Zum Jahreswechsel wird Blei gegossen, Horoskope haben Hochkonjunktur. Auch im Börsenbereich finden die Jahresprognosen der Analysten und Banken reißenden Absatz. Aber sind diese vielen Vorhersagen nicht lediglich phantasiereiche Szenarien, von denen zufällig einige eintreten und andere eben nicht?
Es gibt natürlich keine „sicheren“ Börsen-Prognosen. Zu viele Faktoren, die sich jeder Analyse entziehen, beeinflussen den Börsenverlauf. Denken Sie z. B. an Fukushima. Es geht demnach immer nur um die Frage der Wahrscheinlichkeit, und hier sind diejenigen Hilfsmittel zu bevorzugen, die sich durch ihre hohe Eintrittswahrscheinlichkeit über viele Jahre bewährt haben.
Einer der zuverlässigsten Indikatoren ist der US-Präsidentschaftszyklus. US-Präsidenten setzen unliebsame Reformen oft direkt nach ihrer Ernennung durch, um in der zweiten Hälfte ihrer Amtszeit im Hinblick auf eine mögliche Wiederwahl die Wirtschaft zu stimulieren. Daraus ergeben sich wiederkehrende Börsenmuster. Nach der Präsidentschaftswahl entwickeln sich die US-Börsen eher träge, Vorwahl- und Wahljahre verlaufen meist positiv. Grundsätzlich ist somit erst einmal davon auszugehen, dass das Wahljahr 2012 in den USA positiv verläuft. Allerdings ist es nicht ratsam, sich lediglich auf ein Prognosemittel zu verlassen. Die Analyse sollte durch weitere Prognosemittel, beispielsweise die Charttechnik, untermauert werden.
Schauen wir dazu auf den marktbreiten S&P500: Er befindet sich, wie im Chart erkennbar, seit dem Finanzcrash 2008/09 in einem perfekten Aufwärtstrendkanal. Dieser ist mittlerweile durch fünf Auflagepunkte bestätigt. Auffällig ist zudem, dass der Kurseinbruch im Zusammenhang mit der Euro-Krise 2011 genau an der unteren Aufwärtstrendlinie sein Ende fand. Dies unterstreicht die hohe Relevanz. Es ist somit davon auszugehen, dass der Aufwärtstrend fortgesetzt wird.
Allerdings nähert sich der S&P 500 dem wichtigen Widerstandsbereich bei 1345 Punkten. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es dem S&P 500 nicht sofort gelingen wird, diesen Bereich zu überwinden. Zwischen 1300 und 1370 Punkten dürfte es demnach zunächst zu einer eher seitwärtsgerichteten Entwicklung kommen, die erst in der zweiten Jahreshälfte nach oben aufgelöst wird.
Damit untermauert die charttechnische Situation die positive Tendenz des Präsidentschaftszyklus. Solange dieser Trendkanal im S&P 500 noch intakt ist, sollten sich Anleger demnach trotz aller Bedenken und möglichen Horrorszenarien im Zusammenhang mit der Euro-Krise erst einmal keine Sorgen machen.
Kurzvita des Autors
Jochen Steffens arbeitet seit vielen Jahren als freier Wirtschaftsjournalist für viele renommierte Börsenpublikationen.
Auf www.stockstreet.de gibt er den Newsletter „Steffens Daily“ und weitere Börsenbriefe heraus.
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