll, da sie das Risiko mindert. So litten Europas Dividenden-ETFs in der Finanzkrise besonders stark, da in den Indizes Finanzwerte hoch gewichtet waren. Die Ausschüttungs- rendite beim Global Select Dividend ETF liegt derzeit bei rund sechs Prozent, rund ein Drittel der enthaltenen Firmen stammt aus den USA.
Eine andere Möglichkeit, Stabilität ins Portfolio zu bringen, ohne auf Renditechancen zu verzichten, sind Wandelanleihen. Sie kombinieren die Sicherheit und die festen Zinserträge von Bonds mit den Kurschancen von Aktien. Dabei gilt: Wandelanleihen machen zwei Drittel der Aufwärtsbewegung von Aktien mit, aber nur ein Drittel der Abwärtsbewegung. Für den Einstieg bietet sich ein Fonds wie der Lilux Convert an, der weltweit in diese Papiere investiert. Mit einer Wertentwicklung von mehr als 60 Prozent über die vergangenen drei Jahre und der FondsNote 1 gehört er zu den herausragenden Produkten dieser Kategorie.
Ebenfalls in der Topliga spielt der Multiple-Opportunities-Fonds der Kölner Vermögensverwaltung Flossbach von Storch. Seit Auflage im Oktober 2007 — kurz vor Ausbruch der Finanzkrise! — hat der aktienlastige Mischfonds um rund 54 Prozent zugelegt. Und 2011 schnitt er mit einem Plus von 7,4 Prozent klar als bester seiner Kategorie ab. Der Grund ist, dass der Fonds zwar stark in Aktien investiert ist (derzeit zu rund 60 Prozent), aber diese Positionen bei Bedarf strikt absichert. Neben Aktien von großkapitalisierten Unternehmen setzt Fondsmanager Bert Flossbach auch auf Gold und Silber sowie Wandelanleihen.
Discountzertifikate haben ein ähnliches Chance-Risiko-Profil wie Wandelanleihen. Mit ihnen sind aktienähnliche Renditen bei weit geringeren Verlustgefahren möglich — etwa beim Euro-Stoxx-50-Discounter der BNP Paribas. Sinkt der Europa-Index bis zur Fälligkeit im Juni 2013 nicht unter den Cap von 1950 Punkten, beträgt die Höchstrendite pro Jahr 7,1 Prozent. Erst ein Kursrückgang um 29 Prozent unter 1.777 Zähler beschert Verluste.
Im Überblick: Fünf Investments für unentschiedene Anleger (PDF)
Bildquellen: Julian Mezger