von Sven Parplies, €uro am Sonntag
Fast hätte man es vergessen: Trotz Staatsschuldenkrise und Kurscrash an den Aktienmärkten verdienen viele Unternehmen noch immer prächtig. Laut Finanzdienst Bloomberg werden die 30 deutschen Topkonzerne in diesem Jahr zusammen 74 Milliarden Gewinn einsacken. Davon werden auch die Aktionäre profitieren: Laut Hochrechnung von €uro am Sonntag werden die DAX-Mitglieder für das laufende Jahr 26,9 Milliarden Euro an Dividenden ausschütten. Das wäre knapp eine Milliarde mehr als 2010. Basis unserer Prognose sind die bisherigen Geschäftszahlen, Gewinnerwartungen und die Dividendenpolitik der Unternehmen.
Die kräftigsten Aufschläge dürfen die Aktionäre der Autobauer erwarten: Volkswagen und BMW haben ihre Gewinne vor allem dank der Nachfrage aus China massiv gesteigert und steuern 2011 auf neue Rekordgewinne zu. Das wird sich auch in den Dividenden niederschlagen.
Bei Volkswagen und BMW erwartet die Redaktion Dividendensteigerungen von über 70 Prozent. Daimler dürfte etwas vorsichtiger vorgehen. Nicht nur, weil die Gewinne bei den Schwaben weniger deutlich gestiegen sind. Daimler gehört zu jenen Konzernen, die auf dem Höhepunkt der letzten Krise in die Verlustzone gerutscht waren. Deutliche Dividendensteigerungen können Anleger auch bei K + S und SAP erwarten. Über den gesamten Index dürfte die Dividende bei 18 Unternehmen steigen. Einschnitte erwartet die Redaktion bei Allianz, Lufthansa, RWE und Eon. Bei den restlichen neun Unternehmen sollte die Dividende unverändert bleiben.
Trotz insgesamt hoher Ausschüttungen wird die Staatsschuldenkrise auch die Dividendensaison des DAX überschatten. Börsenprofis erwarten, dass die Unternehmen angesichts der makroökonomischen Risiken nicht unnötig Geld aus der Hand geben werden.
Der Trend zeigt sich bereits bei Siemens. Der Industriekonzern, dessen Geschäftsjahr anders als bei den meisten DAX-Konzernen bereits mit dem September endete, hat eine Dividende von drei Euro je Aktie angekündigt. Das sind 30 Cent mehr als im Vorjahr, aber weniger als von Analysten im Vorfeld erwartet. Grund für die leichte Enttäuschung: Siemens schüttet einen geringeren Teil seines Gewinns aus als 2010, die bereinigte Quote sinkt von 46 auf 41 Prozent. Die gegenwärtigen Turbulenzen an den Märkten erforderten eine „starke finanzielle Flexibilität“, meint Siemens-Chef Peter Löscher.
Ähnlich argumentiert Infineon. Es wäre nicht klug, die „strategische Liquiditätsreserve“ aufzubrauchen, erklärte Konzernchef Peter Bauer.
Ausgerechnet die Dividendenschwergewichte im DAX sind die größten Problemfälle im Index. Die Deutsche Telekom hat bereits in der Vergangenheit mehr Geld ausgeschüttet, als sie operativ erwirtschaftete. Neuen Spielraum soll eigentlich der Verkauf der US-Mobilfunksparte bringen, der Deal aber droht am Widerstand der Wettbewerbshüter in den USA zu scheitern. Mit 70 Cent je Aktie dürfte der rosa Riese dennoch erneut insgesamt drei Milliarden Euro auszahlen. Gerade mal vier Cent weniger, als Analysten derzeit als Jahresgewinn voraussagen.
Dividendenstars im Sinkflug
Eon und RWE sind als Versorger eigentlich kaum abhängig von konjunkturellen Schwankungen und daher als sichere Dividendenzahler beliebt. Nach dem Atomausstieg der Bundesrepublik aber stehen beide unter Druck und werden ihre Ausschüttungen drastisch kürzen. Eon hat Investoren bereits auf einen Abschlag von 1,50 auf 1,00 Euro je Aktie eingestimmt.
Vor einer schweren Entscheidung steht Munich Re. Der Versicherer hat seit 1969 seine Dividende nicht ein einziges Mal gesenkt. Um die Serie zu halten, muss sich der Konzern mächtig strecken, denn 2011 war finanziell ein Desaster: Eine Serie von Naturkatastrophen, vor allem das Beben in Japan, hatte die Münchner im ersten Quartal tief in die Verlustzone gerissen. Von Januar bis September ist der Gewinn um 96 Prozent eingebrochen. Eine massive Dividendenkürzung wäre eigentlich logisch, soll aber vermieden werden. Man strebe weiterhin eine Dividende „in Höhe des Vorjahres“ an, so Finanzvorstand Jörg Schneider Anfang November gegenüber Analysten.

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Brisant wird auch die Dividendenentscheidung der Deutschen Bank. Der Finanzriese muss die Interessen der Aktionäre berücksichtigen, zugleich aber die Kapitalbasis stärken. Obwohl der Gewinn der Frankfurter in den ersten neun Monaten des Jahres um 140 Prozent auf mehr als vier Milliarden Euro gestiegen ist, erwartet €uro am Sonntag für die Deutsche Bank eine Ausschüttung auf Vorjahresniveau von 700 Millionen Euro. Keine Gedanken muss sich die Commerzbank machen. Da der Konzern noch immer von Staatshilfe abhängt, ist eine Ausschüttung kein Thema. Die Commerzbank ist der einzige DAX-Wert ohne Dividende.
Eine verlässliche Dividendenpolitik gilt für viele Anleger als wichtiges Entscheidungskriterium beim Aktienkauf. Statistiken zeigen, dass etwa 40 Prozent der langfristigen Rendite von Aktieninvestments der jährlichen Ausschüttung zu verdanken sind. Immer mehr DAX-Konzerne stellen deshalb Richtlinien für ihre Dividendenpolitik auf. Die Allianz etwa gibt 40 Prozent des Nettogewinns als Richtwert aus. BMW hatte sich zuletzt gesträubt, stellt jetzt „mittelfristig“ 30 bis 40 Prozent des Konzernergebnisses in Aussicht.
Fresenius verweist gern auf seine Serie: 17 Jahre in Folge hat das Unternehmen nach eigenen Angaben die Ausschüttung regelmäßig angehoben. Allerdings liegen die Bad Homburger bei der Dividendenrendite deutlich unter dem DAX-Durchschnitt. Auch die Fresenius-Tochter FMC sowie Adidas werden ihre Ausschüttungen erneut anheben. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass diese Unternehmen ihren Aktionären eine unattraktive Dividendenrendite von weniger als zwei Prozent bieten.
Nachdem an der Börse bis zur Eskalation der Schuldenkrise im Sommer vor allem zyklische Aktien mit starker Ausrichtung auf Schwellenländer gesucht waren, ist die Dividende inzwischen wieder zu einem wichtigen Anlagekriterium geworden: Auf Basis unserer Prognose kommt der DAX derzeit auf eine Dividendenrendite von mehr als vier Prozent und wirft damit deutlich mehr ab als deutsche Staatsanleihen. Zehn Indexmitglieder kommen derzeit sogar auf Dividendenrenditen von mehr als fünf Prozent. Allerdings sollten Anleger bei der Aktienauswahl nicht nur auf die absolute Kennziffer achten. Eine extrem hohe Dividendenrendite ist oft ein Alarmsignal, dass die Konzerne die Ausschüttung nicht dauerhaft halten können. Generell ist die Unsicherheit bei Unternehmen aus zyklischen Branchen überdurchschnittlich groß. Als Orientierung dient das Krisenjahr 2008 – damals hatten vier DAX-Mitglieder ihre Dividende komplett gestrichen.
Auch die Aktionärsstruktur gibt Hinweise auf die künftige Dividendenpolitik. Der Großteil der Dividende der Telekom etwa fließt über den Großaktionär Bundesrepublik Deutschland in den Staatshaushalt. Bei ThyssenKrupp und Fresenius halten Stiftungen große Aktienpakete. Bei VW freut sich das Land Niedersachsen über steigende Ausschüttungen. Und die Vergütung des Aufsichtsrats der Wolfsburger richtet sich stark nach der Höhe der Dividende.
DAX-Analyse Alle Daten zur Dividende 2011 (pdf)