von A. Hohenadl, J. Castner, T. Aigner, E. Eder und P. Gewalt, €uro am Sonntag
Aus Sicht von Angela Merkel beginnt gerade der anstrengendste Abschnitt eines Marathonlaufs. Diesen Vergleich zur Eurokrise bemühte die Kanzlerin höchstselbst unlängst im Bundestag. Etwas profaner formuliert Kurt Kotzegger, Anlagestratege der österreichischen Raiffeisen Capital Management, was er 2012 erwartet: „Am wahrscheinlichsten ist, dass wir in der bisherigen Tonalität ,weiterwursteln‘.“
Europas Schuldenkrise, das machen nicht nur diese beiden Aussagen klar, wird Investoren auch im kommenden Jahr beschäftigen. Und der mögliche Ausgang liegt in einer weit größeren Spanne als der zwischen Ausdauerlauf und Durchwurstelei. Viele Volkswirte und Analysten sind deshalb dazu übergegangen, verstärkt in Szenarien zu denken. Alles ist mittlerweile vorstellbar: von einer nachhaltigen Lösung der Eurokrise 2012 bis hin zum Auseinanderbrechen der Währungsunion mit desaströsen Folgen.
Beruhigend immerhin: Die Mehrzahl der Auguren misst dem Katastrophen-Szenario nur eine geringe Eintrittswahrscheinlichkeit zu. Dass es Europas Politikern 2012 gelingen wird, das Vertrauen der Märkte vollständig zurückzuerobern, daran glaubt allerdings niemand so recht. Das wahrscheinlichste Szenario ist vielmehr: Die Politik setzt ihre Bemühungen fort, eine Fiskalunion mit Schuldenbremsen, Kontroll- und Sanktionsmechanismen zu etablieren. Da dies jedoch ein langer und mühseliger Weg ist, wird 2012 der Europäischen Zentralbank (EZB) zunächst die Schlüsselrolle bei der Krisenbekämpfung zufallen. „Auf kurze Sicht ist Liquidität das dringlichste Problem“, meint Ad van Tiggelen, Anlageexperte bei ING Investment Management. „Mit Liquidität kauft man Zeit. Und Zeit ist dringend erforderlich, damit Südeuropa Probleme wie mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und Flexibilität wirksam angehen kann.“
Zeichen stehen auf Geld drucken
Sobald die EZB ihre konventionellen Mittel ausgeschöpft und die Zinsen unter 1,0 Prozent gesenkt hat, wird sie entgegen bisheriger Beteuerungen verstärkt Staatsanleihen der Eurokrisenstaaten aufkaufen.
Damit schlügen die Währungshüter einen Kurs der geldpolitischen Lockerung ein, wie ihn bereits die US-Notenbank Fed verfolgt. Deren Aktionen und eine Weiterführung der staatlichen Konjunkturprogramme dürften dafür sorgen, dass die USA auch 2012 der Rezession entgehen. Allzu viel Wachstum sollten Anleger aber nicht erwarten. So
hat die Industrieländerorganisation OECD in ihrem jüngsten Wirtschaftsausblick ihre Prognose für 2012 von 3,1 auf 2,0 Prozent gesenkt. Viele Ökonomen gehen sogar von Werten deutlich unter zwei Prozent aus.
Raum für positive Überraschungen bietet allerdings die Tatsache, dass 2012 ein Präsidentenwahljahr ist. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Mit höherer Wahrscheinlichkeit beenden die US-Börsen ein solches Jahr im Plus als im Minus. Denn die amtierende Regierung versucht mit aller Macht, die Wirtschaft vor dem Urnengang noch mal auf Trab zu bringen, um die Chancen auf eine Wiederwahl zu erhöhen. Ob das Präsident Barack Obama gelingen wird, hängt auch davon ab, wie heftig die Störfeuer vom Alten Kontinent sein werden. Dass die Wirtschaft der Eurozone in Zeiten des „Deleveraging“, also der Schuldenrückführung, heftig auf die Bremse tritt, scheint ausgemachte Sache zu sein.
Gerade mal 0,2 Prozent Wachstum erwartet die OECD 2012 für die Länder der Währungsunion. Viele Ökonomen rechnen sogar mit einem Abrutschen in die Rezession. Am besten dürfte noch Deutschland mit einem Miniwachstum von rund einem halben Prozent abschneiden.
Wachstumsraten jenseits von sechs Prozent werden dagegen auch 2012 Schwellenländer wie China, Indien oder Indonesien liefern. Zwar dürften auch sie die Schwäche der Industrienationen zu spüren bekommen, doch wegen zurückgehender Inflationsraten eröffnet sich ihnen Spielraum, die Wirtschaft mit Zinssenkungen anzukurbeln.
So wird es auch im kommenden Jahr Anlagechancen geben – bei zugegeben hohen Unsicherheiten und Risiken. Speziell Aktien könnten überraschen. Anders als manche Staaten sind viele Unternehmen in hervorragender Verfassung und haben ihre Verschuldung gesenkt, einige sitzen auf Bergen von Cash.
Zwar dürften die Gewinne 2012 zurückgehen. Doch die Bewertungen sind in vielen Fällen bereits sehr günstig. Ein Umfeld, in dem die Zinsen niedrig sind oder weiter gesenkt werden und die Notenbanken viel Liquidität bereitstellen, begünstigt tendenziell riskantere Investments. Zudem wird vielen Investoren mangels Alternativen nichts anderes übrig bleiben, als ihr Geld in Aktien zu stecken. Zwei Prozent Zinsen bei drei Prozent Inflation wirken bereits „wie eine Art Vermögensteuer“, sagt Anlageexperte Thomas Grüner von Grüner Fisher Investments.
Auf starke Kursausschläge – zumindest in der ersten Jahreshälfte – müssen sich Anleger nach Meinung vieler Experten indes einstellen. „Im Verlauf des Jahres sollte an den Börsen ein verhaltener Optimismus allmählich zurückkehren“, meint Jörg Zeuner, Chefökonom der VP Bank. „Aktien werden dann unter Umständen auch vom beherzten Eingreifen der EZB profitieren.“